Kommentar zur Ehe für alle

Nun ist es wohl soweit. Eine Abstimmung über die Ehe für alle im Bundestag und das ohne Fraktionszwang. Die Chancen stehen also mehr als gut für ein positives Ergebnis. Für die Ehe für alle. Sie kommt nach so vielen Jahren also doch.

Warum jetzt? Nun da gibt es mehrere Möglichkeiten: Zum einen die Bundestagswahl, die bald ansteht. Andererseits berichtete die Kanzlerin auch von einem "einschneidenden Erlebnis". Sie sei von einer lesbischen Frau eingeladen worden, die mit ihrer Partnerin und 8 Pflegekindern zusammen lebt. Merkels Erkenntnis lautet nun: wenn das Jugendamt einem lesbischen Paar acht Pflegekinder anvertraut, kann der Staat nicht mit dem Kindeswohl gegen Adoptionen und die Gleichstellung argumentieren. Danach fällt der Satz: "Allein die Tatsache, dass deutsche Jugendämter so entscheiden, dass es besser ist, ein Kind in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung aufwachsen zu lassen, als bei Vater oder Mutter, wo vielleicht einer von zwei Elternteilen dem Kind jeden Tag Gewalt antun...".

Und genau an dieser Stelle muss ich einhaken, wie es ein Mann vor Ort im Publikum auch tat. Es stand also zur Debatte, ob ein Kind bei einem gleichgeschlechtlichen Paar besser aufgehoben ist als bei einem das Kind misshandelndem Elternteil? Ist dies die große Erkenntnis, die uns zur Ehe für alle führt? Schwule sind also doch nicht so schlimm, wie sie mal dachte. Die Aussage, die nun den Weg ebnet für einen rechtlichen Befreiungsschlag für gleichgeschlechtliche Paare trotzt vor Homophobie im widerlichsten Maße.

Ich bin schwul und ja, ich freue mich über die Aussicht meinen Freund in Zukunft voraussichtlich heiraten zu können. Aber sollte man Personen die jahrelang eine derartige Diskriminierung unterstützt haben dankbar sein, dass sie damit nach Jahren aufhören? Ich denke nicht. Wer jemanden diskriminiert, vorsätzlich bewusst verletzt und das über Jahre hinweg, dem werde ich nicht um den Hals fallen, wenn er damit aufhört. Diese Person werde ich für diese Jahre, für jeden einzelnen Tag der Diskriminierung mit verantwortlich machen.

Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen im Alter von 12 -25 Jahren ist 4-7 mal höher als von Jugendlichen im Allgemeinen, und bei der Gefahr der Erkrankung an Depressionen, Essstörungen, dem Suchtmittelmissbrauch verhält es sich unter ihnen ebenfalls viel höher. Warum? Weil hier in Deutschland eben noch nicht alles okay ist.

Weil die Diskriminierung auch hierzulande noch immer vorhanden ist. Schwul ist immer noch ein Schimpfwort, in der Schule wird in der Sexualkunde und sonstwo immer noch nicht auf die sexuelle Vielfalt abseits von Hetero-Beziehungen eingegangen. Schwulenfeindliche Übergriffe selbst im all zu toleranten Berlin haben sich in letzter Zeit gehäuft.

In allen anderen Ländern sind Zahlen von an Depressionen erkrankten queeren Jugendlichen zurückgegangen und damit auch die Suizidrate, als die Ehe für alle dort beschlossen wurde. Weil eine politische Entscheidung dieser Art eben eine große Symbolwirkung hat und die Gesellschaft vorantreibt. Ich freue mich über die baldige Abstimmung. Wahrscheinlich werde ich sogar vor Freude weinen.

Aber man sollte nicht vergessen auf welche Weise sie dann nun Zustande gekommen ist. Denn die zeigt, Ehe für alle hin oder her: Homophobie ist noch da. Mitten im Deckmantel der angeblichen Toleranz.

Ein Kommentar von Till Otte 

Das Foto im Facebook-Link wurde ursprünglich von laverrue auf Flickr gepostet. Es ist unter Creative Commons Bedingungen lizensiert. 


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