Buch-Rezension "Unter einem Dach"

4000 Kilometer trennen Deir ez-Zor und Hamburg. Deir ez-Zor liegt in Syrien, dort lebte und studierte Amir Baitar. In Hamburg lebt der ZEIT-Redakteur Henning Sußebach mit seiner Familie. Im Winter 2015 / 2016 zieht Amir in das Haus der Familie. Ein Buch über das Kennenlernen, Zusammenleben, Verständnis füreinander entwickeln. Und auch über die Probleme des Zusammentreffens zweier Kulturen ...

 

2015 kamen rund eine Millionen Geflüchtete nach Deutschland. "Wir schaffen das", hatte Angela Merkel gesagt. Der Journalist Henning Sußebach und seine Familie dachten sich: dieses wir schließt auch uns ein. Und so bewarben sie sich darum, den 24-Jährigen Amir Baitar bei sich aufnehmen zu dürfen. Ende des Jahres 2015 zog Amir von einer Flüchtlingsunterkunft in Sachsen nach Hamburg.  

Für ein ordentliches deutsches Leben braucht es eine Bedienungsanleitung. (Henning Sußebach)

Im Buch "Unter einem Dach" beschreiben Henning und Amir abwechselnd ihre Sicht auf das Zusammenleben. Worüber haben sie nachgedacht, bevor sie sich kennenlernten? Wie funktioniert das Zusammenleben? Aber auch: welche Probleme und Verständigungsschwierigkeiten gibt es?

Deutschland war für mich: Hitler, Nazis, Mercedes und Bayern München. (Amir Baitar) 

Die Erzähungen von Henning und Amir sind mal amüsant, dann wieder ernst. Als ZEIT-Journalist weiß Henning Sußebach, wie er Leser*innen fesseln kann. Er ordnet seine Gedanken und Bedenken ein, erzählt lebendig vom ersten Treffen mit Amir oder den WhatsApp-Nachrichten über Luxusautos, die er mit ihm wechselt.

Aber auch Amirs Texte, im Original auf Arabisch geschrieben und anschließend übersetzt, müssen sich dahinter nicht verstecken. So erzählt Amir von einem Spaziergang mit Henning; dreißig Minuten laufen sie durch Hamburg und treffen dabei nur sech Menschen – drei davon Flüchtlingskinder aus Syrien. Wie soll ich da denn Deutsche kennenlernen?, fragt Amir. Während des Lesens des Kapitels schmunzelt der Leser und erkennt sich darin als Stubenhocker wieder. Doch auf der Metaebene regt das Kapitel durchaus zum Nachdenken an: wie sehr bewegt man sich nur in eng abgesteckten Kreisen? Wie oft lernt man neue Leute kennen? Und was sagt das über eine Gesellschaft aus?

Wenn jemand seinen Nachbarn besuchen möchte, muss er einen Termin vereinbaren, als ginge er zu einer Regierungsbehörde. (Amir Baitar) 

Das Buch spart auch die Probleme des Zusammenlebens nicht aus. Und tatsächlich: als größter kultureller Unterschied stellt sich die Religiösität heraus. Amir ist Moslem, er betet fünfmal täglich. Davor muss er sich waschen – doch das ist im Gästebad nicht so einfach. Weil er sich nicht traut, das anzusprechen, und weil die Sußebachs Amirs Rituale nicht kennen, wäscht sich der Syrer zunächst im Waschbecken und mit einer Colaflasche über der Toilette. Und auch das Frauen- und Familienbild ist unterschiedlich und führt zu unterschiedlichen Wahrnehmungen der gleichen Situation. Auch die Gegenüberstellung dieser Wahrnehmungen hat trotz des Ernsts ihres Themas ein gewisses Humorpotential.

 

"Unter einem Dach" ist ein kurzweiliges Buch mit kurzen Kapiteln. Es lässt sich entweder am Stück verschlingen, oder in kleinen Portionen genießen. Und es bietet jede Menge Denkanstäße und Gesprächspotential. Ein Buch, das auch im Sommer 2017 noch aktuell ist.

 

"Unter einem Dach" kostet 19,95€ – eine Leseprobe findet ihr hier.