„Das Plakat ist völlig nichtssagend!“

Von Laura Bartels

Politiker/-innen reden viel, gerade zur Wahlkampfzeit. Doch was sagen sie genau, welche Worte wählen sie und was bedeuten sie? Politolinguist/-innen beschäftigen sich auf wissenschaftlicher Ebene damit, welche Worte Politker/-innen wann wählen und was diese aussagen. Mit der Linguistin Prof. Dr. Dagmar Hüpper hat sich Laura Bartels über die aktuelle Wahlkampfsprache unterhalten. 

Martin Schulz, Angela Merkel, Cem Özdemir und Sarah Wagenknecht lächeln mich an, als ich mich auf dem Weg zum Germanistischen Institut der Uni Münster mache. Sie alle hängen momentan nicht nur in Münster an fast jedem Pfahl oder Laterne – oft sogar übereinander, sodass man im Vorbeifahren kaum lesen kann, was sie eigentlich zu sagen haben. Was die Poster und die Kandidatinnen aussagen (möchten), ist manchmal gar nicht so einfach zu klären.

Hilfreich ist hierbei die Erfahrung von Frau Prof. Dr. Dagmar Hüpper, emeritierte Sprachwissenschaftlerin der Uni Münster. Mit ihr bin ich zum Interview verabredet. Und Frau Hüpper nimmt sich Zeit für das Interview. Eine Stunde sprechen wir über Plakate, Wortwahl, Aussagen und neue Medien. Vor allem zum Thema Wahlkampfsprache kann sie einiges erzählen. Sie hat im Jahr der letzten Bundestagswahl, 2013, als auch im letzten Herbst ein Seminar zur Wahlkampfsprache an der Uni angeboten. „Sprachliche Strategien und nicht Sprachliches“, so Frau Hüpper, „machen das Thema interessant (…), ebenso wie die verschiedenen Kommunikationsformate wie Social Media zum Beispiel.“ Besonders spannend sind hier die Wahlkampfphasen, für die Linguistin „Phasen verdichteter Politik“, aus denen sich einiges ablesen lässt. Wie äußert sich ein Politiker / eine Politikerin zu einem Thema, welche Worte benutzt sie, welche nicht – das ist ein Bereich der Politolinguistik, den Frau Hüpper untersucht. 

Prof. Dr. Hüpper bei der Arbeit (Foto: Laura Bartels)

 

Facebook, Twitter und Instagram

Im Herbst 2016 analysierte Frau Hüpper mit einigen Studierenden den Vorwahlkampf der Parteien. Besonders im Social Media Bereich war der Vorwahlkampf schon zu spüren. Twitter und Facebook sowie Instagram wurden von allen Parteien mehr oder weniger bespielt. Auffällig ist, dass kein Slogan aus der Zeit übernommen wurde. Die FDP warb beispielsweise im Herbst mit den Aussagen „German Angst und German Mut“ - im aktuellen Wahlkampf ist von diesen Begriffen nichts mehr zu lesen oder zu hören. Die Parteien benutzen also für die verschiedenen Phasen unterschiedliche Begriffe und Slogans. Auch wenn dieser Eindruck noch nicht wissenschaftlich bewiesen ist, lassen sich Unterschiede in der Sprache in den verschiedenen Wahlkampfphasen ausmachen, sagt die Linguistin.

Parteien nutzen Schlagwörter, um sich abzugrenzen

Slogans oder Begriffe haben in der Germanistik bestimmte Bezeichnungen. Parteien benutzen Schlagwörter, die in Fahnenwörter oder Unwert- oder Hochwörter unterteilt sind. Teilweise sind einzelne Wörter eng mit den Parteien verbunden, sie lassen sich als Fahnenwörter bezeichnen. Es sind Wörter, „die die Parteien für sich reklamieren.“ Man kann sich das so vorstellen, „als würde sich die Partei versammelt hinter ein Wort stellen und sagen, dieses Wort ist jetzt unsere Fahne“, erklärt die Linguistin. Die FDP nutzt freie Marktwirtschaft als Fahnenwort, für die CDU ist christlich als eines zu betrachten. Die Linke hat als ein Fahnenwort antikapitalistisch, für die Grünen ist es ökologisch und die SPD nutzt Solidarität. Fahnenwörter sind also Worte, die eine Ausrichtung der Partei mit einem Wort ausdrucken und die laut, Frau Hüpper, „bei einer Partei überall wieder im Programm auftauchen.“

Im Gegensatz zu den Fahnenwörten, sind Hoch- oder Unwertwörter zwar auch an eine Partei gebunden, allerdings ist ihre Verbindung mit einer Partei nicht ganz so eng und kann wechseln; sie sind eher Ausdruck einer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Hochwertwörter werden von den Parteien für sich selbst benutzt, z.B. Bedingungloses Grundeinkommen für die Linke. „Unwertwörter sollten dagegen gemieden werden“, rät die Linguistin. Sie sind negativ konnotiert und können abwertend gedeutet werden. Oft werden sie einer Partei für eine andere genutzt. Bspw. wurden die Grünen im letzten Bundestagswahlkampf als Verbotspartei diskreditiert, weil sie einen vegetarischen Tag in der Woche in öffentlichen Kantinen forderten.

Mehr Inhalte als 2013?

2013, erzählt Frau Hüpper, warb die CDU auf ihren Plakaten nur mit dem Portrait der Kanzlerin. 2017 variieren die Plakatgestaltungen. Mit kurzen Slogans wie für Sicherheit und Ordnung möchte die CDU nun Wähler/-innen überzeugen. Frau Hüppers Eindruck ist generell, dass die Parteien dieses Jahr einen politischeren und inhaltsvolleren Wahlkampf betreiben als vor vier Jahren. Sichtbar wird dies auch an einem Plakat der SPD, was wir gemeinsam ansehen. Auf ihm stehen fünf große Hochwert- und Fahnewörter, die die Partei ausmachen. Zu lesen sind auf dem Plakat fünf Schlagworte: Solidarität, Zusammenhalt, Bürgerversicherung, soziales Europa und Willkommenskultur. Viel Inhalt für ein Plakat. Die Begriffe werden allerdings nicht nur von einer Partei genutzt, viele dieser Begriffe  finden sich auch im Wahlprogramm oder auf Plakaten anderer Parteien.

Wahlplakat vom SPD-Kandidierenden Robert von Olberg (Foto: Laura Bartels)

 

Inhalte der Plakate ähneln sich

Fast jede Partei verwendet Begriffe wie Europa, Wirtschaft, Sicherheit oder Deutschland. Für die Linguistin sind solche parteiübergreifenden Begriffe sogenannte Schlüsselbegriffe. Auch sie sind allerdings Kontext- und vor allem Zeitgebunden. Dies wird zum Beispiel an dem Begriff Willkommenskultur deutlich. 2013 war das Thema Migration oder Einwanderung kein Thema im Wahlkampf, dieses Mal positioniert sich jede Partei dazu. Zwar lässt sich daraus auch etwas gesellschaftliches deuten, für die Politolinguistin ist aber die Wortwahl, die Syntax und die Frage wie und wann das Wort verwendet wird, entscheidend. Natürlich sind Worte dennoch eng mit Emotionen und Einstellungen verbunden. Insbesondere in der heutigen Zeit ist das ein viel diskutiertes Thema, an dem wir in unserem Gespräch nicht vorbei kommen.

Emotionen spielen im Wahlkampf eine Rolle

So sprechen wir abschließend noch darüber, wie Emotionen in den verschiedenen Wahlkampfbereichen vorkommen. Vor allem im Wahlwerbespots sind diese viel zu finden, verstärkt durch Musik und Bilder. Auch im Hörfunk oder eben auf Plakaten wird versucht ein Bild zu erzeugen, oft verknüpft mit einer Emotion. In Münster hat die Spitzenkandidatin einer Partei mit einem Hund auf großflächigen Plakaten allen Bürgern schöne Ferien gewünscht. Fraglich ist, ob das bei den potentiellen Wähler/-innen irgendwelche Emotionen hervorruft, intendiert ist es zumindest.

Wir reden auch darüber, wie die AfD und andere rechte Parteien für sich und ihre Themen werben, denn insbesondere rechte Parteien versuchen, ihre Wahlwerbung mit Emotionen zu verknüpfen.  Frau Hüpper macht deutlich, dass bei diesen Parteien vor allem mit der Emotion Angst geworben wird. Begriffe wie Flüchtlingswelle oder Migrationsflut appellieren nicht an das rationale Verständnis der Wähler/-innen, sondern bedienen Emotionen. Insbesondere, „da diese Begriffe etwas Unkalkulierbares im Sinne einer Naturkatastrophe beinhalten.“ Welche Emotionen und vor allem  Folgen diese Worte bei den Wähler/-innen haben, lässt sich als Linguistin, so Frau Hüpper, nicht nachprüfen.

 

Wahlplakat der FDP (Foto: Laura Bartels)

„Die Informationsflut ist so groß, dass man es nicht mehr überschauen kann.“ 

Am Ende des Gesprächs wird deutlich, dass es im wissenschaftlichen Bereich noch einige Lücken zu füllen gibt, was Wahlkampfsprache angeht. Frau Hüpper hat hier insbesondere die sozialen Netzwerke im Blick, sie äußert sogar die Vermutung, dass diese in absehbarer Zeit als 5. Gewalt in Deutschland einzuschätzen seien. Und schon jetzt passiert in den Netzwerken soviel, dass man es kaum überschauen kann. Außerdem haben wir in dem Gespräch über Wahlkampfsprache und -Plakate festgestellt, dass es die Parteien in ihrem Verhalten zum Teil sehr ähnlich agieren, ähnliche Themen ansprechen und sich auch im Social Media Bereich ähnlich verhalten. Ob das die Entscheidung, wo man das Kreuz setzt, einfacher macht, ist abzuwarten.

Autor: Laura Bartels
Erstellt: 22. September 2017