Interview mit Suntrigger

Die Mitglieder der Münsteraner Post-Rock-Band machen nicht erst seit gestern Musik. Im Interview haben wir uns mit ihnen unter anderem darüber unterhalten, was sie an instrumentaler Musik so fasziniert und inwieweit sich die Samples in ihr Debütalbum "Interstellar" integriert haben.

Euer Debütalbum "Interstellar" ist jetzt seit rund fünf Monaten draußen. Wie kommt es bisher an?

Marcel: Wie sich die Platte verkauft hat, werden wir erst in naher Zukunft erfahren. Aber die Resonanzen bezüglich der Rezensionen in den Magazinen sind hervorragend. Da gibt es bisher noch keinen Verriss. Also da können wir uns im Prinzip nicht beklagen.

Ihr tretet ja momentan hauptsächlich in Münster und Umgebung auf. Wie reagiert das westfälische Publikum auf instrumentalen Post-Rock?

Till: Ich glaube die Reaktion des westfälischen Publikums ist natürlich eher erstmal innerlich. Also man würde jetzt nicht sehen, dass Leute wie wild ausflippen, wenn sie unsere Musik hören. Aber was mich dann doch freut, ist, dass man merkt, wie die Zuhörer sehr intensiv zuhören und irgendwann auch anfangen, sich zu bewegen - jeder so auf seine Weise.

Oliver: Es ist sehr schön, dass man die Leute emotional einfach mitbekommt. Es gibt eigentlich zwei Gruppen von Zuhörern. Die einen hören gerne Post-Rock, die sind natürlich dann sehr schnell drin. Die Anderen kommen dann hinterher auf einen zu und sagen: "Joa, instrumental... war ja trotzdem toll" und das ist ganz schön, dass das so gemischt rüberkommt.

Würdet ihr sagen, dass ihr thematische Einflüsse außerhalb der Musik habt?

Till: Da muss man erstmal drüber nachdenken (alle lachen)!

Oliver: Ja natürlich gibt es verschiedene Einflüsse, die dann am Ende auch musikalisch widergespiegelt werden. Bei dem Song "Lost" geht es zum Beispiel um die Emotion, verloren zu sein. Als wir das Teil 2015 aufgenommen hatten, gab es die große Welle der Flüchtlinge. Da haben wir uns dem Thema dann auch mal so genähert, dass wir uns gefragt haben, was denn überhaupt Menschenrecht oder Asylrecht ist. Deswegen haben wir bei "Lost" dann speziell von der ersten Versammlung der UN eben auch dieses Sample von Eleanor Roosevelt genommen und bewusst auch eingesetzt, um ein Zeichen zu setzen. Der Song hat natürlich schon sehr viele düstere Anteile, aber letztendlich auch eine Form der Hoffnung. Die hat man dann auch gesehen, als hier die Bevölkerung noch eingesprungen ist. Speziell in Münster gab es eine sehr große Solidaritätswelle, das fanden wir schon klasse. Und das wollten wir auch widerspiegeln.

Ihr verwendet häufiger Samples am Anfang von Songs. Sind diese Ausschnitte auch ein Weg für euch, ohne Text Botschaften zu übermitteln?

Till: Klar, die Samples sind sicherlich auch Botschaften. Aber die stehen letztlich nicht am Anfang des Songwritings. Es ist eher so, dass man sich dann überlegt, was die Message des Songs trifft und sie unterstützt.

Oliver: Wir haben es noch nie rückwärts gemacht - also dass wir ein Sample hatten und sagten "da müssen wir jetzt einen Song bauen". Zuerst ist der Song da und dann fragt man sich, was damit thematisch passt, was das eingrenzen kann, was das fokussieren kann. Da sind natürlich auch Elemente von diesen Samples drin, die das dann auch sprachlich rüberbringen, was vielleicht sonst der Gesang rüberbringen würde. Aber erstmal ist die Musik da und die Idee, die dahinter steht. Dazu werden dann entsprechend Sound-Fragmente oder Samples oder Keyboard-Melodien zusammengesetzt. Viele Sachen sind von YouTube oder von anderen Bereichen, die man sich dann eben durchguckt und sich davon Fragmente nimmt und die zusammenbaut, verzerrt, verzieht, auseinander schnippelt, neu zusammensetzt und damit kreativ arbeitet.

Marcel: Wenn die Elektronik mal ausfallen sollte oder die Samples mal ausfallen sollten, funktionieren die Songs aber auch ohne. Man kann nicht sagen, dass wir darauf zurückgreifen müssen. Wir könnten die Songs auch mit einer ähnlichen Message ohne die Samples abfeuern.

Was reizt euch denn an der rein instrumentalen Musik?

Marcel: Mich hat eigentlich immer schon Instrumentalmusik interessiert. Ich habe nie Gesang gebraucht, um eine Band gut zu finden. Es gibt Hörer, die für sich grundsätzlich Instrumentalmusik ausschließen. Ich finde durch instrumentalmusik kann man genau so eine Message rüberbringen wie mit Gesang. Dazu kommt auch, dass das ein ganz anderes Songwriting ist, das man betreibt. Wir sind keine Backing-Band für einen Sänger oder eine Sängerin und auch nicht für irgendwelche Lyrics, die rübergebracht werden wollen. Da wir ein Trio sind, hat jeder auch ziemlich viel Platz und kann sich entsprechend einbringen.

Funktioniert das Songwriting bei euch denn demokratisch, sodass jeder eigenen Input hat?

Marcel: Meist bringt Till Fragmente mit, also würde ich schon sagen, er ist der Haupt-Songwriter oder Ideenbringer. Aber andererseits ist es immer ein demokratischer Prozess, einen Song zu einem Gesamtgebilde zu bringen. Es ist nie so gewesen, dass einer von uns einen Song mitgebracht hat und gesagt hat "so Jungs, jetzt müsst ihr das genauso umsetzen, wie ich mir das vorgestellt habe". Die Songs entstehen erst nachträglich. "Suntrigger" ist der einzige Song, der während einer Jam-Session entstanden ist.

Mit zwölfminütigen Songs und fünfminütigen Schlagzeugsolos scheint es klar zu sein, dass euer Ziel nicht unbedingt ein Top 10-Hit in den Charts ist. Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Band?

Oliver: Das es so weitergeht wie jetzt. Wir sind in der Lage, hier das zu machen, was wir machen wollen. Wir können uns hier komplett austoben. Wir wünschen uns, dass man ein bisschen größere Festivals spielt, bisschen größere Gigs hat aber im Prinzip einfach so, dass es einfach so die Rampe aufwärts geht. Damit sind wir eigentlich so zufrieden und es macht sehr viel Spaß. Ich mache jetzt seit 25 Jahren Musik in einer Band und das ist genau so, wie ich es mir auch vorgestellt habe. Wir haben Freiraum, können das tun, was wir wollen. Wenn es dann ein bisschen größer wird, werden wir auf einen Sound festgelegt und dann wird es immer schwieriger.

Auf mich wirkte das Album auch musikalisch wie ein Konzeptalbum. Würdet ihr sagen, dass es einen roten Faden gibt, der sich durch eure Musik zieht?

Till: Der Titel des Albums ist ja "Interstellar". Man könnte jetzt meinen, das Thema des Albums ist Raumfahrt oder die Reise durchs All. Das stimmt zum Teil sicher auch, aber das Leitmotiv des Ganzen ist das Thema Unendlichkeit und das hat eben die verschiedensten Dimensionen. Das gibt's eben auch auf der Erde, es gibt unendliche Weiten, unendliche Meere, aber auch unendliche Konflikte und Emotionen. Mit diesem Thema haben wir uns auseinandergesetzt und von daher kann man schon sagen, es sei das Verbindende.

Von welchen anderen Bands lasst ihr euch inspirieren?

Marcel: Es ist glaube ich ganz schön, dass wir zwar schon auch einen gleichen Nenner haben, aber der Musikgeschmack von uns Dreien deutlich auseinander driftet. Da ist 80s-Pop drin, da sind Metal-Elemente drin, Stoner-Rock, vielleicht sogar hier und da ein bisschen Gothic-Anleihen.

Oliver: So 60s- und 70s-Elemente sind auch drin - á la The Who. Wir haben auch Krautrock drin. King Crimson findet man auch wieder. Man findet natürlich auch sehr viele Sachen direkt von Post-Rock Bands, Russian Circle zum Beispiel. Wir sind trotzdem noch eher auf der Rock-Schiene geblieben.

Till: Für uns ist ganz wichtig, dass wir die Musik im Proberaum entstehen lassen. Erst im Proberaum merkt man, was wirklich rüberkommt, welche Idee wirklich zieht oder was vielleicht auch schon zuviel ist. Das ist immer unser wichtigster Test. Die Feuerprobe einer Idee ist im Proberaum.

Auch wenn es im Münsterland eher unwahrscheinlich ist: Stellt euch vor, ihr seid auf einer einsamen Insel gestrandet. Welches Album muss bei jedem von euch unbedingt dabei sein?

Marcel: "Time's Up" von Living Color.

Oliver: "Thunder and Consolation" von New Model Army ist so der Soundtrack für mein restliches Leben geworden.

Till: Also ich wäre sehr unglücklich, wenn ich keins dabei hätte, aber es gäbe sehr viele, die ich da gerne mitnehmen würde.Es müsste aber schon rockig sein.


Von:
Lennart Knebel