Klimawandel - IQ

Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Dabei wird er häufig undifferenziert und unwissenschaftlich besprochen. Nach einigen Fortschritten wie dem Pariser Abkommen gab es in letzter Zeit wieder einige politische Rückschläge. In welche Richtung geht es, und was könnten Vorbilder für eine gute Klimapolitik sein? Mit diesen Fragen haben wir uns bei IQ beschäftigt.

 

 

Das Paris Agreement

Im November 2015 verabschiedeten die 195 Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) das Pariser Übereinkommen. Am 4. November 2016 trat es in Kraft, mittlerweile ist es von 144 Staaten ratifiziert worden.

Das Paris Agreement ist das erste völkerrechtlich bindende Klimaschutzabkommen.
Jedes Land legt dabei selbst fest, welchen Beitrag es zur Einhaltung des Klimaschutzes leisten will.
Das ist ein häufiger Kritikpunkt, weil die Zielsetzung dadurch ausgebremst wird.

Professor Dr Andreas Löschel, der die Bundesregierung als Vorsitzender der Expertenkommission für Energie der Zukunft in Klimafragen berät, hält diese Lösung dennoch für einen interessanten Ansatz: "Im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll hat man nicht mehr von oben herunter festgelegt, was jeder machen soll. Die einzelnen Staaten haben sich eigene Ziele gegeben." Dadurch werde nicht mehr über Köpfe hinweg entschieden, sondern allen Mitgliedsstaaten Souveränität zugestanden.

Aber zahlt sich die Eigenverantwortung aus?

Hauptziele des Paris Agreement:

  • Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau.
  • Anpassung an den Klimawandel, vor allem an Entwicklungen, die nicht mehr abgewendet werden können.
  • Anpassungen der Wirtschaft an eine nachhaltige Entwicklung mit niedrigen Treibhausgasemissionen.

Auswirkungen des Pariser Übereinkommens

Schon jetzt sind Auswirkungen des Paris Agreement spürbar. Viele Länder haben ihre Treibhausgasemissionen bereits gesenkt. Doch noch ist das nicht genug. Auch marktwirtschaftliche Anreize werden nötig sein, um die Ziele des Pariser Übereinkommens zu erreichen.

Das Paris Agreement gilt als das fortschrittlichste und verbindlichste Klimaschutzabkommen bisher. Am Telefon ist jetzt Jörg Sommer. Er ist Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und hat 2016, nachdem das Pariser Abkommen unterzeichnet wurde, ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Unter 2 Grad – Was der Klimavertrag wirklich bringt“. 39 Autoren, das waren unter anderem Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, haben die Situation analysiert und gewagt zu prognostizieren, was die Folgen des Abkommens sein werden.

 

Frage: Ein Jahr später haben sie vielleicht schon die erste Prognose, die sie machen können: Was bringt denn der Klimavertrag jetzt wirklich?

 

Sommer: Der Satz ist einfach: Es kommt drauf an, was man daraus macht. Sie haben natürlich völlig Recht, wenn Sie sagen, er hat eine besondere Verbindlichkeit. Im Grunde war es der erste Vertrag, der wirklich völkerrechtlich verbindliche Obergrenzen festgelegt hat. Man will ja unter die zwei Grad Erderwärmung kommen, wenn möglich nur 1,5 Grad. Das ist verbindlich. Nicht verbindlich sind die Beiträge der einzelnen Nationen, und das ist genau die Krux bei der Veranstaltung. Anders hätte man tatsächlich keinen Vertrag hinbekommen können, weil alle Länder, gerade die Länder in Asien und Afrika, selber sehr stark auf der einen Seite betroffen sind vom Klimawandel, auf der anderen Seite aber natürlich auch sehr wenig Mittel haben, und noch vor sehr großen wirtschaftlichen Entwicklungen stehen. Da konnte man letztlich nicht durchsetzen, dass jeder einen verbindlichen Beitrag leisten muss. Man hat aber etwas anderes durchsetzen können, und das finde ich sehr spannend und zukunftsweisend: Und zwar einen iterativen Prozess – Jedes Land muss regelmäßig abrechnen und zeigen, was es getan hat und darf nicht mehr dahinter zurückfallen, muss sich also alle fünf Jahre weiterentwickelt haben mit der CO2-Reduktion. Ein bisschen Mut macht auch die Tatsache, dass man ursprünglich davon ausgegangen war, dass der Vertrag erst 2020 in Kraft treten kann, wenn mindestens 50 Prozent der Nationen ihn ratifiziert haben, die auch für 55 Prozent der Emissionen verantwortlich sind. Das Ziel hat man schon in 2016 erreicht, und deshalb ist der Vertrag auch Ende 2016 im November schon völkerrechtlich in Kraft getreten. Da sind wir früher dran. Ob wir wirklich all das tun, was wir uns da gegenseitig versprochen haben, dass ist die andere Frage.

 

Frage: Da würde ich jetzt gerne noch ein bisschen einhaken und zwar bei diesem „völkerrechtlich verbindlich“. Das klingt ja jetzt sehr einhaltbar, aber Sie haben ja eben schon gesagt das ist gar nicht so einhaltbar, das ist eine Auflage, die aber auch irgendwie umgangen werden kann. Hätte man sich dann nicht auf irgendeinen anderen Vertrag einigen können als Grundlage?

 

Sommer: Es ist ja so, dass in Paris Vertreter von Staaten verhandelt haben, und nicht Vertreter von Umweltstiftungen wie zum Beispiel ich einer bin. Da hätten wir mit Sicherheit sehr schnell Einigkeit erzielt. Aber es gibt eben auch sehr viele Staaten, wie Schwellenländer, oder zum Beispiel China, die einen sehr großen Teil der Weltbevölkerung stellen, und auch einen ganz großen Teil der CO2-Emissionen produzieren – Übrigens auch für uns als verlagerte Werkbank – und die Chinesen natürlich nicht bereit sind, ihre wirtschaftliche Entwicklung zu stoppen oder auszubremsen, während andere Nationen schon Jahre vorher, oder wie wir schon seit über hundert Jahren durch hohen CO2-Ausstoß wirtschaftliche Entwicklungen hatten. Diese unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsgrade spielen da eine Rolle. Deswegen war es am Ende nur so umsetzbar. Es ist jetzt ja nicht so, dass ein Umgehen möglich wäre, sondern man hat als Nation eben die Möglichkeit, mehr oder weniger beizutragen. Uns wir wissen ja alle, am Ende sind für den größten Teil des CO2-Ausstoßes auch nur sehr wenige Hotspots der Welt verantwortlich. Wir müssen liefern, und das ist die spannende Herausforderung auch angesichts bestimmter Wahlergebnisse, die wir zum Beispiel in den USA hatten.

 

Das führt mich tatsächlich zum nächsten Thema. Donald Trump…

 

Sommer: Ja, gerne! (lacht)

 

Frage: ...und sein Umweltminister haben angekündigt, dass sie prüfen wollen, ob sie bei diesem Abkommen bleiben wollen. Können solche Entwicklungen die Klimaziele, die schon beschlossen wurden, jetzt wieder in Gefahr bringen?

 

Sommer: Ja und nein. Ja deshalb, weil ein Ausstieg natürlich jetzt ein fatales Signal wäre. Ob das völkerrechtlich so einfach möglich wäre – denn die USA haben den Vertrag bereits ratifiziert und unterzeichnet – das sei mal dahingestellt. Aber das Lustige und besonders Spannende ist ja die Antwort der US-amerikanischen Erdölindustrie auf Donald Trump. Kennen Sie die?

 

Nein.

 

Sommer: Da denkt man auf den ersten Blick, die würden jubilieren. Nein, die haben gesagt: Lieber Präsident, bleib doch mal bitte bei dem Vertrag. Darauf haben wir uns eingestellt, wir haben unser Wirtschafts- und Geschäftsmodell, unsere Investitionen, unsere Forschung reingesteckt in CO2-Minderung, zum Beispiel in Substitutionen von Erdöl, und wenn wir jetzt eine Kehrtwende machen um 180 Grad kommen wir mit unserem ganzen Businesssystem völlig aus dem Ruder. Also die sind gar nicht so begeistert, und deshalb glaube ich, dass das am Ende so ausgeht wie viele Trump‘sche Sprüche aus dem Wahlkampf: Viel heiße Luft und am Ende wird dann doch sehr wenig draus.

Viel gefährlicher ist aber etwas Anderes, was wir jetzt gerade zum Beispiel aktuell in Deutschland erleben, wo wir zum Beispiel mit dem ganz großen VW-Skandal erlebt haben, dass wir uns ja selber eins in die Tasche lügen, was unsere eigenen CO2-Emissionen angeht. Dass zum Beispiel auf EU-Ebene unsere eigene Bundesregierung interveniert und versucht zu verhindern, dass härtere, radikalere Kontrollen bei Automobilabgasen stattfinden.

Ich sage mal, die alltägliche Blockade, dass die Politik meint, weil sie den Lobbyisten der Wirtschaft einen Gefallen tun muss, einfach das ganze bremst, und wir viel zu langsam an die Umsetzung der Maßnahmen gehen, die wir erkannt haben, und die wir eigentlich auch zugesagt haben.

 

Frage: Das heißt also die Maßnahmen, die erkannt wurden, werden dann doch wieder aus wirtschaflichen und politischen Gründen in den Hintergrund gestellt. Oder sehen Sie das in dem Fall anders?

 

Sommer: Dieses Ziel „Unter zwei Grad“ ist ja auf den ersten Blick sehr abstrakt. Wir wissen aber schon sehr konkret, was es bedeutet, wenn wir es erreichen wollen. Wir müssen innerhalb von ungefähr 25 Jahren weltweit unter dem Strich netto den CO2-Ausstoß auf null runterfahren, und müssen noch zusätzlich CO2 aus der Atmosphäre holen, das wir da jetzt schon reingepumpt haben. Das ist eine irrsinnige Herausforderung. Und wenn ich mir dann anschaue, das ein deutscher Politiker noch ernsthaft darüber verhandelt, ob man denn wirklich noch schärfere Kontrollen für Dieselautos bräuchte, dann muss ich sagen da ist das Bewusstsein für die drängende Lage noch nicht wirklich angekommen.

 

Frage: Sind die Maßnahmen, die im Pariser Abkommen beschlossen wurden, denn dann jetzt wirklich weitreichend genug, um den Klimawandel überhaupt eindämmen zu können?

 

Sommer: Wenn jeder liefert, was er versprochen hat, würden wir den Klimawandel auf unter zwei Grad eindämmen. Das würde aber immer noch bedeuten, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass es zum Teil katastrophale Zustände in Afrika und Asien geben wird. In Asien leben über sechshundert Millionen Menschen in Hochwassergebieten oder küstennah, die unmittelbar betroffen sind von Einwirkungen des Klimawandels.

Es wird in Südeuropa bei einer Erderwärmung – einer durchschnittlichen Erderwärmung von zwei Grad – die Gemüseernte ungefähr auf die Hälfte gekürzt werden. Damit wir mal wissen, über welche Dimensionen wir reden. Es ist nicht so, dass wir jetzt noch so ganz einfach die Sache verhindern können. Wir werden trotz aller Bemühungen noch etwas Zweites tun müssen: Wir müssen uns darauf einstellen, dass es eine Klimaerwärmung gibt. Und das ist eine Herausforderung, an die wir uns bisher nur ganz sporadisch heranwagen.

Viele Herausforderungen also, die uns in puncto Klimawandel noch bevorstehen. Vielen Dank Jörg Sommer. Er ist Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, und hat 2016 im Zuge des Pariser Abkommens ein Buch herausgebracht mit dem Titel „Unter 2 Grad – Was der Weltklimavertrag wirklich bringt“.

In den frühen Achtzigern es deutet sich an, dass die Welt ein Problem hat. Ein großes, und es wird immer größer. Vom „Loch im Himmel durch Spraydosen“ schreibt die Bildzeitung, Greenpeace Aktivistin Karen Lohr verkündet gar den „letzten Akt für das Leben auf diesem Planeten.“

Der Grund für die Bedenken: Forscher haben über der Antarktis extrem niedrige Ozonkonzentrationen gemessen. Das Ozonloch ist entdeckt.

Ozon filtert schädliche UV-Strahlung aus dem Sonnenlicht. Ohne Ozon sind Mensch und Tier der gefährlichen Strahlung ausgesetzt. Das hat schlimme Folgen, erklärt Professor Otto Klemm, Klimaforscher am geologischen Institut der Uni Münster:

„Alle Lebewesen auf der Erde haben sich daran gewöhnt, dass es keine UV-Strahlung gibt. Wenn die UV Strahlung da wäre, dann würden wir jetzt Hautkrebs kriegen, andere Krankheiten. Das heißt unser ganzes Leben ist darauf eingestellt, diese Strahlung nicht zu ertragen, und deswegen ist diese Ozonschicht in der Stratosphäre auch extrem wichtig.“

Es dauert ein bisschen, bis die wissenschaftliche Welt überzeugt ist, den Mechanismus verstanden zu haben, der das Ozonloch verursacht. Die Übeltäter sind sogenannte Flourchlorkohlenwasserstoffe, Gase, die in der Industie zum Beispiel für Kühlschränke und als Treibmittel für Spraydosen verwendet werden. So praktisch und unschädlich die Gase am Boden sind, so dramatisch sind die Folgen für die Atmosphäre, sagt Professor Klemm:

„Die [Flourchlorkohlenwasserstoffe] kommen über kurz oder lang in die Stratosphäre und dann auch in die südliche Hemisphäre, also in die Stratosphäre über dem Südpol. Das kann Jahre dauern bis sie dort hingelangen, aber dort reagieren sie mit dem Ozon, und führen zum Abbau der Ozonschicht dort.“

Die Chemiker Molina, Rowland und Crutzen erhalten später den Nobelpreis dafür, dass sie den Mechanismus als erste vollständig beschrieben haben.Die wissenschaftliche Welt ist sich einig, dass es ein Problem gibt, und sie weiß, wie man es lösen kann.Die Politik ist früh davon überzeugt, und handelt trotz des Drucks aus der Industrie überraschend schnell. 1987 wird das Montreal Protokoll international angenommen, 1989 tritt es in Kraft. Es verbietet jeglichen Einsatz von Flourchlorkohlenwasserstoffen. Ein drastischer, weil notwendiger Schritt.

„Das ist eine der ganz großen Erfolgsstories der Umweltforschung und der darauf folgenden Umweltpolitik. Von daher sind wir jetzt auf einem sehr guten Weg. Und man hofft, dass vielleicht bis zur Mitte dieses Jahrhunderts das Problem ganz behoben ist. Von daher eine tolle Story, wo wirklich einmal Umweltforschung sich schnell durchgesetzt hat in Umweltpolitik und international dann realisiert worden ist“, sagt Otto Klemm. Um hier wirklich eine Veränderung zu erzielen, müsse man sich vor allem im Straßenverkehr komplett umstellen und den Verkehr mit Diesel- und Benzinautos drastisch - um 90-100 Prozent - einschränken.

Heute spielt Ozon in der Klimapolitik eher eine untergeordnete Rolle. Zum Problem wird Ozon eher, wenn zu viel davon in unteren Atmosphärenschichten auftritt, weil es als Treibhausgas wirkt und außerdem toxisch ist. Dieses tiefere, schlechte Ozon wird ebenso wie CO2 und andere Treibhausgase bei Verbrennungsprozessen frei.

Die Geschichte des Ozons könnte ein gutes Beispiel für funktionierende Klimapolitik sein, und ein Hilfe für den Umgang mit heutigen Problemen. CO2, Methan, Stickoxide. Doch die Situation ist hier deutlich komplizierter, sagt Professor Klemm:

"Das Kohlendioxidproblem ist natürlich ein ganz anderes. Kohlendioxid wird so ziemlich überall emittiert. Überall wo irgendwelche Verbrennungen stattfinden, das kann man nicht einfach verbieten oder einschränken, man muss da viel komplexer vorgehen."

Die notwendigen Maßnahmen wären um einiges drastischer, und erfordern ein starkes Umdenken. Um hier wirklich eine Veränderung zu erzielen, müsse man sich vor allem im Straßenverkehr komplett umstellen und den Verkehr mit Diesel- und Benzinautos drastisch - um 90-100 Prozent - einschränken.

Trotzdem: Vereinbarungen wie das Montreal-Protokoll zeigen, dass die Situation nicht hoffnungslos, und die Politik nicht machtlos ist. Vereinbarungen wie das Paris Agreement sind ein erster wichtiger Schritt für eine Klimapolitik im Einundzwanzigsten Jahrhundert. Weitere Schritte und eine konsequente Umsetzung müssen jetzt folgen.


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