Fatherson - Open Book

Ein Erfolgserlebnis zu haben ist, so traurig das auch klingen mag, eigentlich nichts Besonderes. Diesen Erfolg zu wiederholen, auf ihm aufzubauen, es das nächste Mal noch besser zu machen, ja das ist die wahre Herausforderung – und wenn es denn dann klappt, im Grunde sogar der wahre Erfolg. Und das gilt für viele Bereiche. Die zweite Saison soll so für Aufsteiger in der Fußballbundesliga die schwierigste sein, genau wie auch erst das Sophomore-Album das wirkliche Können einer Band zeigt. Nun hat aber beispielsweise Bundesligatrainer Thomas Tuchel bereits vor wenigen Jahren mit dem 1. FSV Mainz 05 diese ungeschriebene Regel gebrochen und im zweiten Jahr sogar den Bundesligastartrekord mit sieben Siegen von Bayern München eingestellt. Und die Musiker, die es zustande gebracht haben, einen mehr als ebenbürtigen Nachfolger des Debüts hervorzubringen, lassen sich ebenfalls nicht nur an einer Hand abzählen. Dennoch erwartet man schon gar nicht mehr viel vom gefürchteten zweiten Versuch – die Hoffnungen zerplatzen doch ohnehin wie eine Seifenblase, oder?

Die Alternative-Rock-Band Fatherson hat sich von diesem allgemein prophezeiten Schicksal allerdings nicht abschrecken lassen. Auf ihr Debüt "I Am An Island" (2014), welches das Trio aus Glasgow nicht nur Lobeshymnen der Presse einheimsen ließ, sondern ihm obendrein erst kürzlich den Support-Slot von Biffy Clyros exklusivem Radiokonzert in Münster verschaffte, folgt nun "Open Book". Ein wenig voller und imposanter im Sound, doch noch immer wiederzuerkennen und vielleicht gerade deswegen auch noch immer absolut (format-)radiotauglich – und vor allem für die große Bühne gemacht. Ob dies nun gut oder schlecht ist, darf jeder für sich selber entscheiden. Obwohl manche Songs genau dadurch aber auch schnell langweilig werden können.
Böse Zungen würden an dieser Stelle wohl behaupten, Fatherson wollten auf Sicherheit spielen, im Gegensatz zum bereits genannten sportlichen Pendant Thomas Tuchel nicht mal etwas gänzlich Neues ausprobieren, eben keine Risiken eingehen. Lieber Musik schreiben, von der auszugehen ist, dass sie der breiten Masse gefällt.

Schlecht ist sie dadurch aber natürlich nicht gleich, zumal sie vor allem das selbstbewusst gewordene Songwriting gut unterstreicht. Zu Beginn von "Lost Little Boys" ist die Instrumentierung zum Beispiel noch zurückgenommener, baut sich jedoch schnell immer mehr auf und lässt so keinen Zweifel daran, was die wirklich wichtigen Zeilen für die Band sind. "I need your help, I need it honestly. I can't stand upright these days. But you owe me that, yeah you owe me that. 'Cause we're just lost little boys, making a name for ourselves".

Das hervorstechendste Merkmal der Texte ist jedoch der unglaubliche Kitsch hinter allem, der gerade durch die wunderbar deutliche Artikulation von Sänger und Gitarrist Ross Leighton nicht zu überhören ist. Zeilen wie "I'm scared that you find out that I'm an open book with no pages" ("Open Book") gehen so Lyrics wie "You look right through me like you chasing ghosts, those little parts of me that no one knows. We're changing rapidly but holding on to all those little things that made you strong" ("Chasing Ghosts") voraus. Trotzdem alles keine Konkurrenz für das hochemotionale "Joanna". Minimalistisch instrumentiert (viele Parts sind tatsächlich noch die Demo-Version des Tracks) und unüberhörbar einer ganz besonderen Person gewidmet: "And you never noticed so I never told you all of my secrets, but my heart still called for you".

Ob Fatherson dank "Open Book" nun bald zu den Bands gehören werden, die dem gefloppten zweiten Album entrinnen konnten, steht so also freilich noch in den Sternen. Schlechte Arbeit haben sie gewiss nicht geleistet, doch zweifellos hätte ein bisschen weniger auf Sicherheit spielen und ein bisschen mehr Risiken eingehen durchaus vorteilhaft sein können. Regeln brechen kann eben auch von Vorteil sein. Hat ja auch schon Thomas Tuchel bewiesen.


Von:
Leonie Wiethaup
Label: 
Easy Life / Sony RED
VÖ: 
03.06.2016
Herkunft: 
Glasgow, Schottland