AnnenMayKantereit – Alles Nix Konkretes

Mit Anfang Zwanzig steht einem das ganze Leben noch offen und man hat eine Fülle an Optionen. Dass diese Optionen nicht nur Vergnügen, sondern genauso Angst und Beklemmung mit sich bringen, wissen auch Christopher Annen (25), Henning May (24) und Severin Kantereit (23). Die drei Kölner Musiker kennen sich seit Jugendtagen und haben diese Phasen zusammen durchlebt. Sie selbst haben mit Anfang Zwanzig die Band AnnenMayKantereit (AMK) gegründet und verarbeiten auf ihrem ersten Album “Alles Nix Konkretes” diese Erfahrungen. Noch bevor ihr Debütalbum überhaupt erschien, hat sich die Presse mit Lobeshymnen für die drei Jungs überschlagen – es kam zu Bezeichnungen wie ‘Band der Stunde’, ‘das nächste große Ding’ oder ‘heißeste Band’. Sowas lässt aufhorchen oder schreckt ab.
Sie haben jedoch schon vor Veröffentlichung des Albums dafür gesorgt, dass sie als vielversprechendste deutsche Newcomer-Band gehandelt werden. AMK machen sich bereits seit 2011 mit Liveshows und Videos bei Youtube einen Namen. Ihre Videos wurden zigfach geteilt und haben heute teilweise über zehn Millionen Klicks. So brachten sie 2015 ihre EP “Wird schon irgendwie gehen” heraus. Ein komplettes Album folgt nun.

“Alles Nix Konkretes”, das Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit zusammen mit ihrem vierten Mann Malte Huck aufgenommen haben, wurde von der deutschen Indie-Institution Moses Schneider (u. a. Tocotronic, Beatsteaks, Kante oder Olli Schulz) produziert. Das gesamte Album wurde live eingespielt, wodurch es ungeschliffen klingt. Dabei kennt man fast alle der Songs des Albums schon von ihren vielen Konzerten. Lieder wie “Barfuß am Klavier”, “21, 22, 23″, “3. Stock” oder “Oft gefragt”, die längst zu Klassikern der jungen Bandgeschichte geworden sind, dienen eher als solides Fundament, auf dem die restlichen Lieder bauen können. Noch nicht vorab erschienenes Material wie “Pocahontas” oder “Neues Zimmer” reihen sich jedoch in die Riege des rauen Singer-Songwriter-Pops mit cleveren Texten ein.

Neben der tragenden Rolle des Gesangs von May, verbinden AMK bewährt Pop und Folk mit ein wenig Rock und einer Spur Chanson oder Jazz. Dazu braucht es oft nicht viel. Manchmal reichen bereits Gitarre, Schlagzeug und Bass (“Pocahontas”, “Mir wär’ lieber, du weinst” oder “21, 22, 23″). Manchmal gesellen sich E-Piano (“Oft gefragt”, “3. Stock”, “Neues Zimmer” oder “Barfuß am Klavier”), Trompete/Posaune (“Bitte bleib”) oder Mundharmonika (“Wohin du gehst”) dazu. Die Instrumente spiegeln die Stimmung des Albums wider. So stechen “3. Stock” und “Barfuß am Klavier” mit ihrem Piano als ruhigere Liebeslieder heraus. “Wohin du gehst”, mit der Untermalung der Mundharmonika und dem Arrangement des Schlagzeugs, tendiert dagegen in Richtung Folk. In Liedern wie “Es geht mir gut” oder “Mir wär’ lieber, du weinst” zeigen sich wiederum chansonähnliche Passagen, während “Bitte bleib” auch auf einem Jazzalbum funktioniert hätte. Bei allen Liedern überzeugt Mays Stimme mit einer Mischung aus Tom Waits und Rio Reiser.

Ein Grund, warum AnnenMayKantereit so groß gehandelt werden, sind daneben ihre Texte. Die Texte handeln vom Leben mit Anfang Zwanzig, so wie in “21, 22, 23″: “Und du wirst 21, 22, 23 / Und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst [...] / Hast du überhaupt ‘ne Ahnung, wo du gerade stehst?”. Die Zerissenheit, die man in dem Alter hat, wird genau auf den Punkt gebracht. Mit diesen Gefühlen von Heranwachsenden treffen sie in das Herz einer Generation. Die Jungs sind irgendwie authentisch: “Und wenn ich endlich penne, ist schon wieder heller Morgen / Und ich hab die gleichen Sorgen, wie am Tag zuvor / Ich muss tausend Sachen machen und nehm’ mir viel zu viel vor“. Genau diese weitverbreitete Sehnsucht nach Authentizität und nach Unmittelbarkeit bedienen AMK. Ein weiteres Thema ihrer Lieder ist deshalb die Liebe: “Du warst allein zu Haus’, hast mich vermisst / Und dich gefragt, was du noch für mich bist“, singt May in “Oft gefragt”. Oder ebenso in “3. Stock”: “Immer wieder Warten, in leisen Telefonaten / worauf genau, weiß ich nicht, vielleicht auf dein Gesicht / erzähl’ mir von dir, um mich abzulenken / wenn das traurige Gedanken denken beginnt”. Die Texte wirken dabei zu keiner Zeit übertrieben oder kitschig, sondern führen dazu, dass man sich damit identifiziert, weil jeder solche Situationen kennt: “Ich hab mit dir gemeinsam einsam rumgesessen und geschwiegen / ich erinner’ mich am Besten ans gemeinsam einsam liegen”.

AnnenMayKantereit haben mit “Alles Nix Konkretes” ist ersehntes Debütalbum veröffentlicht, auf dem sie es verstehen, die prägnante Stimme von Henning May musikalisch zu untermalen. Musikalisch ist das Album weit oben anzusiedeln und bietet ein breites Spektrum. Wenn man allerdings die Hälfte der Lieder bereits seit über einem Jahr kennt, gehen die neuen Lieder schnell unter und verlieren sich im bereits Bekannten. Dadurch wird das Album nach mehrmaligem Hören blass. Einzig die Texte lassen einen immer mal wieder hellhörig werden.


Von:
Steffen Jöne
Label: 
Vertigo
VÖ: 
18:03.2016
Herkunft: 
Köln, Deutschland