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Am 28. Februar war euer erster Auftritt der Europa-Tournee in Berlin. Wie war die Show?

Brian: Wahnsinning. Es war ein riesen Spaß. Unsere Köpfe waren voll, weil wir so lange nicht mehr in Deutschland waren. Ich bin nicht sicher, was wir erwartet haben, aber wir haben sicher nicht diese Resonanz erwartet. Das ist wirklich unglaublich.

Christopher: Es ist großartig. Der Zuspruch, den wir bekommen haben, ist einfach warmherzig. Ja, wir sind einfach glücklich wieder hier zu sein und das die Leute sich für uns interessieren.

Ein besserer Zuspruch als nach den ersten drei Alben?

Christopher: Ich denke, es ist ziemlich ähnlich. Wir haben uns hier immer geliebt gefühlt. Vor allem in Deutschland haben wir immer tolle Shows. Es ist also beinahe dasselbe. Es hängt eher damit zusammen, dass wir seit fast sechs Jahren nicht mehr in Deutschland waren. Es fühlt sich einfach alles nochmal komplett neu an. Aber es ist großartig, es ist wirklich großartig.

Ich habe heute ein Bild von Nikki in Berlin gesehen und sie sah sehr entspannt und glücklich aus.

Nikki: Ja, es ist einfach schön wieder hier zu sein. (lacht)

Brian: Berlin ist toll, weil wir dort viele Menschen kennen. Manche Menschen Leben schon ewig dort, andere Menschen sind aus anderen europäischen Städten oder sogar unserer Heimatstadt, Los Angeles, dort hingezogen. Unser erstes Mal in Berlin war so interessant, weil wir am Ende eine Art Familie dort hatten. Wir haben nun so viele Freunde in Berlin. Es war daher ein guter Start.

Nach der Europa-Tour geht ihr mit Foals und Cage The Elephant auf Tour durch Amerika. Wie kamt ihr mit den beiden Bands in Kontakt?

Brian: Wir haben Cage The Elephant mit auf unsere erste Tour durch Amerika genommen, woraufhin wir uns anfreundeten. Und Foals gehören auch zu unserem Managment. Als wir anfingen Shows für das neue Album in Amerika zu spielen, waren sie unsere Vorband. Alle Bands entschieden sich zu treffen und diese verrückte, dreiwöchige Tour zu machen. Das erwartet uns noch hier nach. Wir kennen sie also schon seit einer Weile.

Eine solche Tour ist ja leider nicht für Europa oder Deutschland geplant.

Brian: Ich wünschte, das wäre möglich. Sollten wir sie mit hierhin bringen? (lacht)

Genau. Zu dritt nach Europa.

Brian: Ich wünschte, dass wir alle nach Europa kommen könnten. Es ist schon erstaunlich, dass wir drei Wochen touren. Jeder ist in seinem eigenen Bereich dermaßen beschäftigt. Das ist eine Art magisches Fenster, in dem wir das verwirklichen können und danach geht jeder wieder seinen eigenen Weg.

Kommen wir zu eurem neuen Album Better Nature. Euer viertes Album in zehn Jahren. Wie war der Prozess, um Better Nature zu produzieren?

Brian: Dieses Album sprudelte einfach aus uns heraus. Um ehrlich zu sein, war der Prozess kürzer. Auch wenn es ein bisschen gedauert hat bis das Album herauskam, weil wir es in Amerika auf unserem eigenen Label veröffentlicht haben. Ich würde sagen, dass das Album schneller aufgenommen wurde. Im Vergleich zu unserem zweiten Album hat es die Hälfte gedauert. Es entstand einfach leichter. Wir mussten nicht zu hart darüber nachdenken, weil wir so viel Material hatten.

Fällt es mit jedem Album leichter?

Brian: Nein. Einige Dinge werden zwar einfacher, andere Dinge hingegen schwerer. Ich glaube, man ist immer ein wenig frühstiert. Aber auf eine gute Weise, die dich fokussiert hält.

In einer Pause erzählen mir Brian Aubert und Christopher Guanlao belustigt, dass Nikki Monninger ein wenig Deutsch sprechen kann. Sie erwidert direkt auf Deutsch “Ich vergesse alles.” Die Jungs stacheln sie auch das gesamte Interview über an, auf Deutsch zu antworten. Dabei erklärt sie fortwährend, wie schwer die Sprache doch wäre. Die kurze Pause nutzen sie noch dazu, mir zu berichten, dass Nikki vor sechs Jahren, als sie das letzte Mal in Köln waren, ein Schloss an der Hohenzollernbrücke befestigt hat. Das Schloss hat sie noch vor dem Konzert gesucht und sogar wiedergefunden. Diese Pausen machen die Unterhaltung mit den Vier sehr angenehm, auch wenn man wieder zu den wesentlichen Themen zurückkehren muss.

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Das Album wurde von Alan Moulder produziert, der für seine Arbeit mit Nine Inch Nails oder Royal Blood bekannt ist. Hat die Zusammenarbeit eure Arbeit beeinflusst?

Brian: Ja, er war toll. Er hat es abgemischt. Wir konnten gar nicht glauben, dass er mit uns arbeiten wollte. Wir waren große Fans von ihm und er war so liebenswürdig. Es hat einen Moment gedauert, bis er unser Verständnis vom Album erkannt hat. Aber von diesem Moment an war es einfach fantastisch. Er brachte mehr Menschlichkeit und Verschwommenheit in das Album, was ich mag.

Meiner Meinung nach sind die neuen Lieder auf Better Nature elektronischer, als auf den ersten beiden Alben (“Carnavas”, 2006 und “Swoon”, 2009). Dennoch sind die Lieder auch weiterhin melodisch (z.B. “Pins & Needles”, “Friendly Fire” oder “Ragamuffin”) War es schwierig beides miteinander zu verbinden?

Brian: Wir haben schon immer avantgardistische Sounds und Sounds, die merkwürdig klingen, geliebt. Aber am Ende mögen wir Melodien und Lieder. Das ist in der heutigen Zeit ein wenig altmodisch. Beides zu kombinieren hängt damit zusammen, dass man sich als Band weiterentwickelt, je mehr Musik man schreibt. Man ändert sich als Band. Man hat verschiedene und andere Interessen. Man findet heraus, dass man ein größeres Spektrum benötigt, um sich selbst gerecht zu werden, während man die Musik schreibt. Selbst die Demos, um zu sehen, wohin die Musik geht, waren immer ziemlich schematisch und gleichzeitig doch frei. Pins & Needles ist ein gutes Beispiel. Es ist fest und schematisch und so merkwürdig, wie es ist, ist es gleichzeitig frei. Aus diesem Grund ist es auch ein komplizierter Song, der schwer live zu spielen ist.

Joe: Bei der Entstehung eines Liedes ist die Melodie das Wichtige. Der elektronische Teil steht hinter der Melodie und der Struktur zurück. Der elektronische Part kommt nie zuerst. Das Elektronische kommt vielmehr erst als Ausschmückung.

Nikki: Es ist einfach schön, dass wir die Lieder auch akustisch spielen können und sie dabei ebenso stark wirken.

Gewinnt der elektronische Sound für Indie- oder Alternative-Musik immer mehr an Bedeutung?

Brian: Man sollte dem Ganzen nicht zu viel Gewicht zuschreiben. Wir sind noch immer eine Rockband. Wir haben stets Bands wie Flaming Lips, Wilco, Radiohead oder Arcade Fire betrachtet. Es geht nicht darum, was sie machen. Letztendlich sind wir eine Rockband, egal womit wir es untermalen, es wird immer Gitarren geben. Über die Jahre, in denen wir Festivals spielen, waren wir die leiseste Band. Nun sind wir die Lautesten. Jeder arbeitet mit seinen Laptops. Aber ehrlich gesagt vergleichen wir uns nicht damit, was alle anderen machen. Darin kann man sich nur verlieren. Wenn wir darüber nachdenken würden, was andere Menschen denken, dann wären wir echt am Arsch. (lacht)

Tolle Bands, die du aufgezählt hast.

Brian: Ja, auf jeden Fall. Ich liebe Arcade Fire.

Christopher: Das bezieht sich auch auf deine vorherige Frage. Im Endeffekt geht es nur ums Songwriting. Songwriting ist das Wichtigste. Deshalb fokussieren wir uns als erstes darauf.

Wie verlief der textliche Prozess beim Album?

Brian: Normalerweise dreh ich fast durch, weil ich jedes Mal zu lange warte die Texte zu Ende zu bringen. Dieses mal fiel es mir einfacher. “Neck Of The Woods” (2012) war ein nostalgisches, sehr persönliches Album über die Vergangenheit. Dieses Album handelt komplett von der Gegenwart. Auch die Texte sprudelten einfach aus mir heraus. Das war das erste Mal, wo ich schlicht ein Notebook genommen und alles in einem Monat runtergeschrieben habe. In dem Monat hab ich auch viel überarbeitet und hatte dadurch bereits eine Menge vor dem Aufnehmen fertig. Ich möchte den Lyrics stets die meiste Aufmerksamkeit schenken.
Damit zu beginnen ist leicht, es zu beenden ist jedoch scheiße. Ich hasse das! (lacht)

Brian Aubert erzählt, dass man ihm sogar ansehen könnte, wie mühsam das Schreiben der Lyrics für ihn ist, weil er zu viel nachdenkt.

In einem früheren Interview hat Brian gesagt, dass sich die Mitglieder mit ihren Texten identifizieren können. Singt ihr also über eure eigenen Erfahrungen?

Brian: Die Texte kann eigentlich jeder auf sich beziehen. ich benutze meine persönliche Erfahrungen um über Themen zu reden, die ziemlich allgemein sind. Das ist eigentlich nichts großes oder einzigartiges.

Also kann sich eigentlich jeder damit identifizieren?

Brian: Ja, würde ich schon sagen. Wenn ich zu viel darüber rede, raube ich den Menschen ihre Interpretation. Wenn du einen Haufen Wörter liest und sie haben eine Bedeutung für dich, dann liegst du richtig. Nur weil ich sie geschrieben habe, ist meine Version nicht die Richtige.

Seid ihr zufrieden mit den Rezensionen und Rückmeldungen zu “Better Nature”?

Brian: Ja, wahnsinnig. Es ist verrückt. Wir denken nie groß darüber nach. Auch wenn wir das nun bereits viermal erlebt haben, ist es noch immer etwas komisch. Natürlich wissen wir, dass das Album irgendwann erscheint, aber wir sind einfach so stolz auf das Album. Man will nur nicht hören, dass das Album wie das alte Album klingt. Jedesmal wenn man ein neues Album herausbringt, bekommt man gesagt, dass es nicht so wie das alte Album klingt, welches die Leute nun noch mehr mögen.

Ja, aber Bands wollen sich doch weiterentwickeln und verändern.

Brian: Genau. Aber manchmal wollen die Menschen so ein Album, wie das, das sie lieben. Dabei konkurrieren die Alben nicht miteinander. “Carnavas” existiert für immer und wir werden nie wieder eins wie das machen.

Die Hälfte der Lieder auf dem neuen Album sind länger als fünf Minuten. Ist das beabsichtigt oder bloß ein Resultat des Prozesses?

Nikki: Anfangs waren sie sogar noch länger, aber wir haben sie im Studio gekürzt.

Brian: Wir denken nicht ausgiebig darüber nach. In unserem Kopf sind sie alle nur drei Minuten lang. Dann gucken wir auf die Uhr und sind überrascht. Das ist nicht beabsichtigt. Es ist nie wirklich beabsichtigt.

Christopher: Das einzige Mal, wo wir uns dessen bewusst sind, ist, wenn wir die Lieder auf eine CD packen. Dann realisieren wir, dass sie nicht alle auf eine CD passen. (lacht)

Brian: Oder wenn wir ein Festival spielen und wir noch dreißig Minuten haben. Andere Bands spielen in der Zeit gefühlt dreißig Songs und wir schaffen nur fünf Songs. Das ist uns allerdings echt egal. (lacht)

Mark Pellington hat ein unglaubliches Video zu “Nightlight”, der ersten Singleauskopplung, gedreht. Es ist fast wie im Film Noir Stil. Wie kam es zu der Idee?

Christopher: Als er mit uns darüber sprach, erzählte er, dass er eine Art Minifilm machen wollte. Deshalb gibt es einen Vor- und Abspann.

Brian: Das Einzige was wir machen mussten, war für zwei Stunden in Las Vegas auftauchen und in einem Raum singen. Ein echt verrücktes Video.

Ihr werdet oft mit den Smashing Pumpkins verglichen. Mögt ihr es mit anderen Bands verglichen zu werden?

Brian: Wir denken nicht all zu viel darüber nach. Wir wurden oft mit dem Smashing Pumpkins verglichen, als wir größer wurden. Leute brauchen Vergleiche um etwas beschreiben zu können. Uns ist das jedoch nicht wichtig.

Bevorzugt ihr es neues Material im Studio aufzunehmen oder spielt ihr lieber live vor Publikum?

Brian: Im Moment auf jeden Fall live spielen. Wir sind noch frisch und haben noch eine lange Tour vor uns. Ich glaube, dass wir noch immer die Mühen aus dem Studio in uns haben und die ein wenig loswerden müssen. Wir werden ein Weile nicht mehr im Studio sein.

Ist es schön die Reaktion des Publikums mit zu bekommen?

Brian: Ja, unglaublich.

Christopher: Das Adrenalin. Wir zehren vom Adrenalin einer Liveshow. Wenn man dazu verdammt ist im Studio zu sein und noch nicht weiß, was am Ende dabei herumkommt, ist es hart. Deshalb lieben wir es im Moment mehr live zu spielen. Und das Adrenalin ist gut für uns. Außerdem ist es schön all die Menschen zu treffen, die zu den Shows kommen und mit ihnen zu interagieren.

Vielen Dank für das Gespräch!


Von:
Steffen Jöne