Other Lives

Für Jesse Tabish, den Sänger der Band, war eben dieser orchestrale aber handgemachte Klang, genau der, den sie mit ihrem Album “Rituals” (2015) erreichen wollten. Und nun nach einem halben Jahr Tour sagt er: “Wir wissen, wie und was wir mit unseren Instrumenten machen können. Das bedeutet natürlich auch, dass wir beim nächsten Mal vielleicht alles wieder ändern.”

Wie hat sich eure Band seit der Tour mit Radiohead in 2012 entwickelt?

Ich denke, es ist einfach eines dieser Dinge, dass du eine so tolle Band spielen siehst. Und nicht nur die Band spielen zu sehen, sondern auch, dass sie schon so lange besteht, dass sie schon lange bestehen. Viele Bands werden langweilig und machen immer wieder die gleichen Dinge. Aber sie haben nicht aufgehört, sich selbst weiter zu pushen und weiterentwickeln. Ich denke, das hat uns am meisten inspiriert, diese Art und Weise, sich selbst anzutreiben, in Richtung Zukunft.

Haben sie euch Hinweise gegeben oder sind besondere Sätze hängen geblieben, die euch das Gefühl gegeben haben, damit würdet ihr es durch eine anstrengende Tour oder Ähnliches schaffen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Jede geht mit solchen Dingen auf seine eigene Weise um. Es ist schwer zu vertragen, bis du es tatsächlich musst. Und… naja, eine lange harte Tour zu machen, müde zu sein, du entwickelst eigene Techniken, um mit der Zeit unterwegs umzugehen.

Was würdest du sagen, hat die neue Platte (“Rituals”) seit “Tamer Animals” bis jetzt am meisten geprägt?

In unseren Köpfen wollten wir wirklich ein zweiseitiges Album produzieren. Eines, das auf der einen Seite diesen New Wave-Sound hat. Die Kombination von orchestralen Instrumenten, mit vielen Schlaginstrumenten, mit einer Vorwärts-Bewegung und schnellem Schritt. Und dann dieser Einschlag der Musik, der für uns natürlich ist, diese Art Folk, einen erdigen Klang. Also für uns war es so ein bisschen das Schaffen zweier Welten. Ich habe 60 Songs geschrieben für dieses Album und ich wollte diese Klangvielfalt zum Ausdruck bringen mit diesen Aufnahmen.

Also war es von Anfang an ein Gefühl, diesen speziellen neuen Sound zu produzieren?

Irgendwie schon. Ich war viel unterwegs während der Tamer Animals-Tour. Und die Straße wurde mein Zuhause, verstehst du? Ich war zwei Jahre durchgehend unterwegs… Ich wollte das irgendwie widerspiegeln, diese Art von Bewegung. Diese Art… es wiederholt sich, aber du bist unentwegt in Bewegung.

Ich habe gelesen, dass ihr vor allem klassische Musik hört, beziehungsweise das getan habt. Für das neue Album “Rituals” habt ihr aber auch andere Musik gehört.

Ja, weißt du, ich war in so einer Art Dunkelheit, was die Musik betrifft. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich mich wirklich hingesetzt und Talking Heads-Alben gehört habe, Dr John… diese ganzen Alben, die ich hätte hören sollen als ich so 19 war. Es war also eine interessante Zeit. All diese Klassiker, über die ich die Leute immer habe sprechen hören. Und naja, ich klinge vielleicht wie ein Idiot, wenn ich sage: “Hast du jemals diese Platte gehört? Sie ist fantastisch!” Und natürlich kennt sie jeder… aber, naja, ich habe mich in den letzten zehn Jahren mit klassischer Musik beschäftigt. Es waren vor allem Komponisten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Und die letzten zwei, drei Jahre war es mehr minimalistisch und auch aktuellere Sachen.

Inwiefern beeinflusst es den Stil eurer eigenen Musik?

Das tut es, insofern… ich muss mich schuldig erklären, ein aktiver Zuhörer zu sein. Wenn ich Musik höre, ist es immer ein wenig so, dass ich aktiv auf die Techniken achte und Ideen und wie Menschen andere Dinge machen. …es ist nicht wirklich ein Studium, denn ich habe sehr viel Spaß daran, ich liebe es, aber ich höre nun einmal aktiv zu, was die Leute machen.

Ich habe eine Aufnahme von euch bei 3voor12 aus diesem Frühjahr gesehen. Ich glaube, ihr habt mit einem Vibraphon gearbeitet. Spielt ihr viel mit eurem eigenen Klang, beziehungsweise, versucht ihr euren alten Stil mit dem der neuen Show zu kombinieren oder wie stelle ich mir das vor?

Absolut. Wir schreiben Songs, bringen sie mit ins Studio und versuchen das Wesen des Songs zu finden. Es ist also viel Layering, Rückwärts- und Vorwärtsgehen… und wenn wir es dann aufgenommen haben, merken wir, dass [in den Aufnahmen] ganz schön viel steckt [lacht] und wir müssen rausfinden, wie wir das dann live spielen können. Wir wollen die Songs wirklich so spielen, wie wir sie aufgenommen haben, wir versuchen all diese Elemente zusammenzubringen. Ich denke, während wir diese letzten sechs Monate auf Tour waren, ist es von selbst in dieses übergreifende Ensemble gewachsen. Wir wissen, wie und was wir mit unseren Instrumenten machen können. Das bedeutet natürlich auch, dass wir beim nächsten Mal vielleicht alles wieder ändern [lacht].

Fällt es euch manchmal schwer, Musik mit so vielen Multiinstrumentalisten zu produzieren? Verlangsamt es den Prozess?

Ich denke darüber nicht nach, wenn ich Musik schreibe. Ich habe nicht den Gedankenkonstrukt von einer Band oder einem Ensemble. Da bin ich sehr idealistisch. Wie gesagt, wir suchen nach dem Wesen eines Songs, wenn also der Song nach etwas verlangt, dann ist das eben der Sound des Songs. Es bedeutet vielleicht, dass wir ihn nicht live spielen können oder dass wir ihn live neu interpretieren müssen… ich bin in meinem Inneren ein Recording-Artist.

Ich habe in einem Interview gelesen, dass du sagtest: “I think it’s interesting that there is an innate necessity that humans need to have something higher than themselves to believe in.” Ich habe mich gefragt, ob du glaubst, dass es jedem so geht, dass manche erst in dieses Gefühl hineinwachsen oder es gar nicht kennen.

Ich möchte definitiv nicht für irgendeinen anderen Menschen sprechen. Ich glaube nur, biologisch gesehen, dass auch wenn du es bewusst sagen kannst, dass du an nichts glaubst – und ich glaube, dass denken viele… aber unterbewusst, wir als Mensch, wir glauben, das war unsere Bestimmung. Wir schauen zur Sonne, wir singen Lieder. Da ist etwas Zeremonielles an der Art, wie wir leben. Ich glaube nicht, dass das bedeutet, dass dort ein Gott ist. Darum geht es nicht. Aber da ist etwas in der Natur [der Sache], wir wissen, dass wir sterben werden. Ich glaube, dass verschiebt uns auf eine andere Ebene. Es ist also schwer zu sagen, man kann auch nicht für einen anderen Menschen sprechen. Aber ich glaube, biologisch gesehen, haben wir ein angeborenes Gefühl, dass da noch etwas Anderes ist.

Das habe ich mich selbst auch gefragt, da du nun von Tod sprichst. Ihr habt den Song “Reconfiguration” geschrieben, den ich sehr beeindruckend finde, er hat etwas meditierendes. Ich fragte mich, ob die Angst vor dem Tod ein präsentes Thema ist, wenn du Songs schreibst.

Absolut! Ich glaube, es schwebt immer unseren Hinterköpfen. Wir versuchen auf vielen verschiedenen Wegen damit umzugehen. Ich glaube, der Song “Reconfiguration” sagt, dass wenn du in der Gegenwart lebst, im Moment lebst, dann ist das die Möglichkeit, diese Angst zu bekämpfen. Es ist zweifellos so, dass, wenn du im Moment lebst, du nicht über die Zukunft nachdenkst. Und das Gefühl ist es auch für mich, im Moment zu sein… jeden Tag zu arbeiten, Musik zu schreiben, dass hält die Dämonen fern aus meinem Kopf.

Ich habe gedacht, es sei genau andersherum. Dass du gerade durch die Texte, die du schreibst, die Musik die du darum baust.. dass du dadurch versuchst, dass Leben zu bewältigen, damit umzugehen…

Nun ja… irgendwie schon, aber es ist auch ein Bewältigungsmechanismus im Kopf. Es ist meine Art, davor zu flüchten. Das ist der traurige Teil daran… [lacht]

…irgendwie seltsam…

Ja, irgendwie schon. Das ist meine Art, aus der Realität aus zu checken… das ist es. Deine Geschichte wird noch geschrieben und das weißt du, so shit, du musst von Tag zu Tag lernen, damit umzugehen…

In dem Zusamenhang fällt mir ein, dass ich las, dass deine Frau dir Sicherheit gibt. Denn du sagst, du liebst sie mehr als dich selbst oder alles Andere. Ist sie die Person, die dir diese Angst nimmt, oder mit der du gemeinsam versuchst diese Angst zu überstehen?

Ja… jemanden zu haben, den man mehr liebt als sich selbst, definitiv… du bist nicht so sehr mit dir selbst beschäftigt, überdenkst und analysierst nicht alles… es ist eine schöne Sache.

Aber hattest du vorher das Gefühl, dass dir etwas fehlte?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, ich wäre ein wenig verrückt geworden, wenn ich es nicht hätte. Und in Bezug darauf, dass es mich konzentriert an der Arbeit hält, zu Hause zu arbeiten… Ich glaube, es zügelt mich, konzentriert zu sein. Aber weißt du, das ist nur ein Nebenprodukt davon, jemanden zu lieben und ein besonders schönes Nebenprodukt. Aber es ist auch heftig, verheiratet zu sein. Ich denke, dadurch, dass es so heftig ist, hat es seine wahre Schönheit inne. Es macht dich hoffentlich leidenschaftlicher und vergebend…

Würdest du sagen, dass du [das Gefühl] auch mit der Musik teilst?

Absolut! Es ist die gleiche Art der Verbindung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Other Lives (Oklahoma, USA):
Jesse Tabish, Josh Onstott, Jonathan Mooney


Von:
Sophia Kisfeld