Interview mit Wilco

Wir haben mit dem Wilco-Bassisten John Stirratt unter anderem über Nilsson und Hilfsorganisationen gesprochen.

Wie war die Arbeit an eurem zehnten Album “Schmilco”?

John: Sehr natürlich, wir sind einfach mit dem Klang von Jeff gegangen, den er schon auf den Demos hatte. Wenn man so lang zusammen ist, wie wir es sind, versucht man, neue Wege zu gehen, um ein Album zu machen. Ein anderer Weg führt gewöhnlich zu einem anderen Klang.

Die Songs zu euren beiden Alben “Star Wars” und “Schmilco” entstanden zur selben Zeit, richtig?

John: Ja genau. Wir haben das schon öfter gemacht. Wir nehmen eine Menge auf und stilistisch gesehen ist der Klang für jedes Album unterschiedlich. Manchmal hört man einfach die einzelnen Songs und merkt, was nicht zusammenpasst. Manche Songs sind rockiger in Richtung 70er Jahre Glam und andere sind eher countrylastig und akustischer. Letztere sind auf “Schmilco” gekommen und “Star Wars” ist eher elektronisch und glamrockig.

Ihr habt also, während ihr die Songs gespielt habt, gemerkt, welche Songs für welches Album besser passen?

John: Ja, Jeff konnte relativ früh diese beiden Arten von Songs unterscheiden und wir konnten dann getrennt voneinander an den Songs arbeiten. Dann haben wir erst “Star Wars” beendet und recht kurz danach “Schmilco”. An diesem Punkt hatten die Songs schon ein Eigenleben entwickelt. Deshalb klingen die Alben recht unterschiedlich. Von einem tonalen Standpunkt aus klingen sie allerdings recht ähnlich - zumindest für mich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich bisher bei jeder Aufnahme dabei war.

Hast du einen Lieblingssong auf dem aktuellen Album?

John: Ich mag “Someone To Lose”. Der Groove ist recht neu für uns, weil er so spielerisch ist und dann entwickelt er sich zu dem etwas rockigem Chorus.

Identifizierst du dich auch selbst mit den Songs?

John: Ja, das tue ich. Selbst wenn ich selbst nicht am Anfang bei den Songs gespielt habe, fühle ich so eine merkwürdige Art des Eigentums. Ich bin einfach schon so lange dabei und selbst, wenn ich nicht auf den Songs mitspiele, denke ich, dass ich das tue. Das ist komisch! Aber wahrscheinlich merke ich so einfach, wie nah mir Wilco steht, weil ich schon immer dabei bin.

“Schmilco” hat auch einen ruhigeren und etwas traurigeren Klang als der Vorgänger. Und trotzdem klingt es hoffnungsvoll. Wie kommt das?

John: Ich glaube, dass Jeff etwas Berührendes in seiner Stimme hat, sodass man denkt, man hätte eine Art Unterhaltung mit ihm. Es ist nicht komplett abstrakt und Jeff lädt den Hörer immer etwas ein hin zu dem Punkt, an dem es nicht immer dunkel ist.

Auf eurem Albumcover ist ein Comic von dem Künstler Joan Carnellá abgebildet. Warum habt ihr euch dafür entschieden? Woher kanntet ihr den Künstler?

John: Jeff hatte ihn im Internet gesehen und er mochte seine Arbeit, vor allem das Comic, was jetzt auf dem Cover ist. Mit “Star Wars” hatten wir uns schon etwas von diesem ernsten Design gelöst und ich glaube, Jeff fand den Comic einfach lustig. Ich mag auch das Grafische an dem Bild, es hat dieses Grün und sticht direkt ins Auge.

Und welche Rolle spielt das Album “Nilsson Schmilsson” für “Schmilco”?

John: Ja, wir sind alle Fans von Nilsson und seinen Alben. Aber wir fanden auch einfach das Wortspiel von “Nilsson Schmilsson” und “Wilco Schmilco” gut. Ich kannte die Musik von Nilsson schon ziemlich lange und sie kam auch hin und wieder in unseren Hinterköpfen zum Vorschein.

Jetzt zu einem komplett anderen Thema. Wilco hat in der Vergangenheit schon häufiger Hilfsorganisationen unterstützt. Sollten deiner Meinung nach Musiker das heutzutage öfter tun?

John: Ich denke heutzutage sind die Bedingungen besser. Es gibt viele Non-Profit und Charity-Organisationen, mit denen man sich verbunden fühlen kann und bei denen man helfen kann. Ich denke, in den 60er Jahren gab es noch nicht so viele. Allerdings haben Musiker viel weniger Geld, mit dem sie arbeiten können. Das ist ein Problem. Der durchschnittliche Musiker ist viel ärmer als er es früher war. Da steckt eine Ironie drin. Aber wir unterstützen gerne verschiedene Organisationen. Einige für musikalische Erziehung, aber auch lokale Organisationen, die Lebensmittel verteilen. Dort kann man unmittelbar etwas bewirken. Wir haben einige Benefizkonzerte gegeben und wir spenden einen bestimmten Betrag an die lokalen Hilfsorganisationen. Ich glaube, es gibt wirklich keinen Grund, warum jemand keine Organisation finden sollte, die ihm am Herzen liegt oder mit der er sich identifizieren kann. Man kann immer Leute finden, denen man helfen kann, es ist so einfach.

Du spielst auch in der Band “The Autumn Defense” zusammen mit Patrick von Wilco. Arbeitet ihr derzeit an Projekten?

John: Zurzeit arbeiten wir an keinen Alben oder ähnlichem. Aber wir geben jedes Jahr ein paar Gigs. Ich habe auch noch ein paar andere Projekte. Ich spiele in einer Band in Chicago und habe auf dem Solo-Album von Bun E. Carlos, dem Schlagzeuger der Band “Cheap Trick”, gespielt und ein paar Songs gesungen. Aber ich denke, irgendwann kommt auch ein neues Album von “The Autumn Defense”. Ich habe nicht viel geschrieben in letzter Zeit, dadurch, dass ich in anderen Projekten involviert bin. Und dann gibt es da natürlich auch noch das Leben außerhalb der Musik. Ich habe einen zehnjährigen Sohn.

Um nochmal zurück auf Wilco zu kommen. Ihr seid jetzt schon über 20 Jahre lang eine Band. Sind nach dieser langen Zeit noch Wünsche und Ziele offen?

John: Es ist schwer nach mehr zu fragen, nach dem, was wir alles schon bekommen haben. Ich würde es einfach gerne weitergehen sehen. Es ist so eine tolle Gruppe von Menschen in der Band und der Crew. In den letzten Jahren hatte Jeff eine sehr kreative Phase, er arbeitet sehr hart. Es ist toll, so einen Leitmusiker zu haben, der so in der Sache drin steckt. Wir alle haben eine musikalische Neugierde und ich wünsche mir, dass wir die auch noch in der Zukunft behalten.

Was würdest du gerne studieren, wenn du könntest?

Ich würde Ingenieurwesen studieren, aber hauptsächlich, was den Schiffsbau anbelangt. Ich liebe Schiffe und das Gefühl, auf dem Wasser zu sein. Dort, wo ich lebe, ist die Schiffsbau-Kultur ziemlich groß und es gibt ein paar Schulen, in die ich mich gerne einschreiben würde. Das würde ich gerne machen, einfach etwas mehr mit meinen Händen arbeiten.


Von:
Ann-Kristin Zoike