Interview mit Vitja

Ein Festival, zwei Auftritte: Vitja durften das 2017er Vainstream Rockfest nicht nur am Vorabend im Skaters Palace eröffnen, sondern standen außerdem am Haupttag in der Sputnikhalle auf der Bühne. Im Interview haben uns Bassist Mario Metzler und Sänger David Beule unter anderem verraten, warum Shows zuhause und vor Freunden auch für sie noch immer etwas Besonderes sind und was es mit ihrer musikalischen Weiterentwicklung auf ihrem neuen Album "Digital Love" auf sich hat.

Zum Teil kommt ihr aus Münster – ist es anders, in der Heimat zu spielen?

Mario: Ja, weil Familie und Freunde vorbeikommen und man deswegen anders aufgeregt ist. Man ist immer ein bisschen vor einer Show aufgeregt, aber wenn einem dann auch noch gute Freunde auf die Finger gucken, ist das nochmal was Anderes. Ich glaube, am Ende spielen wir wie immer, aber eine Anspannung ist trotzdem da.

Bekommt ihr von euren Freunden auch Feedback?

Mario: Auf jeden Fall – besonders, wenn es scheiße war (lacht).

David: Feedback darf man sich aber von Freunden eigentlich nicht holen, weil es entweder zu gut oder zu schlecht ist.

Ihr habt gestern Abend bereits im Skaters Palace beim Vorprogramm gespielt, nachher steht ihr auf der Greenhell Clubstage in der Sputnikhalle auf der Bühne. Kommt so überhaupt eine Festivalatmosphäre auf?

Mario: Wir haben hier heute den ganzen Tag verbracht und viele Kumpel-Bands und Bekannte getroffen, mit denen wir auf Tour waren. Wir gucken uns auch ein paar Bands an und sind mittendrin. Vor zwei Jahren haben wir auch hier draußen gespielt, von daher verbindet uns viel mit dem Festival und das Festival-Feeling ist auf jeden Fall angesagt.

Vor vier Monaten ist euer neues Album "Digital Love" erschienen. Hat sich die Nervosität beim Live-Spielen inzwischen ein bisschen gelegt?

David: Klar, wir waren mit dem Album auch auf Headline-Tour und allmählich hat man das drin. Sicher ist das mal besser und mal schlechter (lacht), aber es ist eher eine Grundaufregung. Man möchte ja auch immer sein Bestes geben.

Im direkten Vergleich zu früheren Releases seid ihr eingängiger und für Leute, die nur ab und an Hardcore hören, vielleicht auch "einfachere" Kost geworden – was überhaupt nicht so negativ gemeint ist, wie es klingt. Wie kam es dazu?

David: Das klingt überhaupt nicht negativ. In anderen Kontexten werden diese Sachen nur negativ ausgelegt. Wir wissen darum, haben es bewusst so gemacht und finden es besser als alles, was wir bisher gemacht haben. Dass eine negative Wertung reinkommt, liegt daran, dass Sachen, die, weil sie eingängiger sind, nicht mehr so anspruchsvoll klingen. Sie haben den Beigeschmack, nicht mehr ernst gemeint oder nur so dahingeschrieben zu sein, damit es Leute mögen. Das ist alles Quatsch, können Leute aber gerne sagen. Wir sind vollstens damit zufrieden.

Mario: Es ist auch alles so entstanden, wir haben es nicht so geplant. Es ist die Musik, die beim Schreibprozess herausgekommen ist. Es ist der Output von dem, wie wir uns und als Band weiterentwickelt haben und wir stehen da zu hundert Prozent hinter. Wir würden es immer wieder so tun! Jetzt sind wir alle ein bisschen düsterer geworden – das nächste Album wird dann Trash-Metal (lacht).

David: Das steht immer offen. Weil wir unser Genre nicht so beschränken wollen, kann es sein, dass auch mal etwas Hartes dabei ist. Wir sind an nichts gebunden, mal gucken, was passiert.

Also hat es nichts mit dem Wechsel zu Century Media und People Like You zu tun? Ich persönlich habe schon öfter gehört, dass es manche Bands dort auch hinzieht, weil man da tatsächlich Geld verdienen könne, wenn man denn die richtige Musik macht.

Mario: Das Album war fertig, bevor wir überhaupt mit Labels in Kontakt getreten sind, von daher kann man das ausschließen. Dann hatten wir als Band Gott sei Dank mal das Ausgangslager, dass man überlegen kann, wo man hingeht. Das Label hat mit uns dieselbe Idee geteilt und das war das Ausschlaggebende, warum wir gesagt haben, wir gehen dahin. Die haben nicht gesagt, wir müssten das so und so machen – das war unser eigenes Ding.

David: Ich frage mich, welche Leute überhaupt Bock haben, sowas zu sagen. Die müssten irgendwas Schlechtes daran finden. Es ist klar, dass eine Plattenfirma so eine Art Musik lieber signt oder attraktiver findet als die Musik, die wir vorher gemacht haben, da gibt es gar keine Diskussionen. Dass aber jemand Vorgaben kriegt, weil er Geld bekommt und dass dann so macht (lacht) – dass ich sowas mal sage, klingt wirklich sehr, sehr spießig, aber ich weiß nicht, wie man auf solche Gedanken kommt.

Das wundert mich auch jedes Mal wieder, nur habe ich es nicht erst von einer Seite gehört. Ich frage mich immer, was dahintersteckt.

Mario: Das ist aber auch das Klischee: Gehst du zum Major, musst du soft sein. Das ist das Klischee in der Musikindustrie.

Oder besser zu verkaufen.

David: Für Leute, die nicht so sehr auf eine Musikrichtung gestimmt sind, ist das aber immer noch hart, die machen da gar keinen Unterschied.

Ein Song, der meiner Meinung nach heraussticht, ist "Six Six Sick", bei dem Matthias von Nasty als Gastsänger dabei ist. Spielt ihr den heute auch zusammen?

Mario: Wir waren sechs Wochen mit den Jungs auf Europatour und da haben wir es das ein oder andere Mal gemacht. Wir gucken mal, wie sich das so ergibt. Am Ende ist es unser Song, es ist dann auch okay, wenn es nicht klappt. Wenn Matthi Bock hat, wird er da sein, wenn nicht, ist es auch okay.

Hat er bei dem Song eigentlich mitgeschrieben?

David: Klar! Matthi ist ein guter Freund und ist dafür dann auch vorbeigekommen. Der Song war fertig und eingesungen und mit uns zusammen hat er zum Schluss dann seinen Gastpart gemacht.

So selbstverständlich ist das ja gar nicht mehr. Wenn ein Feature geplant ist, wird dem Gastsänger manchmal auch nur einfach sein Text vorgelegt, den er dann am besten auch noch zuhause einsingen soll.

David: Natürlich gibt es da verschiedene Optionen und jeder weiß darüber Bescheid, dass man sich Features auch kaufen kann. Wir haben unterwegs aber viele Freunde getroffen und so ist das auch mit Matthi entstanden.

Vielleicht wird es demnächst nochmal mit einem anderen, aber sich ein Feature zu kaufen, würde für uns nicht in Frage kommen.

Mario: Wir suchen uns Features aus, wenn wir es für den ein oder anderen Song auch musikalisch cool und passend finden. Wir würden dafür kein Geld ausgeben. Wenn einer Bock hat, uns damit zu supporten, dann machen wir das, und wenn nicht, dann nicht. Das war bei Eskimo Callboy der Fall, bei Matthi von Nasty auch und da sind wir mega glücklich drüber.

Eine Spaßfrage zum Schluss: Stellt euch vor, ihr würdet euch auf dem Weg vom Vainstream nach Hause verfahren und auf einer einsamen Insel landen. Welches Album müsste dann bei euch sein?

(überlegen lange)

David: Ich würde mir eine Split-CD mit dem neuen Nasty-Album "Realigion" und dem neuen Callejon-Album "Fandigo" machen. Die würde ich hören wollen. Ich würde mir auch beide zur Sicherheit zweimal kaufen (lacht)!

Mario: Vielleicht würde ich etwas nehmen, womit ich angefangen habe, so ein schönes Nirvana-Album. Komme ich von der Insel wieder weg? Wenn nicht, würde ich als Erinnerung das neue Vitja-Album mitnehmen. Da ist der Song "The Flood" drauf – mit dem kann ich gegen die Flut anschwimmen und dann komme ich auch wieder nach Hause.


Von:
Leonie Wiethaup