Interview mit Smile And Burn

Smile And Burn. Das sind fünf Freunde, die gemeinsam Musik machen. Ein Image, das heutzutage fast jede Band hat. Sascha Nicke, Philipp Müller, Fabian Wollert, Sören Frey und Christoph Brauer wissen sich durch ihr Entertainment auf der Bühne und Social Media-Plattformen dennoch von vielen anderen Bands abzuheben – wurden in Großbritannien sogar mal als "the one band from Germany that doesn't suck" beschrieben. Wir haben uns mit ihnen unter anderem über das Konzept ihres neuen Albums "Get Better Get Worse" und schlechten Musikjournalismus unterhalten.

Wechselt ihr auf der momentanen Tour von Abend zu Abend eigentlich das Set? Ihr habt inzwischen mit den vier Studioalben, den B-Seiten und den Live-Sachen schließlich sehr viele Songs.

Sören: Es wäre schon, wenn wir das könnten, aber da gibt es mehrere Probleme. Viele Leute kennen die ersten beiden Alben nicht. Die Leute, die jetzt zum Konzert kommen oder uns von den Donots, den Blackout Problems oder von allem, was wir letztes Jahr gespielt haben, kennen, kennen "Action Action" und eventuell auch schon "Get Better Get Worse", aber nichts von davor. Wenn wir jetzt ein Set spielen, wo jedes Album zu einem Viertel vertreten ist, haben wir ein Problem.

Sascha: Wir müssen auch wegen Philipps Stimme aufpassen, weil die ein bisschen angeschlagen war. Gucken, welche Songs was für eine Belastung für ihn sind. Da sind wir dann eher sicherheitsbedacht und spielen hier und da dann lieber ein bisschen weniger. Wir wollen ja auch die komplette Tour spielen.

Sören: Wenn wir ein Set bauen, fahren wir auch immer eher auf der Schiene, dass es die ganze Zeit drücken muss. Wir sind immer noch in diesem Supportslotmodus von 30 Minuten, wenn wir über eine Stunde spielen, wäre natürlich auch Raum, dass immer mal wieder ein bisschen langsamer zu machen.

Sascha: Es geht ja auch darum, einen Spannungsbogen zu kreieren und da bieten sich manche Songs an und manche wiederum nicht. Außerdem geht unsere Meinung, was alte Songs betrifft, oftmals auch sehr diametral auseinander. Im Sinne, ob es ein spielbarer Song ist, oder nicht.

Christoph: Und man darf auch nicht vergessen, dass wir mit einem Lichtmann fahren. Und wenn wir einen Song austauschen oder wechseln, bekommt der eine halbe bis mittelschwere Krise und muss alles umprogrammieren – und das wäre ja für ihn Arbeit [lacht].

Sascha: Man kann das einfach nicht jeden Tag spontan machen, weil er das vorbereiten muss. Damit hat er schon Wochen vor der Tour angefangen.

Ihr habt heute den Instagram-Account von Coolibri übernommen – benehmt ihr euch auf anderen Seiten anders als auf eurer eigenen?

Sascha: Ich würde grundsätzlich mal nein sagen. Du musst halt mehr Content kreieren, weil du da über den Tag immer wieder was postest. Bei unserer eigenen Seite sind es ja nur ein bis zwei Posts am Tag.

Christoph: Man muss auch immer darauf achten, dass man die Leute nicht übersättigt, aber in solchen Fällen wollen sie es ja. Aber weil der Ablauf an einem Konzertabend eigentlich immer gleich ist, ist der Input auch oft gleich. Soundcheck, Bilder von der Fahrt. Wir versuchen, daraus das Beste zu machen. Aber wenn man uns so einen Take-Over anbietet, wissen wir ja auch, was sie von uns wollen und versuchen, ganz dienstleisterlike unsere Sache abzuliefern – mit unserem kleinen Touch Verrücktheit.

Mit der Album-Releaseparty habt ihr nun auch Facebook-Live für euch entdeckt und es seitdem auch öfter ausprobiert. Euer Fazit?

Christoph: Ich persönlich finde, dass diese Livevideos mega gut sind, es aber voll schwieg ist, es gut zu machen. Es wiederholt sich schnell und man ist echt schnell gelangweilt. Wir haben uns halt besoffen und das, was wir darum geplant haben, war auch nice. Wir haben danach bei einer Probe nochmal so ein Live-Ding gemacht, wo es dann wirklich harte Arbeit war, dass es spannend wird. Man bekommt auch mit, dass manche Bands das einfach erstmal nur probieren. Man muss schon aufpassen, dass man das nicht inflationär benutzt.

Sören: Bands sind ja tendenziell immer die letzten, die etwas richtig gut benutzen können. Es gibt einen Hype, dann machen das die, dann die, dann Influencer und ganz zum Schluss kommen dann erst die Bands. Die Möglichkeiten bei Live sind so unendlich krass – man kann komplette Serien in live planen und das dann live auch einfach so machen. Man kann ja auch komplette Musikvideos live broadcasten. Man kann es wie wir statisch machen, etwas zeigen und sich besaufen – ist aber relativ schnell ausgelutscht. Oder man macht es wie die Menzingers oder Kraftklub, dass es wie über einen TV-Kanal einfach nur gebroadcastet wird und nichts davon live ist. Bei Kraftklub hat man das auch relativ schnell gesehen – alles war irgendwie zu gut. Das ist dann aber auch mega enttäuschend. Ich bin kein großer Menzingers-Fan, aber als ich gesehen habe, dass sie das gleiche wie wir machen, nur eine Stunde vorher, habe ich mich schon gefreut. Dann habe ich mir das angeguckt und es war einfach wie eine vorher recordete Live-Session – und das macht man einfach nicht. Da kam ich mir total verarscht vor, obwohl ich gar nicht so krasser Fan bin.

Der Reiz bei Facebook-Live ist, dass man nur einen Versuch hat – einen einzigen. Und entweder funktioniert es oder es funktioniert nicht. Und als Zuschauer ist es auch interessant zu sehen, wenn sich eine Band mal so richtig verspielt. Wenn man sieht, dass Musiker, die das Ganze nicht erst seit gestern machen, auch nicht immer jeden Song perfekt spielen können.

Sascha: Je nach Größe gehört diese Unfehlbarkeit aber auch zum Image.

Sören: Aber die Lücke fehlt ja. Selbst bei Circus Halligalli treten Bands nicht mehr live auf, sondern werden recordet und noch ein bisschen Publikum im Hintergrund eingespielt – also völliger Bullshit, aber alles geht zur völligen Planbarkeit. Auf der anderen Seite gibt es dann den kompletten Trash. Man macht einfach die Frontkamera an und filmt sich beim Essen oder so. Aber dieser Mittelweg fehlt. Dass man sagt, man nutzt das Format, um etwas Ultrageiles zu machen – und wenn etwas schiefgeht, dann geht es eben schief.

Bei eurer Facebook-Live-Releaseparty habt ihr gefühlt an die Hälfte der Zuschauer, die kommentiert haben, T-Shirts verschenkt. Ist da schon ein bisschen der "sellout"-Gedanke dahinter? Wenn man das bei Verschenkungen so nennen kann. Theoretisch könntet ihr beim Merch dann ja das Ausverkauft-Schild aufstellen.

Christoph: So weit können wir gar nicht denken.

Sascha: Uns ging es dabei auch um Interaktion. Wir hatten eher die Angst, ob das überhaupt jemand guckt und hatten dann den Gedanken, dass wir es so generieren könnten. Außerdem hatten wir von den Action Action-Shirts noch viele über.

Dann haben sie also gar keine neuen Shirts bekommen, sondern alte?

Christoph: Sie haben vor allem welche bekommen, die alle 7,50€ in der Herstellung kosten. Aus einem wirtschaftlichen Blickwinkel hat uns das schon wehgetan. Wir haben an dem Abend wahrscheinlich Merch im Wert von 150€ verschenkt.

Sören: Neue Shirts hatten wir zu dem Zeitpunkt aber auch noch nicht. Wir machen sowas aber auch gerade auf der Tour. Ich sage meistens, dass der erste Stagedive des Abends ein T-Shirt umsonst bekommt. Das ist natürlich irgendwie eine Form von Bestechung und auch ziemlich billig, aber es ist immer die erste und auch beste Variante, um mit Leuten zu interagieren. Dass wir eben nicht nur Musik machen und man uns dabei zugucken kann, sondern uns auch schreiben kann und wir darauf reagieren. Bei einem Konzert können auch Leute aus dem Publikum eine Ansage machen, wenn sie möchten. Es soll immer interagiert werden und Bestechung ist die einfachste Möglichkeit – und sie funktioniert auch so gut.

Ihr habt ein neues Album veröffentlicht, "Get Better Get Worse". Meiner Meinung nach ist das im Vergleich zu den vorherigen sehr anders geworden und auch abwechslungsreicher. Wie viele Ideen standen eigentlich schon, bevor ihr mit Philipp Koch von Heisskalt gearbeitet habt?

Sascha: Acht oder neun von zehn.

Sören: Wir haben einen Song komplett mit Philipp im Proberaum geschrieben. "Not Happy" war das, gleich der erste. Wir hatten auch mehr Ideen, aber die haben niemanden von uns gekickt und dann war es tatsächlich so, dass Philipp gesagt hat, er hätte noch was geschrieben, was wir auch cool fanden – der Punker in uns wollte aber keinen Song von der Stange kaufen. Selbst wenn wir noch eine Gitarre und Gesang drüberlegen, ist das ja nicht unser Song. Weil uns aber die anderen Sachen nicht gekickt haben, mussten wir ganz schnell etwas Neues machen. Wir wussten, dass uns noch so ein Brett fehlt und das ist dann eben der Opener geworden. Damals bei "Action Action" hatten wir eine ähnliche Situation. Bei manchen Alben haben wir das, dass wir einfach noch so eine Kante raushauen wollen.

Ist Philipp Koch eigentlich einer der Produzenten, die gerne nochmal Sachen umwerfen?

Christoph: Das ist ja sein Job. Man kann auf jeden Fall sagen, dass er unfassbar musikalisch ist und für das Album sehr wichtig und soundbestimmend war.

Sascha: Die Arbeit mit ihm war mehr wie ein permanentes Gespräch. Dass man Sachen spielt, sie sich anguckt, sich Verbesserungen überlegt. Es war ein Austausch von Ideen und er hat sich für den Zeitraum dann mehr wie ein sechster Bestandteil der Band integriert und hatte eine Meinung von vielen. Es ist nicht seine Arbeitsweise, dass er sagt, das und das könne man nicht so machen. Solche Produzenten gibt es aber auf jeden Fall, wahrscheinlich auch viele dieser ganz großen.

Also hat er euch nicht davon überzeugen wollen, Element XY anders zu machen?

Sören: Von den anderen Songs standen die Gerüste auch schon, aber mit ihm haben wir natürlich noch sehr viel Facelift gemacht. Ich finde aber, dass er auch ein guter Addierer ist. Man gibt ihm ein Gerüst und er schafft es immer, etwas zu addieren, was dem Ganzen noch einen krassen Mehrwert gibt und was einem dann auch von der Idee überzeugt. Wir sind ja grundsätzlich nie überzeugt – von keiner Idee. Er hat da aber immer noch so einen Twist reingebracht, dass wir gesagt haben, es sei die beste Idee der Welt.

Gibt es eigentlich ein größeres Konzept hinter dem Album? Gerade musikalisch wirkt es nach "Action Action" schon sehr anders.

Sören: Das Album wird ein bisschen konzeptig, oder? Das haben wir uns auch zwischendurch schon überlegt. Aber es ist auch gut, wenn es so aufgenommen wird, dass es anders ist. Bei anderen Alben fanden wir immer, dass es ein großer Bruch wäre, alle anderen aber von einer konsequenten Weiterentwicklung gesprochen haben. Bei "Action Action" haben wir sehr viel auf Perfektion getrimmt, es dadurch aber auch an vielen Ecken übertrieben. Olman Viper, der Produzent von "Action Action", ist ein krasser Perfektionist und wir waren damals auch in so einer Phase, in der wir mal so richtig professionell ein Album releasen wollten – mit einem professionellen Plan, professionellen Sound, alles musste stimmen und jeder wollte mit allem zufrieden sein. Am Ende hat man sich dadurch nur kaputt gemacht und mit etwas zeitlichem Abstand zum Album sich auch nicht mehr richtig wiedergefunden, weil wir auf der Bühne komplett anders sind. Dann sind wir total unperfekt, wir greifen voll oft daneben und es geht mehr darum, Dinge kaputt zu machen, als ein richtig tightes Set abzuliefern. Bis auf die Stücke an sich ist da auch nichts durchgeplant. Das haben wir dann letztendlich versucht, in unserem Arbeitsansatz zu verändern.

Bis zum Artwork haben wir versucht, öfter unperfekt zu sein. Wir haben das Album so aufgenommen, Philipp Koch hat an den Rädchen kein Finetuning gemacht, sondern einfach aufgedreht, Saschi hat sich bei den Rückkopplungen einfach irgendwie in den Raum gestellt. Manche Gitarrenspuren haben auch Fehler, so kleine Unfälle, die einfach passiert sind. Die haben wir dann aber auch so gelassen, weil das dadurch auch so einen individuellen Touch hat. Viele sagen, das Album klänge produzierter, für uns klingt es aber eher rauer. Auch beim Artwork, diese Collage. Wir haben uns getroffen, jeder hat um die hundert Fotos, die er schön fand und einen künstlerischen Mehrwert für ihn hatten, ausgedruckt, dann haben wir die alle auf dem Boden verteilt und angefangen rumzuschnibbeln und die Fotos irgendwie ineinanderzuschieben. Philipp Koch wollte dann, dass wir mit Edding einmal den Titel vom Album aufschreiben und wir haben das Ganze dann abfotografiert. Für uns ist das Ganze irgendwie dirty, vielleicht auch leichtfüßig. In der Herangehensweise ist das also schon ein bisschen konzeptig.

Sascha: Musikalisch ist es natürlich ganz anders als noch "Action Action", aber man hat ja auch den Anspruch, sich permanent weiterzuentwickeln. Und auch entsprechend seiner Lebenssituation und seines Älterwerdens verändert sich das ja, das schließt ja alles mit ein und das merkt man auch – aber das soll man ja auch merken.

Erwachsener klingt das Album definitiv. Ich finde, es ist mehr Indie reingekommen, wenn man das so nennen kann.

Sascha: Ich habe zu der Zeit sehr viel Bloc Party gehört, viel The War On Drugs und The National und in unserer Musik spiegelt sich ja auch immer wieder, was wir auch hören.

Ihr wurdet mal als „the one band from Germany that doesn't suck" beschrieben. Ist das nicht ein riesen Kompliment trotz der vielen großen Bands aus Deutschland die einzige zu sein, die nicht scheiße ist?

[alle lachen]

Sören: Das ist ein mega Kompliment, auf jeden Fall. Ich weiß aber auch nicht, wie besoffen derjenige war, der das gesagt hat. Wir haben das zwar als unseren Twitter-Status eingerichtet, wissen aber auch, dass es mit einem Augenzwinkern gemeint ist. Aber für uns ist das auch ein Kompliment, weil unsere Seelen von den Jahren, wo deutschsprachige Musik immer bevorteilt wurde, geschunden sind. Wir waren immer benachteiligt. Aber international hat es eben auch Vorteile, auf Englisch zu singen

Habt ihr denn dann mal darüber nachgedacht, etwas auf Deutsch zu machen?

Sören: Es wurde uns nahegelegt und wir denken auch öfter darüber nach, aber mehr als Special, dass wir mal Hip-Hop machen.

Der langversprochene Hip-Hop-Track fehlt ja auch immer noch.

Christoph: Aber er kommt! Wir warten erstmal, in welche Richtung Casper den Hip-Hop leitet. Wir folgen dann.

Zurück zum Thema: Der Satz „the one band from Germany that doesn't suck" stammt von einem Fan von Moose Blood, die momentan mit Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung zu kämpfen haben [Anmerkung der Redaktion: Die Anschuldigungen betreffen den Schlagzeuger Glenn Harvey, der inzwischen nicht mehr Teil der Band ist]. Ihr kennt die Band durch gemeinsame Shows – trifft einen das dann mehr?

Sascha: "Kennen" ist eigentlich das falsche Wort, wir waren mit denen unterwegs uns hatten auch zu dem Bassisten Kyle Todd ein bisschen mehr Kontakt, aber ich habe keine Telefonnummer, da ist jetzt keine Kommunikation.

Christoph: Sie haben sich nahtlos in unsere Freundesliste auf Facebook eingegliedert. Zu den anderen 500 Freunden, die man nicht anschreibt [lacht]. Aber wenn ich Glenn fragen wollen würde, was passiert ist, wüsste ich, wie ich ihn kontaktiere. Ob er zurückschreibt, weiß ich nicht.

Bei der momentanen Situation wahrscheinlich nicht.

Sascha: Wobei es ja eine wünschenswerte Herangehensweise ist, wenn man erstmal beide Seiten anhört und Fragen stellt, bevor man jemanden so an den Pranger stellt. Wenn es Videos und Fotos gibt, wirkt es ja auch erstmal sehr eindeutig, aber meistens ist der Kontext schon komplexer. Es ist manchmal auch nett, ihn nicht sofort zu verurteilen, weil es dann wahrscheinlich direkt alle machen. Der Schritt, ihn aus der Band zu kicken, ist schlussendlich auch eine Verurteilung – aber vielleicht haben sie auch mehr Informationen.

Oder sie wollen versuchen, das Image der Band zu schützen. Aber wenn man mit so einer Band unterwegs war und sie auch backstage mitbekommen hat, trifft einen das dann nicht ein bisschen?

Sascha: Wenn man so etwas hört, überrascht es einen – obwohl es heutzutage anscheinend jeder macht. Unabhängig vom Straftatbestand schicken sich manche als Akt der Intimität ja aber auch Fotos und Videos. Ich finde das persönlich ein bisschen dumm, weil es immer irgendwann in einem anderen Kontext stehen kann.

Christoph: Viel krasser ist das aber auch als Fan der Musik. Ich finde die Musik mega geil – wahrscheinlich geiler als die Leute, die sie machen. Beziehungsweise kenne ich die Musik mehr als die Menschen. Ich finde es tragisch, dass eine Band dann dadurch Probleme hat und den Drummer rausschmeißen muss. Man muss dann ja auch einen Ersatz finden, der die ganze Zeit touren kann. Die werden jetzt durch harte Zeiten gehen, das wünscht man niemandem – keinem der Beteiligten. Auch der Dame nicht, die sich gemeldet hat. Also als Fan finde ich das echt schade.

Lasst uns noch über ein ganz anderes Thema sprechen. Du, Sören, hast für die FUZE auch mal über Bands und Alben geschrieben – überlegt man dann, wenn man selber mit seiner Band an etwas Neuem schreibt, wie die Presse darauf reagiert?

Sören: Nein, gar nicht. Es gibt ein paar Ausnahmen – und die FUZE würde ich auch zu den Ausnahmen zählen – aber Musikjournalismus ist ultra schlecht geworden, das kann man wirklich nicht anders sagen. Ich habe nicht den Überblick, ob es schon immer so war und ich will auch nicht den Klassiker "früher war alles geiler" bringen, aber manche Reviews, die ich mir angucke, sind einfach ultra schlecht geschrieben. Wenn jemand ein kreatives schlechtes Review über uns schreibt, freue ich mich immer mehr, als wenn jemand ein gutes Review schreibt, ich aber sehe, dass zwei Sätze aus dem Promotext kopiert sind – und das machen fast alle. Du kann den ersten Satz aus dem Promotext bestimmt in 50% der Reviews wiederfinden.

Sascha: Oftmals ist es auch einfach nur eine Wiedergabe der Information aus dem Text inklusive einer Bewertung.

Sören: Und das ist ultra schade! Ich kann verstehen, dass niemand mehr Zeit dafür hat oder niemand mehr Zeitschriften kauft und es dadurch schwierig wird, das Ganze zu finanzieren, aber dann muss man es vielleicht auch einfach sein lassen. Irgendjemand hat mal geschrieben "macht gelinden Spaß, dauert so lange wie ein halbes Länderspiel" – und da hätte ich fast ein T-Shirt von gedruckt! Es war zwar ein kompletter Verriss, aber so ein kreativer, schöner Satz.

Sascha: Oft ist es aber einfach copy/paste, weil die meisten Rezensenten wenig Zeit haben und es so wenig Aufwand ist. Die wenigsten können davon ja auch leben und machen das nur nebenbei.

Sören: Man muss auch immer davon ausgehen, dass das, was man macht, irgendwie belanglos ist. Selbst wenn das Review gut, der Text aber eigentlich nur kopiert ist, ist die Geschichte über fünf Freunde, die ganz gute Musik machen, einfach auserzählt. Da gibt es schließlich auch super viele Bands von. Die Leoniden haben auch ein super geiles Album veröffentlicht, aber die haben auch kein anderes Image als "fünf Freunde machen Musik". Ist dann vielleicht einfach eine Frage der Belanglosigkeit.

Christoph: Hast du gerade die Leoniden gedisst, Sören?

Sören: Nein, das Album ist doch auch mega. Aber es sind einfach keine krassen Drogenheinis und das Wort "Hure" kommt auch nicht drin vor.

Sascha: Es gibt keine Ecken und Kanten.

Sören: Das ist bei uns ja auch nicht anders, das haben alle im Punk. Viele Punk-Bands retten sich dann noch darüber, dass sie politisch sind – das sind dann die Polit-Punk-Bands. Und da kommen mir immer zuerst Anti-Flag in den Sinn.

Sascha: Vielen Bands fehlt einfach das Inhaltliche. Dass man sagen kann, dass eine Band genau für dieses Thema steht.

Aber ist es als Band nicht langweilig, quasi nur ein Thema zu haben und sich daran über Jahre festzuklammern?

Sascha: An sich kann man es bestimmt auch weiterentwickeln, es muss ja nichts Festes sein. Aber schlussendlich ist es eine Reduktion und Homogenisierung von Musik und Bands. Dass es manchmal nicht einmal der Situation innerhalb der Band entspricht, sondern das Image ist, was sich gut verkaufen lässt. Dass es problematisch ist, ist klar, aber solange es funktioniert, funktioniert es.

Das einzig Gute an Trumps Präsidentschaft ist wahrscheinlich, dass die Musik von US-amerikanischen Polit-Bands in Zukunft besser wird. Dass sie sich nicht weiterhin wiederholen, sondern draufgehen.

Sören: Aber dabei sind Bands auch immer die letzten.

Christoph: Ich bin von dem bisherigen musikalischen Output aber sehr enttäuscht. Die Sampler, die Fat Wreck Chords damals bei Bush rausgebracht haben, waren großartig, die haben mich geprägt. Nur wegen der Sampler habe ich Bush gehasst! Und jetzt hasse ich Trump, weil die RTL News schlecht über ihn berichten. Die einzige Band, die irgendwas dagegen macht, ist Anti-Flag – also was ich bisher gesehen habe. Selbst NOFX machen nichts.

Aber man darf die Kampagnen "30 Songs, 30 Days" und "Our First 100 Days" auch nicht vergessen. Von denen bekommt man allerdings auch nur dann etwas mit, wenn sich eine nennenswerte Band beteiligt hat und dann die großen Magazine darüber berichten.

Christoph: Aber auch in den veröffentlichten Statements hat man alles einfach schon hingenommen.

Sascha: Wobei man da aber auch unter dem Aspekt vorsichtig sein muss, was wir hier mitbekommen und was die Leute vor Ort gemacht haben.

Christoph: Damals haben wir es hier mitbekommen und da gab es kein Internet – beziehungsweise keine sozialen Netzwerke, wo du drinhängst.


Von:
Leonie Wiethaup