Interview mit Silversun Pickups

Über neue Instrumente, das eigene Label und den ganz normalen Band-Wahnsinn.

Wie war euer Konzert gestern in Münster?

Brian: Es war großartig. Ich liebe es, an Orten zu spielen, an denen wir vorher noch nicht waren. Wir haben schon an vielen Orten in Deutschland gespielt, aber dann ist da einfach noch einer aufgeploppt!

Konntet ihr etwas von Münster sehen?

Brian: Leider nicht so viel. Direkt neben der Venue fand eine Hochzeit statt, mit Abschleppwagen! Ich glaube, das Brautpaar arbeitete in dem Zweig und sie hatten eine aufgehübschte Version ihrer Kleidung an. Und all die Abschleppwagen fuhren um sie herum und waren dekoriert. Das war einmalig.

Nikki: Ich bin zu dem Markt auf dem Domplatz gegangen, das war schön. Danach war ich beim Schloss, da war gerade eine Messe.

Dieses Jahr habt ihr eure ersten Konzerte in Deutschland nach sechs Jahren Pause gespielt. Gibt es etwas Charakteristisches für das deutsche Publikum?

Brian: Oh, ich weiß nicht, wie ich das deutsche Publikum verallgemeinern soll. Für uns waren es immer tolle Konzerte und Deutschland war vermutlich das erste Land auf diesem Kontinent, in dem wir gespielt haben.

Nikki: Vor sechs Jahren oder so waren wir auf der Jägermeister-Tour.

Brian: Ja! Es klang dumm, aber es hat richtig Spaß gemacht! Wir waren einfach schon in vielen Städten in Deutschland und konnten viel sehen. Im Vergleich zu anderen Ländern können wir in Deutschland ankommen, weil wir nicht direkt nach einem Konzert wieder das Land wechseln.

Letztes Jahr habt ihr euer neues Album "Better Nature" als euer erstes selbst-veröffentlichtes Album herausgebracht. Wie war die Arbeit an dem Album?

Brian: Das Album war etwas Anderes. Es war immer noch schwierig, aber als wir einmal angefangen hatten, war der Prozess beinahe kaum zu stoppen. Es gab diesen Flow und jeder war an Bord. Wir mussten einfach nur am Steuer bleiben und aufpassen, dass wir uns nicht verlieren. Das Album würde passieren, mit oder ohne uns, so hat es sich zumindest angefühlt. Es war eine sehr schöne Erfahrung. Ich habe etwas Angst um das nächste Album.

Nikki: Es war schön, weil es das zweite Mal war, dass wir mit dem Produzenten Jacknife Lee zusammengearbeitet haben. Er hatte auch schon "Neck Of The Woods" produziert. Wir waren schon aneinander gewöhnt, also konnten wir direkt loslegen. Ich glaube, wir sind alle in einem guten mentalen und physischen Zustand.

Brian: Und wenn du dann fertig mit dem Album bist, bist du nicht mehr in einem guten Zustand [beide lachen]. Du setzt all deine Kraft und Gedanken in das Album und es lässt dich als eine Schale zurück [macht das Geräusch vom Ausschaben nach und lacht].

"Better Nature" klingt wärmer und verfolgt größere Songstrukturen. Habt ihr das bewusst gewollt oder hat sich das im Prozess entwickelt?

Brian: Das Album davor hatte eine Menge Regeln. Bei diesem wollten wir uns lösen, nichts sollte verborgen bleiben. Alles wird direkt gesagt. Alles, was wir auf dem Album machen, kommt genau so laut bei dir an. Das wurde zu einem kreativen Prozess und so entstand ein vielschichtiges Album. Wir denken nie darüber nach, etwas mit Absicht zu machen, es kommt einfach als Effekt aus uns heraus.

Während der Aufnahmen kamen Leute, um uns zu filmen und haben diese typischen Aufnahmen gemacht, wie man Gitarre spielt oder so. Ich denke immer, dass das so langweilig ist. Da sind so viele andere Momente, in denen wir solche dummen Sachen machen, zum Beispiel das [macht einen Vogelschrei nach]. Und ich sage: "Filmt solche Sachen!". Es wäre so toll, ein Making-Of von diesem Album zu haben, auf dem man sieht, was für verrückte Sachen wir machen.

Nikki: Ein bisschen wahnsinnig.

Brian: Sehr wahnsinnig!

Wie fühlt es sich für euch an, euer eigenes Label zu haben?

Brian: Ich denke, es war das Richtige, ein eigenes Label zu starten. Aber es fühlt sich ehrlich gesagt nicht so anders an, weil wir immer schon ziemlich auf unseren eigenen Beinen standen. Es war nie eine große Truppe um uns herum.

Wollt ihr auch andere Künstler in euer Label unter Vertrag nehmen?

Brian: Nein, das werden wir nicht tun [beide lachen]. Wir haben vergessen, den Leuten zu sagen, dass wir nur unsere Alben dort veröffentlichen. Als wir unser Label gestartet haben, bekamen wir Demos und ich dachte: "Ihr wollt nicht, dass wir eure Labelinhaber sind. Wir touren. Ich kann nicht an eurem Album arbeiten, während ich in Düsseldorf bin.".

Zurück zu "Better Nature". Darauf habt ihr auch für euch neue Instrumente gespielt, zum Beispiel das Vibraphone. Wie kam das?

Nikki: Unser Produzent Jacknife treibt uns immer an, Neues auszuprobieren. Er hatte das Vibraphon während unserer Aufnahmephase gekauft. Eines Tages kam er damit ins Studio, gerade als wir einen Vibraphon-Klang gebrauchen konnten. Es hat sehr gut funktioniert, einfach etwas Neues auszuprobieren und zu experimentieren. Und wir freuen uns darüber, wie es sich in unser Album eingefügt hat. Es ist toll, einfach Sachen auszuprobieren und dann zu sehen, was davon hängen bleibt. Ich hatte vorher noch nie Vibraphon gespielt, aber es war eine tolle Erfahrung.

Brian: Es stehen immer eine Menge Instrumente herum und es ist einfach schön, die Dinge auf eine unkonventionelle Art zu lernen. Nikki hat in einem Nebenraum geübt, als wir gerade aufnahmen und man hat gehört, wie sie nach und nach besser wurde. Nach zwei Stunden hatte sie den Song drauf. Es gibt auf dem Album auch ein, zwei Stellen, an denen wir alle Instrumente spielen, die wir vorher noch nicht gespielt hatten. Wir haben einfach etwas herumgespielt und Jacknife hat das aufgenommen und gesagt: "Das packen wir auf's Album!".

Also könntet ihr euch vorstellen auch auf kommenden Alben neue Instrumente auszutesten?

Brian: Ja!

Nikki: Wir sind immer offen, einfach Neues auszuprobieren.

Brian: Jedes Instrument hat eine Art Gepäck mit sich. Man muss einfach ausprobieren, was zusammenpasst und wie man es am besten aufnimmt, damit es einzigartig klingt und es nicht jeder sofort erkennt. Beim Klavier zum Beispiel, wie kann man das Klavier in den Song reinschmuggeln, ohne dass jeder gleich merkt, dass es ein Klavier ist und es die Bizarrheit wegnimmt?

Brian, du wirst hin und wieder mit Caleb Followill von Kings Of Leon verwechselt und ihr beide habt auch mal darüber gescherzt die Bands zu wechseln. Denkst du immer noch darüber nach?

Brian: Nein, ich glaube auch nicht, dass er noch darüber nachdenkt. Es war einfach ein witziger Moment. Als ich mal in Athen auf der Akropolis war, hat mich ein Mädchen angesprochen und gefragt, ob ich in einer Band sei. Ich sagte, ja. Und sie sagt, Caleb? Und ich sagte, nein. Und sie kam nochmal und fragte, Caleb? Und ich sagte, nein, ich schwöre, dass ich nicht Caleb bin. Und sie fragt, ob ich mir sicher sei, dass ich nicht Caleb bin. Und ich, "ich denke ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meine Identität kenne". Aber mit Caleb war es einfach nur ein witziger Moment auf einer Gala.

Ihr seid auch schon seit 16 Jahren eine Band. Manch andere hätten sich da schon dreimal getrennt. Was ist euer Geheimnis?

Brian: Naja, ich denke, man muss das, was man tut, einfach wirklich genießen. Wir haben Menschen, die noch keine Aufnahmen veröffentlicht haben, immer gesagt, dass, wenn sie nicht schon die Auftritte in den kleinen Clubs oder Ähnliches genießen, sich später auch nichts ändern wird. Nichts wird dazu kommen, was es einem auf einmal genießen lässt - eher das Gegenteil. Natürlich ist es auch mal frustrierend und anstrengend, aber wir lieben es und können uns auch nicht vorstellen, das mal nicht zu tun. Unser Ziel ist es, zu spielen.

Nikki: Ja, unser Plan war es, nie Pläne zu machen. Wir versuchen einfach jeden Moment zu genießen.

Brian: Und wir machen uns auch keine Gedanken darüber, was unsere Welt für die Welt da draußen bedeutet. Wir haben uns ein eigenes Universum erschaffen und wir sind besessen davon. Wer immer davon ein Teil werden will, darüber machen wir uns Gedanken. Was in anderen Universen vor sich geht, ist für uns nicht interessant. Ich sehe viele Leute, die darüber nachdenken, wo sie gerade stehen, aber das ist schrecklich, das immer zu tun. Ich denke, wir haben nie auf jemanden gehört und wir machen uns nicht so viel um die Worte anderer. Wir machen einfach, was wir wollen und das ist vielleicht auch der Grund, warum wir immer noch eine Band sind.

Und ein anderer Grund ist, dass bei uns niemand gefeuert werden kann. Man sollte nicht damit anfangen zu denken, dass Leute in der Band feuerbar wären. Wenn man Probleme hat, ist es nicht die Lösung, Leute zu feuern. Es gibt Höhen und Tiefen. Wann ist etwas mal nicht komisch? Ich glaube, Leute tendieren dazu, Probleme lösen zu wollen, auch wenn da keine Probleme sind.

Wie kriegt ihr denn euer Privatleben mit Kindern und das Tourleben unter einen Hut?

Brian: Ich denke, am Anfang war es schwieriger als jetzt. Wir haben diese Welt in den letzten Jahren gut kennengelernt und uns immer einen Halt bei der Familie behalten. Mit den Kindern ist es hart, Facetime hilft da!

Nikki: Aber wir achten darauf, dass wir genügend zuhause sind und bevor wir auf Tour gehen, sind wir eine lange Zeit zuhause.

Brian: Und sonst, kommen sie zu uns!


Von:
Ann-Kristin Zoike