Interview mit Silverstein

Letztes Jahr haben Silverstein mit "I Am Alive In Everything I Touch" ein Konzeptalbum par excellence veröffentlicht - nun sind sie mit ihrer neuen Single "Ghost" zurück. Kurz vor ihrem Auftritt bei der Rise Up Tour 2016 in Münster hat Sänger und Frontmann Shane Told mit uns unter anderem über die Entstehung des Songs und über die Entwicklung der Musikindustrie gesprochen.

Ihr gehört inzwischen zwar schon zu den großen Bands der Szene, seid jetzt aber schon zum dritten Mal innerhalb eines Jahres in Münster. Habt ihr manchmal Angst, dass euch das Publikum irgendwann nicht mehr ganz so interessant finden könnte? Dass es deswegen vielleicht euch nicht so voll wird?

Ach, weißt du, es ist mitten in der Woche und die Leute haben noch andere Sachen in ihrem Leben als nur Konzerte, da kann es schon mal sein, dass die Show nicht die höchste Priorität hat. Aber weil Konzertespielen nun einmal das ist, was wir machen, versuchen wir es jedes Mal aufs Neue, dass es für jeden interessant ist. Nicht nur die Setlist ist immer anders, auch die Show ist es.

Was sagst du dazu, dass man euch als Band der "Generation My Space" bezeichnet? Hast du in all den Jahren, in denen es Silverstein jetzt gibt, einen tatsächlichen Wandel (in) der Szene erlebt?

Es ist komisch, mit My Space in Verbindung gebracht zu werden, weil es ja auch nur eine Social Media-Plattform ist. Wir waren eine Band, bevor es My Space gab und sind es auch jetzt noch. Silverstein gibt es inzwischen seit 16 Jahren und wir versuchen nach wie vor, gute Songs und gute Alben zu schreiben, unsere Fans mit Respekt zu behandeln und vor allem hart zu arbeiten – heute noch mehr als damals.

Die Musikindustrie hat sich in den letzten Jahren unglaublich verändert und entwickelt. Vor 16 Jahren hatten Bands keine Website – vor allem keine Social Media-Plattformen. Es gab keine digitale Musik. Es gab kein iTunes, keine iPods, keine Smartphones. Wir mussten uns in den letzten Jahren all diesen Dingen und Weiterentwicklungen anpassen. Wir mussten schauen, was tatsächlich Sinn macht und wie wir relevant bleiben können.

Könnte das vielleicht ein Grund dafür sein, dass vor allem in diesem Jahr so viele Bands aus der Szene ihre Auflösung bekannt gegeben haben? Weil es einfach immer schwieriger wird, jemand zu sein?

Ich glaube schon. Es ist zwar kein Geheimnis, dass es härter wird, das ist ja schon seit Jahren so. Die Leute kaufen nicht wie früher einfach Alben. Die Musikindustrie hat sich mehr auf das Streaming konzentriert mit Spotify, Deezer und den ganzen anderen Anbietern – was aber ganz und gar nicht bedeutet, dass das Label oder gar die Band genauso viel verdient wie mit verkauften Alben. Ich bin mir sicher, dass sich 90% der Bands wegen finanzieller Probleme auflösen.

Vor inzwischen anderthalb Jahren habt ihr eurer aktuelles Album "I Am Alive In Everything I Touch" veröffentlicht – das erste bei Rise Records. Wieso der Wechsel?

Wir wollten einfach in der bestmöglichen Position sein, um die Band weiterhin voran zu bringen. Bei Victory Records haben wir vier Alben veröffentlicht, bei Hopeless Records drei. Aber nachdem der Vertrag bei Hopeless ausgelaufen war, wussten wir einfach, dass der Zeitpunkt gekommen war, dass wir uns umschauen. Gucken, wo wir die besten Möglichkeiten haben. Und Rise Records haben einfach diese gute Infrastruktur, von der wir auch ein Teil sein wollten. Und weil wir uns immer gut verstanden hatten und uns mit den Leuten dort sehr wohl fühlen, hat es einfach Sinn gemacht, bei ihnen zu unterschreiben.

"I Am Alive In Everything I Touch" war außerdem ein komplett durcharrangiertes Konzeptalbum, jetzt habt ihr im starken Kontrast dazu mit "Ghost" "nur" eine Single veröffentlicht. Wie war es für euch, euch lediglich auf einen einzigen Song zu konzentrieren?

Es war auf jeden Fall weniger stressig. Wir wussten, dass wir es schaffen würden, einen einzigen Song zu schreiben. Bei manchen Alben waren wir uns dagegen nicht sicher, ob wir in der Lage wären, zwölf Songs zu schreiben. Es war wirklich cool, so viel Zeit in nur einen Song zu investieren. Wir konnten jeden einzelnen Teil genauestens sezieren und so lange daran arbeiten, bis für uns alles absolut perfekt war. Wenn man ein Album schreibt, macht man das leider nicht. Man schaut nicht, ob wirklich alles bestmöglich gemacht wurde.

Ich glaube, ich habe das noch niemandem erzählt, aber wir hatten zehn Leute, die für uns den Song gemixt haben. Ergo auch zehn verschiedene Ergebnisse, aus denen wir nachher unseren Favoriten aussuchen konnten. Wir haben also nicht nur was das Songwriting angeht sehr viel Arbeit in "Ghost" gesteckt, sondern auch bei der Produktion. So haben wir das übrigens auch bei unserem nächsten Album vor. Die Single hat uns da wirklich viel gelehrt.

Habt ihr schon an einem neuen Album gearbeitet?

Noch nicht. Aber wir haben ein paar Demo-Songs, die wir hin und wieder untereinander austauschen. Aber das war es auch. Wir sind da wirklich noch ganz am Anfang.

Du hast es gerade erst betont: Silverstein gibt es seit inzwischen 16 Jahren. Habt ihr schon Pläne für euer 20-jähriges Jubiläum?

Nein (lacht). Letztes Jahr zum 15-jährigen haben wir ein bisschen was gemacht, aber über das nächste haben wir noch nicht nachgedacht. Wir könnten aber einiges machen, ich meine, wir wären dann 20 Jahre lang eine Band, es gäbe "Discovering The Waterfront" schon 15 Jahre, wir hätten wirklich was zu feiern, aber das Jubiläum wäre auch erst 2020 und da müssen wir erst einmal hinkommen. Die Sache ist aber, dass wir Musik machen, weil es uns Spaß macht, weil wir es lieben. Wenn das so bleibt, dann bin ich mir sicher, dass wir 2020 feiern werden.


Von:
Leonie Wiethaup