Interview mit Motorama

Im Oktober hat die russische Post-Punk-Band Motorama ihr viertes Album veröffentlicht: "Dialogues". Kurz vor ihrer Show im Gleis 22 haben wir mit Leadsänger Vladislav Parshin unter anderem darüber gesprochen, dass Motorama die Independent-Szene in Russland und Europa prägend beeinflusst, die Politik allerdings keine Themeninspiration für die Band darstellt.

Das ist ja jetzt schon eure fünfte oder sechste Tour in Deutschland und Münster war auch schon mehrmals unter den glücklichen Konzertstädten. Welche Orte oder Sehenswürdigkeiten haben euch am meisten beeindruckt?

Wir mögen die kleinen Dörfer, die Vororte der Städte, am liebsten. Aber auch alte Kirchen, Burgen oder einfach die Landschaft. Natürlich lieben wir auch Berlin, Hamburg und Köln.

Motorama gibt es jetzt bereits seit zwölf Jahren. Habt ihr damals erwartet oder geplant, später mal auf Europa-Tour zu gehen?

Mit 16 Jahren hab ich mir eine Gitarre gekauft und mit einem Freund, der auch den Namen Motorama eingebracht hat, die Band gegründet. Ehrlich gesagt haben wir nichts dergleichen erwartet oder geplant. Es war mehr ein Hobby von uns: Proben, Musik hören, eigene Songs produzieren. Eines Tages wurden wir dazu eingeladen, in Moskau zu spielen - das war natürlich etwas ganz Anderes als in unserer Heimatstadt Rostow!

Habt ihr denn Fans in Rostow?

Naja, ich würde nicht sagen, dass wir richtige Fans in unserer Heimatstadt haben. Die Leute wissen, dass es uns gibt und sie hören unsere Musik, das schon. Fans haben wir eher in Lateinamerika.

Russland ist ja recht eigen, was die Musikszene dort betrifft. Gibt es dort denn eine ausgeprägte Indie- oder Subkultur? Was sind deine Idole?

Die Musik ist sehr unterschiedlich in Russland. Es gibt viele verschiedene Strömungen: Elektro, Indie. Es ist dasselbe wie in Frankreich oder Deutschland, denke ich. Wir haben viele Bands, die auf Englisch singen - das war vor allem in den 2000ern so. Mittlerweile texten viele Bands auch wieder auf Russisch. Meine Lieblingsbands sind eher die Bands der 80er.

Mir gefällt nicht, was zur Zeit in der Szene und der Musikkultur insgesamt passiert. Die Perestroika-Zeit hat viel zerstört, es war schrecklich. Viele junge Leute, die in den 90ern aufgewachsen sind, hatten keine Perspektive. Sie wussten weder worüber sie singen sollten, noch wie sie klingen sollten - sie hatten keine Ideen.

Du hast einige politische Aspekte erwähnt. Jeder diskutiert über Putin, Trump und Co. und viele Bands und Künstler nehmen Stellung dazu. Was denkst du über die neuesten Entwicklungen, vertretet ihr als Band eine politische Stellung?

Wir haben mit Politik nicht so viel am Hut. Vor allem wollen wir mit unserer Musik keine politischen Stellungen ausdrücken. Das ist eine schwierige Frage, weil jeder zurzeit jeder kritisiert, was in der Welt passiert. Wir sind weder liberal, noch rechtsextrem oder linksextrem. Die liberalen 90er Jahre waren noch schlimmer als die Sowjet-Zeit. Meine Großeltern sind Kommunisten und ich teile viele ihrer Werte diesbezüglich. Als Band vertreten wir allerdings keine einheitliche politische Meinung, wir sind da teilweise unterschiedlich.

Vlad, du schreibst die Texte für Motorama. Was ist deine Inspiration? Hast du ein bestimmtes Konzept?

Eine große Inspiration ist für mich die Folk-Musik - nicht nur die russische, sondern auch die amerikanische und europäische. Außerdem gefallen mir Kraftwerk und einige Krautrock-Bands. Was die Texte betrifft, ändert sich meine Perspektive von Album zu Album. Ich lebe ja auch jedes Mal in anderen Umständen, also auch bezüglich mentaler Umstände. Ich lasse mich durch Beziehungen, Reisen und vieles mehr inspirieren - ich singe aber nicht über mich! Ich schaffe lediglich Szenarios für den Hörer.

Ich denke, dass alles, was ich höre oder sehe, eine Inspiration darstellt. Besonders die Kindheit und die Musik, die ich damals gehört habe, ist eine der Hauptquellen.

Ich habe gelesen, dass du nicht nur Englisch, sondern auch ein bisschen Deutsch kannst. Wo und warum hast du das gelernt?

Wir hatten damals ein paar Jahre Deutsch-Unterricht in der Schule. Außerdem höre ich sehr gerne Musik aus Deutschland: Element of Crime, Neue Deutsche Welle und auch einige aktuelle Bands.

Okay, eine kreative Frage zum Schluss: Was wäre dein Album für eine einsame Insel?

[grinst] Die Frage habe ich schon mal irgendwo gelesen, das ist schwierig. Ich denke, ich würde mich für ein rein instrumentales Album entscheiden, ohne Gesang. [überlegt einige Zeit] Es gibt da einen russischen Komponisten, Adorta Timiev. Er komponiert auch Filmmusik. Ich würde wahrscheinlich eine Compilation seiner Stücke mit auf die einsame Insel nehmen.


Von:
Carolin Hasenauer