Interview mit Mobina Galore

Auch im 21. Jahrhundert sind Frauen in der Musikindustrie noch immer in der Unterzahl - auch im Punk und Hardcore. Marcia Hanson und Jenna Priestner haben allerdings nicht das Gefühl, Diskriminierungen ausgesetzt zu sein, und wenn, dann wissen sie sich zu wehren. Wir haben die beiden Mitglieder von Mobina Galore zum Interview getroffen und uns mit ihnen unter anderem über Genderspezifizierungen unterhalten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr diese Frage viel zu häufig hört, aber wie ist es als Frau in einer Hardcore-Punk-Band zu spielen?

Marcia: Es ist cool! Wir erleben nicht so viel direkte Diskriminierung, ich bin mir aber sicher, dass hinter unserem Rücken einiges passiert. Weil wir in den letzten ein, zwei Jahren aber davon nichts mitbekommen haben, ist es für uns einfach diese coole, positive Sache. Dass Frauen zu unseren Shows kommen und sich freuen, dass da zwei Frauen auf der Bühne sind, weil es davon nicht genug Bands gibt – und dem stimme ich vollkommen zu! Ob das nun wirklich mit Bands zu tun hat oder generell mit der Musikindustrie.

Dann fühlt ihr euch heute wirklich nicht diskriminiert?

Jenna: Nein. In jeder kreativen Branche brauchst du ein dickes Fell – ob das nun mit Musik, Kunst oder Comedy zu tun hat, ist egal. Man muss lernen, Dinge von sich abprallen zu lassen und einfach zu sagen: "Fuck you. Ich mache, was ich mache". Alles, was einem gesagt wird, kann als Stichelei gesehen werden. Wenn zum Beispiel jemand zu mir kommt und mir sagt, dass ein Instrument nicht richtig geklungen hat, weiß man nie, ob er auch einem Mann gesagt hätte, dass er nochmal besser alles nachstimmen sollte – oder ob er einfach generell an solchen Dingen interessiert ist.

Marcia: Wir können es nie mit Sicherheit sagen, weil wir keinen Mann in der Band haben. Wir werden behandelt, wie wir behandelt werden und können nur hoffen, dass jeder genauso behandelt wird. Wenn du an einer Venue ankommst, musst du allerdings immer selbstbewusst auftreten – ganz egal, ob du an dem Tag ansonsten eher schüchtern bist. Wenn du nicht selbstbewusst bist, werden dich zumindest manche Leute nicht ernst nehmen.

Jenna: Genauso ist es. Jemand auf dem Groezrock hat mit mir über die Pedale gesprochen, die ich benutze oder seiner Meinung nach benutzen sollte, und ich musste ihn irgendwann einfach stoppen und ihm klarmachen, dass ich keine Lust habe, dass er mich über mein Instrument belehrt.

Marcia: Es kommt aber auch immer darauf an, wie sie es sagen. Es ist ein Unterschied, ob sie einem vorschlagen, mal dieses oder jenes auszuprobieren oder ob sie sagen "du solltest das benutzen".

Durftet ihr euch jemals anhören, dass ihr anstatt Hardcore lieber etwas "weiblichere" Musik machen solltet? Etwas Poppigeres oder Country zum Beispiel?

Jenna: Weil wir zwei Mädchen in einer Band sind, denken viele Leute, dass wir genau das tun würden – machen wir aber nicht. Wenn sie uns hören, sind sie dann überrascht. Als wir mit Against Me! in den Staaten auf Tour waren, gab es da eine Familie, die großer Fan von Against Me! war, sie dutzende Male gesehen hat und also auch schon uns kannte – bis auf ein Mitglied. Wir haben dann irgendwann mal mit ihm gesprochen und ihm von unserer Band erzählt und sind dabei auch ins Details gegangen. Ein paar Tage später hat er uns dann gesehen, ist nach der Show zu uns gekommen und hat sich gewundert, dass wir das machen, was wir machen, und keine verweichlichte Folk-Band sind. Das ist auch wieder so ein Moment, wenn man Leute einfach stoppen muss, weil man keine Lust mehr hat, mit ihnen zu reden. Also ja, es wird definitiv angenommen, dass wir andere Musik machen. Aber niemand sagt, dass es cool wäre, wenn wir etwas Anderes machen würden – bis auf meine Mutter (alle lachen).

Wie denkt ihr darüber, dass es für die meisten völlig okay ist, wenn Männer Pop-Musik machen, aber nicht, wenn Frauen Hardcore machen?

Jenna: Wir schreiben das Jahr 2017 und ich denke, dass viel mehr Menschen dieselbe Einstellung wie wir drei zum Beispiel haben sollten. Es sollte keinen Unterschied machen, ob man nun ein Mann, eine Frau, trans- oder asexuell ist – viele haben nur nicht die Bildung, um das zu verstehen. Vielleicht haben sie auch nur noch niemanden in dieser Situation getroffen. Uns geht es darum, auf die Bühne zu gehen, Shows zu spielen und zu zeigen, dass es nicht um Genderspezifizierungen geht. Es ist ein gutes Gefühl, sozusagen Teil des Aufstiegs von female-fronted Punk- und Hardcore-Bands zu sein, eine Frau in der Musikindustrie zu sein, die Kontrolle zu übernehmen, anstatt nur auf der Rückbank zu sitzen. Ich versuche, immer positiv zu bleiben und zu schauen, was wir als Teil der Community machen können. Es ist nun einmal so, dass Marcia und ich beide Frauen sind und uns auch als Frauen identifizieren. Es ist ein cooles Gefühl, dass uns manche auf unseren Shows dafür bewundern.

Weil du in den letzten Minuten hin- und hergewechselt bist, Jenna: Was denkt ihr über den Unterschied zwischen den Begriffen "Frau" und "Mädchen"?

Marcia: Damit tue ich mich schwer, das ist nichts, worüber ich oft nachdenke. Manchmal erwische ich mich selber, wie ich Frauen als Mädchen bezeichne und ich weiß nicht, was das für mich bedeutet. Ich bin mir unsicher, wann ich eine Frau als Frau bezeichnen sollte – vielleicht mit 13 Jahren oder so.

Jenna: Für mich wäre das eher ab 20 Jahren. Mädchen klingt für mich jünger. Allerdings fühlen wir uns auch jung, sind allerdings Frauen. Ich glaube, manchen geht es dabei um Respekt. In den Staaten sagen manche "Ma'am", hier in Deutschland wird das nicht gesagt und bei uns in Kanada auch nicht.

Marcia: Ich habe mich dann immer gefragt, für wie alt sie mich halten (lacht).

Jenna: Genau! Und "Mädchen" könnte davon genau das Gegenteil sein. Wenn es wirklich darum geht, dass man kein Mädchen mehr ist, sondern eine Frau, die in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen.

Das Interview ist für "Auf den Punk gebracht", eine Sendung rund um Punk, Emo, Hardcore und Alternative und eine interessante Frage ist da immer, wie die Bands überhaupt zum Punk gekommen sind. Habt ihr spannende Geschichten zu erzählen?

Jenna: Ich bin durch meinen Bruder zum Punk gekommen. Mein Bruder ist ein paar Jahre älter als ich und wenn du etwa zwölf Jahre als bist, bist du noch sehr formbar – man kann dich dazu überzeugen, quasi alles zu tun. Meine Eltern würden sagen, dass ich immer eine unabhängige, freigeistige Person war – auch mit fünf Jahren – aber ich war einfach immer stur und bin es noch immer (lacht). Als ich 13 Jahre alt war, habe ich mich dazu entschlossen, Gitarre zu lernen, weil mein Bruder das auch gemacht hat. Er hat mir auch Mix-CDs gemacht, die ich dann in meine Gitarrenstunden mitgenommen habe, damit man mir da zeigt, wie ich diese Songs spielen kann. In den Jahren, in denen ich Gitarrenstunden hatte, habe ich ganz viele Punk-Songs gelernt, sehr viele Power-Chords und alles von Bad Religion über Pennywise bis zu Propagandhi. Dann habe ich die poppigere Seite von Punk kennengelernt, Blink-182 war zum Beispiel für einige Jahre meine Lieblingsband. Viele Bands haben wir auch durchs Touren kennengelernt. An Punkrock ist interessant, dass es seine eigene Community hat, weil es eben nicht Mainstream ist – manches ist vielleicht Borderline-Mainstream, aber alles Andere musst man durch Shows oder Mix-CDs selber entdecken.

Was war denn eure erste Punk-Show?

Jenna: Wahrscheinlich die Warped Tour im Allgemeinen – sie ist allerdings nicht mehr das, was sie mal war. Meine ersten tatsächlichen Punk-Shows waren Face To Face, Saves The Day und Gob, glaube ich. Kannst du dich noch an deine erste erinnern, Marcia?

Marcia: An meine erstes Konzert, ja, aber das war keine Punk-Show, sondern Céline Dion (lacht).

Könnte schlimmer sein, sie ist eine tolle Sängerin.

Marcia: Sie ist großartig! Die Frau kann singen!

Jenna: Eine kanadische Ikone (lacht).

Ist sie der Grund, warum du mit dem Singen angefangen hast?

Marcia: Nein (alle lachen). Ihre Songs waren nur das erste, was ich jemals an Musik besessen habe. Meine Großtante hat mir eine Kassette geschickt, als Céline Dion noch auf Französisch gesungen hat. Ich wurde schon sehr jung ein Fan von ihr (lacht).

Foto: Gunner Records


Von:
Leonie Wiethaup