Interview mit Matthias Tarnath (Nasty)

Matthias Tarnath, Frontmann der Hardcore-Band Nasty, gibt nicht gerne Interviews. Das liegt allerdings nicht daran, dass er sich nicht gerne der unnatürlichen Gesprächssituation aussetzt, sondern dass er in der Regel nicht so antwortet, wie es sich andere wünschen. Veröffentlichen sie ein neues Album? Ja, am 22. September, "Realigion". Konnte man schon darüber diskutieren? Nein, weil dieses Interview auf dem Vainstream Rockfest entstanden ist und zu dem Zeitpunkt noch keine Details bekannt waren. Also haben wir mit Matthias einfach mal über das gesprochen, was seit vielen Jahren sein Leben ausmacht und mitbestimmt: Hardcore.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie du mit Hardcore in Kontakt gekommen bist?

Ich habe sehr viel melodischen Punk-Kram gehört – die ganzen Fat Wreck-Sampler, NOFX und Co. – und dann auch schon mit 14, 15 Jahren versucht, in Diskos reinzukommen, wo solche Musik lief. Irgendwann in der Schule kam ein Freund, mit dem ich das auch zusammen gelebt habe, zu mir und meinte, er sei über die Brüder seiner Freunde auf einem Hardcore-Konzert gewesen, auf dem Westside Unity in Aachen. Er hat richtig davon geschwärmt wie geil das war und dass es dort so Sachen wie Circle-Pits geben würde, was ich total krass fand. Meine erste Show war dann, glaube ich, im AZ in Aachen mit Cockroach, später Mindcrap, gute Freunde von mir.

Dann hat es auch damit angefangen, dass ich mir in Plattenläden alles, was nach Hardcore ausgesehen hat, angehört und wenn es gepasst hat, gekauft habe. Damals konnte man sich für Geschenke die CDs versiegeln lassen – wenn das Siegel noch dran war, konnte man die umtauschen und das Geld zurückbekommen. Zuhause habe ich mit Pinzette das Siegel aufgemacht, den Kram auf Tape aufgenommen, das Siegel wieder draufgemacht und das Geld zurückbekommen – wir hatten ja keine Kohle (lacht).

Die ersten Sachen waren Agnostic Front, Pencilcase aus Aachen und Stampin' Ground. Die erste richtige Hardcore-Show war, glaube ich, in einem Proberaum in Eupen. Unter anderem haben da Reveal gespielt. Da war auch das erste Hardcore-Distro, von Matthias von Settle The Score – Spill The Blood Records. Da habe ich mir an CDs alles geholt, was ging. Da haben CDs auch nur 5 Mark gekostet. Du hattest früher einfach nicht den Zugang, den du heute mit dem Internet hast. Du musstest auf eine Hardcore-Show gehen, um überhaupt Hardcore-Inhalt zu bekommen. Ich habe alles in mich reingezogen, alle Lyrics gelesen.

Ich habe damals in Belgien gewohnt und musste immer mit dem Bus nach Aachen, wo es einen alternativen Plattenladen gab, wo manchmal Flyer von Shows ausgelegt waren. Ich bin manchmal extra nur in diesen Laden gefahren, um nach Flyern zu gucken! Wenn dann mal eine Show war, mussten wir auch noch rumfragen, wer ein Auto hat und dahinfährt – wir hatten ja keine Karre.

Die erste größere Show mit bekannteren Bands war ein Festival mit Madball, Cold As Life, Deviate und Comin Correct. Da war ich 16 Jahre alt und habe bei Rick "Ta Life" [Anm. d. Red.: Sänger von Comin Correct] eine Comin Correct-CD gekauft – und das was das Größte für mich! Und jetzt ist der Typ voll abgedreht und fängt an, Nasty zu dissen und macht irgendwelche Hasstiraden im Internet, obwohl er uns noch nie gesehen hat (lacht). Ich hab's geschafft: Ich werde von meinem damaligen Idol gedisst (lacht)!

In der Schule hatten wir mit 16 dann auch eine Clique und wollten eine Band machen – dass keiner was konnte, war egal. Ich wurde Gitarrist, habe mir eine kleine 80 Watt-Marshall-Amp-Combo geholt und eine Fender-Nachbaugitarre. Unser Drummer Ralf konnte ein bisschen was. Wir waren immer bei denen im Keller, in so einer Asi-Gegend. Mit unseren Freunden Felix, Till und Mario haben wir unsere erste Band Surrounded By Blindness gegründet. Wir dachten, wir wären die Oberkings. Jetzt haben ich mir aber neulich unser Demo und angehört und naja. Für das, was es war, war es süß, sage ich mal (lacht). Aber wir konnten halt nichts. Ich habe mir Peter Buschs Gitarrenlehrbuch gekauft, gemerkt, das bringt nicht, und irgendwer hat mit dann diesen Trash-Akkord gezeigt.

Wo du eben schon so lange und so stark involviert bist: Denkst du, dass sich die Hardcore-Szene in den letzten Jahren verändert hat? Sagen wir mal in den letzten zehn Jahren?

Ja, klar. Und Veränderung ist ja auch nicht unbedingt schlecht. Ich würde sagen, es ist alles ein bisschen schnelllebiger geworden. Es gibt viel mehr Bands, auch viel mehr gute Bands, aber trotzdem wird es für gute Bands immer schwieriger, sich durchzusetzen, weil der Pool von Bands riesengroß ist. Man hat viel krasseren Zugang dazu. Wenn du damals ein Musikvideo gemacht hast, warst du schon ein King – du konntest es nur nirgendwo zeigen. Es musste dann auf MTV Headbangers Ball laufen, damit es jemand checkt. Heutzutage kannst du mit einfachsten Möglichkeiten schon richtig gute Videos drehen und damit auf deine Band aufmerksam machen. Du kannst jetzt zuhause über deinen Rechner Aufnahmen machen, die alles wegblasen, was vor 15 Jahren an Hardcore-Aufnahmen unterwegs war.

Die Szene ist viel größer geworden – auch durch Impericon oder das Vainstream. Früher hätte es mit solcher Musik keine Konzerte gegeben, wo 10.000 Leute kommen oder Touren, wo tausend Leute kommen.

Ich finde auch, die Szene ist ein bisschen oberflächlicher geworden. Aber andererseits auch schon wieder nicht oberflächlich, weil alles totdiskutiert wird. Früher haben wir Flyer von Shows gefunden, wo man einfach hinmusste – da hast du vielleicht einmal in zwei Monaten eine Hardcore-Show gesehen. Heute gibt es sehr viel, was cool ist. Es ist gut für die Bands, gut für die Veranstalter und cool für die Kids, aber du merkst, dass es den Leuten vielleicht nicht mehr ganz so viel wert ist, wie es früher war – nicht allen, klar, man kann ja nicht jedem in den Kopf reingucken – aber viele Leute kommen und verschwinden. Die sind ein, zwei Jahre da und haben dann keinen Bock mehr, finden was Anderes und dann war's das wieder.

Wir waren damals nicht die "Trottel", aber unser Kreis war anders, alternativ. Auf meiner ersten Hardcore-Show sind wir mit offenen Armen empfangen worden – ich kannte keinen, aber es fanden alle cool, dass wir da waren. Für mich war es der Eintritt in eine neue Welt! Ich wusste, ich bin hier unter Gleichgesinnten, gut aufgehoben, beschützt. Ich habe das Gefühl, dass das heutzutage nicht mehr ganz so ist.

Ganz ehrlich, worüber sich die Leute heutzutage gegenseitig abfucken, was sie sich für Scheiße an den Kopf werfen – ich kriege es selber ja auch ab. Da wird man irgendwo als "Look der Woche" bei Impericon gepostet und ich sehe eigentlich ganz normal aus, habe die Mütze aber zwei Zentimeter höher, weil ich sie gerne wie East Seventeen trage – ich feier das halt (lacht). Ich weiß, dass man normalerweise eine Mütze über den Ohren trägt! Da kommen dann trotzdem 160 Kommentare mit Spongebob-Memes von Patrick, wirst als Spasti beschimpft und ob ich nicht wüsste, wie man eine Mütze anzieht. Natürlich weiß ich das, ich bin doch nicht bescheuert, aber lass mich doch machen! Wo wäre ich, wenn ich mich über jeden abfucken würde, der nicht so rumläuft, wie ich es mir gerne vorstelle?

Wie anstrengend das auch wäre.

Ja! Die Leute haben entweder keine echten Probleme oder zu viel Zeit. Wenn sie wollen, soll sie es machen, ich habe mir da mega einen abgelacht, aber natürlich mache ich mir da auch meine Gedanken. Was ist mit den Leuten los, die auf solche Konzerte kommen? Sobald etwas gepostet wird, gehen die Diskussionen los – früher hat es das um einiges weniger gegeben. Beziehungsweise musstest du es in Persona machen und dementsprechend wurde da auch aufgepasst, was man sagt. Wenn manche Leute das so sagen würden, wie sie es schreiben, würden sie eine Backpfeife kriegen.

Da spielt dann natürlich die Anonymität des Internets eine große Rolle.

Jeder hat durch das Internet ein Riesensprachrohr. Früher mussten die Leute was reißen und sich eine Reputation aufbauen, damit sie überhaupt wahrgenommen werden und ihnen zugehört wird. Du musstest eine Persönlichkeit sein – ob jetzt gut oder schlecht, sei dahingestellt. Heute hat jeder Hinz und Kunz, der vielleicht den ganzen Tag rumliegt und nichts gebacken kriegt, die Möglichkeit, den absoluten Louie im Internet zu machen. Die Anonymität finde ich sehr gefährlich.

Ich habe bereits von mehreren Leuten und Musikern gehört, sie hätten die Hardcore-Szene aufgrund der anwachsenden Gewalt verlassen – Dave Hause zum Beispiel (hier nachzulesen). Bekommst du da irgendwas mit?

Ich weiß nicht, wer das ist. Es ist mir auch ultra scheißegal, wer das ist und dass er die Szene verlassen hat, das muss jeder selber wissen. Für mich kommt es darauf an, wie man sich da sieht. Ob ich mich als Teil der Szene sehe oder ob Hardcore die Szene ist. Oder ob Hardcore das ist, was ich draus mache. Was ist Hardcore? Für mich ist Hardcore, mein Ding machen und das nicht auf den Schultern anderer zu machen, sondern was Positives, was Produktives zu machen. Vielleicht auch ein Sprachrohr für seine eigenen Sachen zu sein. Was dann jeder daraus macht, ist seine Sache. Für mich ist das, was wir machen, der Begriff von Hardcore.

Für mich ist es absolut bescheuert zu sagen, ich verlasse die Szene oder bin nicht mehr Hardcore, weil die Leute gewalttätig werden! Selbst wenn sich hier auf dem Vainstream 10.000 Leute auf die Fresse hauen, spucken, pissen, scheißen, Orgien starten und keine Ahnung was machen, würde ich sagen, ich bin trotzdem Hardcore und ihr seid es nicht – in meinen Augen. Deswegen finde ich bescheuert zu sagen, ich schmeiße die Hardcore-Szene oder bin nicht mehr Hardcore, weil die Szene sich verändert. Entweder du bist Hardcore oder du bist es nicht! Soweit man jemanden überhaupt Hardcore nennen kann. Für mich sind es die Werte, mit denen ich in der Hardcore-Szene großgeworden bin und warum ich dareingefunden habe. Für mich kann am Ende einer, der nur auf Gabba feiert, sich Pep ballert und jeden Abend am schranzen ist, mehr Hardcore sein als irgendein Typ, der hier auf eine Show geht, sich allen Merch kauft und seine Nase rümpft und Scheiße redet. Du kannst den Leuten nicht hinter den Kopf gucken!

Ich persönlich höre sehr gerne Hardcore und schaue mir auch dementsprechend gerne die Shows an, gehe wegen den anderen Leuten aber kaum in den Pit.

Da sprichst du mit dem Richtigen. Wir sind musikalisch eine recht brutale Band und dementsprechend gehen die Leute auch brutal ab. Viele Leute fragen mich, ob ich das cool finde oder nicht doch schon übertrieben. Ganz ehrlich: Ich finde es mega geil, wenn ultra Chaos ist! Wenn es richtig brutal wird. Allerdings gibt es immer Leute, die es übertreiben oder die Grenze zwischen "ich flippe ab und vergesse mich" und "ich mache einen super dicken Willy und schlage einfach direkt ins Gesicht" nicht kennen. Ist nicht meins und ich habe auch schon selber genug auf die Fresse bekommen, was sowas angeht (lacht). Ich habe mich nie beschwert, weil es einfach so ist und solche Leute eben rumlaufen.

Ich finde, am Ende muss jeder selber wissen, was er mit der Mukke macht. Ich stehe da, wir machen unser Ding, ich bin aber nicht der, der dir zu sagen hat, wir du zu tanzen hast. Wenn es Leute im Publikum stört, dass jemand zu viel macht, müssen sie halt was dagegen machen! Wenn dir jemand frontal in die Fresse schlägt, würde ich nicht am nächsten Tag einen Post im Internet machen, sondern zusehen, dass du da am Tag selber was machst.

Es kotzt mich so an, wenn man hört, was auf Shows passiert – es sind ja auch schon leider Leute gestorben. Einmal waren wir mit Terror in der Schweiz. Dort ist jemand beim Stagediven auf den Nacken gefallen und zwei Tage später im Krankenhaus gestorben. Auf der Show ist mir bei Terror auch ein 130 Kilo-Typ auf den Rücken gesprungen, was für mich im Nachhinein einen bitteren Beigeschmack hatte. Klar gibt es beim Violent Dancing Verletzungen, aber die gibt es bei allem. Am Ende muss jeder selber wissen, was er macht.

Man weiß ja auch, worauf man sich einlässt, wenn man zu so einer Show geht.

Und wenn man sich wirklich nur die Show angucken will, muss man eben zusehen, dass man sich irgendwie einen sicheren Platz holt. Ich kann das verstehen, ich tanze selber nicht mehr, weil ich mir immer dabei weh tue (lacht). Aber es passiert halt. Was ich blöd finde, ist, dass nach jedem Konzert diskutiert wird. Gerade früher gab es bei uns sehr oft Schlägereien. Bei größeren Konzerten ist das seltener geworden und die Masse wie hier auf dem Vainstream ist auch ein bisschen gemischter. Früher war es so viel, dass wir gesagt haben, wir hören im Set nicht mehr auf, wenn sich zwei Leute prügeln. Wenn es komplett entartet, dann klar. Ich bin auch schon runtergegangen und habe schlichtet. Ich habe nur keine Lust, fünfmal zu unterbrechen, dann brauchen wir gar nicht mehr spielen. Wir sind nicht die, die den Leuten etwas vorschreiben. Wir sind die, die etwas liefern, das die Leute dann selber verarbeiten müssen.


Von:
Leonie Wiethaup