Interview mit I Salute

Seit sie Ende 2014 ihre Debüt-EP "To Nothing But You" veröffentlicht haben, gelten sie als Geheimtipp was experimentellen Rap und Hip-Hop in Deutschland angeht. Nun sind Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann das erste Mal als I Salute auf Tour – und wir haben uns mit ihnen zum Interview verabredet! Die Themen: Unter anderem Inspiration, Selbstinszenierung und das anstehende Album.

Ende 2014 hat man das erste und für lange Zeit auch zum letzten Mal von euch gehört. Was hat sich in der Zwischenzeit getan?

Sören: Anfang 2015 haben wir begonnen, am Album zu arbeiten. Uns kam die Zeit gar nicht so lange vor, da wir konstant Musik gemacht und das Album letztes Jahr so gegen September fertig gestellt haben. Wir haben daraus jetzt auch schon zwei Singles veröffentlicht und so wird das erstmal weitergehen, bis dann voraussichtlich im August das Album erscheint.

Was gibt es zuerst: Das Instrumental oder den Text beziehungsweise das Thema?

Sören: Das bedingt sich eigentlich immer. Meistens ist es aber so, dass der musikalische Teil so zu 85% fertig ist und ich dann in die Uni Bibliothek gehe und dazu schreibe. Da kann mich dann alles inspirieren – zum Beispiel ganz normale Artikel über gesellschaftliche politische Themen. Oftmals ist es aber auch so, dass ich etwas lese und dann auch einfach viel träume. Mit so einem melancholischen Blick aus dem Fenster, die S-Bahn fährt vorbei und ich wuchere durch meine Gedanken. Genau beschreiben kann ich das nicht. Das ist eine Art von Philosophieren, ohne dass ich mich jetzt an irgendjemandem speziell orientiere.

Ich habe mir den Song "Bearer" in den letzten Tagen sehr oft angehört und meine eigene Deutung dazu formuliert. Eure Texte sind ja oftmals sehr kryptisch geschrieben und bieten viel Spielraum für Interpretationen, für mich ist das ein depressiver Song über Religion und den Verlust des eigenen Selbst im Konsum. Was sagt ihr dazu?

Sören: Da bist du auf jeden Fall schon einmal nah dran. Ich glaube, eine kritische Haltung gerade gegenüber Religion kann man da sehr gut raushören. Ob der Song jetzt wirklich depressiv ist, weiß ich nicht. Für uns war es immer mehr der pissige, eher wütend und aggressive Song.

Im Song fragst du an einer Stelle "welchen Reiz hat Toleranz, wenn Systematik euch ein Feind ist?". Ich verstehe das so, dass Toleranz erst entsteht, indem durch Systematik Gruppen erschaffen werden, denen gegenüber Toleranz oder Intoleranz möglich ist.

Sören: Ich muss leider sagen, diese Zeile ist sehr egoistisch verfasst. Eine der wenigen, die wahrscheinlich wirklich autobiografisch verstanden werden können. Ich bin extremer Strukturfreund und einer bei dem immer alles am richtigen Platz sein muss – und das bestmöglich im rechten Winkel. Es war eher so gemeint, dass ich mich mit Unordnung vom Fremden und von anderen nicht abfinden will. Deswegen "welchen Reiz hat Toleranz" für mich, wenn euch allen Systematik, Ordnung und Struktur ein Feind ist. Das ist eher eine herausgelöste Zeile aus dem wütenden Anschreien.

Ich habe mich dann gefragt, ob Toleranz und Akzeptanz eigentlich zu wenig radikal ist und es eigentlich etwas Anderes bräuchte. Denn wenn Toleranz erst möglich ist, wenn überhaupt erst Gruppen entstanden sind, dann benötigt man ja vielleicht etwas Radikaleres, damit diese erst gar nicht entstehen.

Sören: Die Thematik von Toleranz und Akzeptanz ist ja sowieso aus meiner Perspektive und bestimmt auch aus der von Magnus in Frage zu stellen. Also ich hatte in meinem Leben nie mit irgendwas Berührungspunkte, das ich nicht tolerieren konnte, wenn es nicht etwas war, was mich oder andere nicht toleriert hat. Ich komme gar nicht in die Situation, wo ich mir denke, dass ich etwas nicht akzeptabel finde. Wenn mir etwas nicht meine Freiheit nimmt, wenn jemand nicht ungerecht ist und nicht jemand anderem Schaden zufügt, dann stellt sich für mich die Toleranz-Frage gar nicht.

Grundlegend gibt es viele Diskussionen, die geführt werden – vor allem über Sprache und gewisse Worte die verwendet werden. Was darf man in welchem Kontext verwenden? Solche Sachen fragen wir uns gar nicht, weil wir uns gar nicht zwischen den Stühlen sehen. Für uns gibt es keine negative Bedeutung von "schwul" oder keine negative Bedeutung von anderen Worten, die so krass diskutiert werden.

Das ist gut, dass du das sagst, denn ich wollte euch auch noch auf eine Zeile aus eurem Song "Your Courage" ansprechen, wo du von "schwulen MCs" redest. Das ist doch in dem Moment schon negativ konnotiert, oder? Für mich kam es in dem Moment nämlich so wie dieses Rap-Klischee rüber, nach dem Motto "ihr seid alle schwule Rapper und ich bin der Krasseste", was aber für mich nicht in den Rest des Songs gepasst hat.

Sören: Genau das ist ja der Punkt. Dieser Song ist eine Retrospektive und ich erzähle in diesem Part aus der Sicht des Dritten auf mich. Die Leute, mit denen ich früher mit dem Freestylen, Texten und Musizieren angefangen habe. Das waren die schwulen MCs.

Magnus: Die von den Aggro-Rappern als schwul bezeichnet wurden. Wir waren ein Teil dieser schwulen MCs.

Sören: Genau, wir waren diese anderen "Schwulen". Sicherlich ist es auch eine Provokation gewesen, wir haben uns damit ja schon öfter auseinandergesetzt. Wir wurden schon des Öfteren darauf angesprochen, sowohl in Interviews, als auch von fremden oder bekannten Leuten, die dann erzählen, dass sie zusammenzucken, wenn sie das hören.

Magnus: Wir wurden schon mit "ach, ihr seid doch diese Schwulenhasser" angesprochen.

Das war auch der Grund warum ich euch darauf ansprechen wollte, weil das für mich gar nicht in das Bild von euch und in den Song reingepasst hat.

Sören: Es geht ja auch "schwule MCs / Farbkannen und Blumen im Sieb". Es ist jeine Retrospektive meines Lebens. Die Farbkannen, die Sprühdosen, die Blumen im Sieb, das Gras: Wir, die schwulen MCs, ich und meine Homies. Ich weiß wirklich wie das ist, der Typ zu sein, der aufgrund seiner Consciousness, seinen früher so angeprangerten pseudo-deepen Texten angefeindet, beleidigt und gedisst wurde. Mir haben sie auf Konzerten die Mütze vom Kopf geschlagen, weil sie entweder nicht verstanden haben, was ich wollte, oder weil sie es nicht hart genug fanden, nicht männlich genug, nicht maskulin genug. Und es ist einfach eine Art von Provokation in dem Song, in der Sprache – ohne natürlich irgendwen zu beleidigen, sondern um vielleicht mit einem Augenzwinkern zu sagen "ja, ich war der Schwule MC und jetzt bin ich immer noch dabei und was macht ihr?".

Magnus: Ich finde es dabei auch eher interessant, dass Leute sich beleidigt gefühlt haben, obwohl es meiner Meinung nach nicht einmal ansatzweise negativ kommuniziert wurde. Und alle anderen, die sich immer hinstellen und sagen, dass man "schwul" nicht als negatives Wort benutzen soll, haben es dann als negatives Wort gesehen.

Sören: Sie haben es sofort als etwas Negatives interpretiert und das ist für mich dann der Punkt, wo ich weiß, dass es wirklich richtig war, was wir mit der Zeile gemacht haben. Ich glaube, dass viele Leute, die solche Worte sofort als politisch inkorrekt ansehen, sich mal selbst fragen sollten, warum sie denken, dass ich "schwul" überhaupt mit einem negativen Bezug verwenden würde oder sollte. Das ist ja total absurd.

Ich glaube, dass es überall anders im Rap negativ konnotiert verwendet wird und dass man gleich all diese Klischee-Zeilen damit verbindet.

Sören: Und da machen sich die Leute das zu einfach. Sprache ist variabel und Sprache ist extrem vielschichtig und man kann nicht einfach ein Wort nehmen und das auf eine Liste setzen und sagen, das dürfe man nicht mehr benutzen. Sowas lassen wir uns auf gar keinen Fall verbieten. Uns ist ja auch bewusst, dass viel missverstanden werden kann – sowohl musikalisch, als auch textlich. Die Leute können auf jeden Fall kommen und fragen, was wir damit meinen. Klar können wir dann darüber reden.

Eure neue Single "Amanda" habe ich jetzt auch ein paar Mal angehört und bin noch zu keiner klaren Deutung gekommen. Worum geht es in dem Song?

Sören: Es ein Song, den wir für einen unser besten Freunde geschrieben haben, der unsterblich in ein Mädchen verliebt ist. Als er es ihr gesagt hat, war sie zerrissen und vielleicht auch etwas überfordert. Weil wir sehr gute Freunde sind, haben wir alles total intensiv mitbekommen und das textlich begleitet. Ich habe oft mit ihm telefoniert, war das offene Ohr. Als sie dann noch ins Ausland geflogen ist, war er vollkommen durch den Wind – für uns war das ein geiler Moment, weil wir das sofort aufsaugen konnten. Wir kennen die Situation aber natürlich aus unserem Leben auch auf eine gewisse Art und Weise. Für jemandem so viel zu empfinden und nicht zu wissen, wie man es demjenigen beibringen kann. Es fällt wirklich schwer das genau zu beschreiben, weil das eine sehr emotionale Herangehensweise war, zumindest textlich. Die Musik haben wir glaub ich relativ schnell geschrieben.

Magnus: Da hatten wir auch erst ein Gefühl und die Story, die in dem Moment noch sehr frisch war, und haben darauf dann den Song gebaut. Das ging auch relativ schnell.

Sören: Wir konnten uns sofort mit dieser Situation identifizieren. Der Song hat ja auch verschiedene Phasen: Die Euphorie, die Zerrissenheit, die Angst, die Bedrohung. Wenn man sich auf solche Weise öffnet, seine Gefühle preisgibt und die Kontrolle über diesen Moment verliert, ist das natürlich sehr interessant, spannend und auch zermürbend und so ist auch dieser Song. Ein Auf und Ab, ein nach vorne gehen, aber dann doch wieder zurückhalten, vorsichtig, zurückhaltend, herantastend, umgarnend.

Ihr wirkt bisher wie Künstler die eher im Hintergrund bleiben wollen, die Musik natürlich an vorderster Stelle. In den Videos zur EP wart ihr kaum zu sehen, es gab keine Performance-Szenen und ihr werdet nicht groß abgebildet. Wird das so bleiben? In der Musik und gerade im Rap gibt es ja auch eine Ebene der Selbstinszenierung.

Magnus: Ich würde schon fast sagen, dass es jetzt eher in Richtung Selbstinszenierung geht. Live ist es nicht zurückhaltend. Es war uns auch sehr wichtig, dass wir nicht wie zwei Professoren rüberkommen, die nur auf ihr Instrument gucken. Es geht schon hauptsächlich um die Musik.

Sören: Grundsätzlich geht es immer erst um die Musik, das ist ganz klar. Wir als Personen stehen nicht in Full-Body-Pose auf dem Artwork und sagen "jo, wir sind's und eigentlich ist es auch nur wichtig, dass ihr euch unsere Gesichter merkt". Das ist natürlich nicht die Relevanz, die wir anstreben. Wir haben aber versucht, dass wir aus diesem mysteriösen "Was ist denn I Salute eigentlich? Wer ist das und wie viele sind das? Was soll das überhaupt?" ausbrechen und uns sehr plakativ progressiv in den Mittelpunkt drängen. Das aber weniger durch das Zeigen unserer Bodys und Gesichter, sondern auf eine künstlerisch unserem Anspruch entsprechende Art und Weise. Wir haben zum Beispiel mit unserer Freundin Mandy ein stilistisch sehr kontroverses Album Artwork entworfen. Wir haben bei den Videos mit Szenen gearbeitet, in denen wir auch eindeutig zu identifizieren sind. Das alles aber nicht, weil unser Schritt sein soll, uns jetzt als Marke kompatibel zu machen, sondern einfach, weil wir uns selbst auch jetzt ausreichend verstehen, um uns so darzustellen wie wir es wollen. Vor allem auch weniger als der Artist im Video und mehr als Schauspiel. Es gibt eine Rolle die man übernimmt und wir verkörpern ein Gefühl, eine Person die es vielleicht gibt, die vielleicht wir sind aber vielleicht auch nicht.

Ich habe noch eine letzte Frage, die mir als Hörer der "To Nothing But You"-EP schon lange auf der Zunge liegt. Auf dem Song "You" knistert es die ganze Zeit total – warum, was ist das, ist das Absicht?

[beide lachen]

Magnus: Ja, das ist ein Joghurt, der hatte so Knisterperlen. Den habe ich mir extra dafür gekauft. Ich wollte kein Vinyl-Rauschen, das hat man ja gehört, das kennt man schon. Ich wollte ein geiles Knistern. Also Knisterperlen in den Joghurt, Joghurt in den Mund und Mikrofon schön dranhalten.

Sören: Es gefällt uns einfach, zu experimentieren und mit verrückten Sachen, verrückte Sounds zu entwerfen und zu designen. Die Idee war halt der Killer.

Magnus: Sören hatte mir davor Aufnahmen geschickt, wie er mit dem Handy im Auto sitzt und der Regen auf das Dach prasselt. Das war es aber noch nicht, ein Lagerfeuer auch nicht und dann haben wir halt einfach diesen geilen Joghurt gefunden.

Zum Ende möchte ich euch noch eine Frage stellen, die auch schon eure Tour-Kollegen Leoniden beantwortet haben (hier nachzulesen). Wenn ihr wie Tom Hanks in "Cast Away" alleine auf einer einsamen Insel landen würdet - welches Album würdet ihr mitnehmen?

Sören: Ich nehme "Because The Internet" von Childish Gambino mit. Das ist Hip-Hop so groß und vielfältig wie er nur sein kann.

Magnus: Wenn ich alleine auf der Insel wäre, würde ich wahrscheinlich Envy mitnehmen. Envy mit "A Dead Sinking Story". Da ist einfach alles drauf. Da ist Anspannung drauf, da ist Entspannung drauf, das ist einfach der Hammer!


Von:
Till Otte