Interview mit I Heart Sharks

I Heart Sharks machen inzwischen seit zehn Jahren Musik - modernen, urbanen Indie. Mit uns haben Sänger Pierre Bee (zweiter von links) und Gitarrist Simon Wangemann (dritter von links) unter anderem über ihr neues Album "Hideaway", die Verantwortungslosigkeit der Generation der Babyboomer und das Amerika unter US-Präsident Donald Trump gesprochen.

Ihr habt euch damals im Berghain in Berlin kennengelernt. Wisst ihr noch, ob es einen bestimmten, ausschlaggebenden Moment gab, an dem ihr dann wusstet, dass ihr mit genau diesen Menschen zusammen Musik machen wollt?

Pierre: Ich glaube an die Zeit können wir uns nicht mehr so genau erinnern, schon gar nicht an Momente. Wir waren zu der Zeit noch Teenager und es war viel Alkohol im Spiel [lacht]. Wir sind damals viel weggegangen und haben an den Tagen darauf dann versucht, die Ideen, die nachts in den Clubs entstanden sind, irgendwie auf Band zu bekommen - den Techno, den wir mochten, auf Instrumente zu spielen.

Euer Debütalbum "Summer" wurde von euren Fans finanziert, war also quasi ein Crowdfundingprojekt. Euer Zweitling "Anthems" ist dann bereits beim Major-Label Island Records erschienen. Vergangenen November habt ihr mit "Hideaway" bereits euer drittes Album veröffentlicht - allerdings wieder auf einem Indie-Label. Wir würdet ihr im Nachhinein den "Ausflug" zum Major-Label bewerten wollen?

Simon: Ich glaube, das wäre etwas, das wir wieder machen würden, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte und wir wieder in derselben Position wären. Wir bereuen es auf keinen Fall, dass wir es gemacht haben.

Pierre: Und alle großen Indie-Bands sind bei Majors, die Foals ja zum Beispiel auch. Der einzige Unterschied zwischen einem Major- und einem Indie-Label ist aber, dass du ein größeres Team hast, das für dich arbeitet - das war's. Mehr haben wir da zumindest nicht gespürt.

Und was genau war für euch der Grund, dass ihr zum Indie-Label zurückgegangen seid?

Simon: Tatsächlich das mit dem Team. Bei einem Major ist man eine Band unter vielen sehr großen Bands. Jetzt sind wir bei AdP und da sind wir die größte Band unter sehr wenigen Bands.

Pierre: Die Arbeit ist da auch schlichter, einfacher. Die Wege sind kürzer.

In eurem Band-Line-Up hat sich auch etwas getan und zwar wurde euer Bassist Craig Miller zum offiziellen Mitglied erklärt. Warum jetzt erst? Er spielt doch schon länger mit euch zusammen.

Simon: Weil wir ihn noch nicht kannten [lacht].

Pierre: Genau [lacht]. WIr wollten die Bassgitarre auf der Bühne haben, waren uns aber noch nicht sicher, ob wir dafür auch ein festes Mitglied haben wollen. Er hat sich dann einfach mehr und mehr in die Band geschlichen. Und er hat eine Playstation! Wir fanden ihn cool, weil wir umsonst Fifa spielen konnten. Irgendwie wurde er dann nach und nach zum festen Mitglied.

Hat sich also quasi in die Band eingekauft.

Pierre: Genau! Mit Fifa!

Läuft das trotz vergrößerter Band denn immer noch demokratisch bei euch ab oder nimmt inzwischen einer von euch die Zügel in die Hand? Gerade wenn es um neue Songs geht.

Simon: Bei "Hideaway" war es eine Mischdemokratie. Ein Lied hat Pierre schon vor einer Weile zum Beispiel ganz alleine geschrieben. Wir mochten es aber trotzdem alle, weswegen es auch mit aufs Album gekommen ist. Ein paar Lieder haben wir aber auch zu viert im Proberaum zusammen geschrieben. Und dann gibt es eben auch noch die verschiedenen Formen dazwischen. Jeder kann sich mit Ideen melden und wenn sie gut sind, dann kommen sie aufs Album.

Hattet ihr eigentlich einen Produzenten beim neuen Album? Mit wem habt ihr gearbeitet?

Pierre: Simon Wangemann hat das gemacht.

Simon: [unterbricht] Der ist verdammt gut! [lacht]

Pierre: Simon hat das dieses Mal gemacht. Bei dem zweiten Album "Anthems" hatten wir Joseph Cross dabei, der auch schon Hurts produziert hat. Von dem haben wir damals sehr viel gelernt: Wie man Sachen macht, aber auch, wie man Sachen eben nicht macht - das hat uns unglaublich viel weiter gebracht. Simon wusste bei "Hideaway" jetzt ganz genau, wie die Band klingen sollte, und hat in seiner Produzentenrolle auch einen unglaublich guten Job gemacht. Er hat dem Sound der Platte richtig gut getan.

Auf einem kleinen Teil der Tour - und auch heute in Münster - spielt die Band Blassfuchs aus Paderborn mit uns, die Simon auch produziert hat.

Dann sind heute Abend ja quasi nur deine "Babys" auf der Bühne.

Simon: [lacht] Stimmt sogar wortwörtlich, die sind wirklich noch ein bisschen jünger, Anfang 20 oder so. Dann fühlt man sich immer so ein bisschen in die Vergangenheit zurückversetzt, wenn man mit ihnen Zeit verbringt.

Pierre: Wenn man sie besoffen auf dem Boden liegen sieht.

Simon: Die machen jetzt genau das, was wir in dem Alter auch gemacht haben. Später pennen die bestimmt auch so couchsurfingmäßig bei irgendwelchen Leuten in der ganzen Stadt verteilt. Oer halt irgendwo im Auto [lacht]. Das macht jeder irgendwann mal durch.

Pierre: Das tut aber auch gut.

Lasst uns aber nochmal ein bisschen über euer neues Album "Hideaway" sprechen - vor allem über das Albumcover. Die Leute haben keine Gesichter, keine Identität. Hat euch da so ein bisschen die Perspektivlosigkeit der Generation Y inspiriert und beeinflusst?

Pierre: Und auch die Verantwortungslosigkeit der Generation der Babyboomer, wozu auch der Herr Trump gehört. Das Cover hat ja diesen amerikanischen 50er Jahre-Stil, wir hatten sogar erst noch eine US-Flagge drauf, die wir dann aber wieder weggephotoshoppt haben - zum Glück merke ich gerade. Auf jeden Fall sind es die Menschen, die ganz viel an der Welt gemacht haben, die aber auch ganz viel schlecht gemacht haben, und jetzt eben dafür keine Verantwortung übernehmen. Alleine schon, dass sie sagen, dass der Klimawandel nicht existiert! Die Gesichter sind weg, weil sich die Leute aus der Verantwortung gezogen haben.

Und auch generell nichts mehr damit zu tun haben wollen?

Pierre: Genau. Die hatten ihre schöne Zeit auf der Erde und sagen jetzt, dass alle ihr Leben ändern sollen - wollen an sich und ihrem Leben aber eben nichts ändern.

Seid ihr politisch?

Pierre: Ich glaube, jeder ist jetzt politisch, seitdem die AfD wieder in den Vordergrund gerückt ist und der Populismus in der Politik wieder sein schönes Gesicht zeigt. Vor fünf Jahren hätten viele dagegen noch gesagt, dass sie sich nicht für Politik interessierten.

Simon: "Merkel macht das schon."

Pierre: Genau! Oder es war einfach uncool, über Politik zu sprechen. Jetzt ist das inzwischen normal geworden. Es sind auch nicht mehr nur Studenten in irgendwelchen Billokneipen, die da über Politik reden - das macht jeder auf der Straße! Ich meine damit nicht, dass die Leute gebildeter sind, ganz im Gegenteil. Aber sie sind wahrscheinlich engagierter.

Ihr kommt zum Teil ja auch aus Großbritannien und den USA. Wie habt ihr den Brexit und Trumps Wahlerfolg miterlebt?

Simon: Ich bin zum Teil in den USA aufgewachsen und ich habe mich immer mal wieder gefragt, wie es wäre, wenn ich jetzt nochmal als Erwachsener in die USA reise oder auch da wohnen würde. Ich bekomme mehr und mehr und mehr das Gefühl, dass es kein Ort ist, an dem ich große Teile meines Lebens verbringen will. Wenn ich an meine Zeit dort zurückdenke - ich war so zwischen vier und zwölf Jahre alt und dementsprechend in der Schule und danach Zuhause, wo man dann eben draußen gespielt hat - da war irgendwie alles sorglos und cool. Man bekommt zwar schon mit, wer gerade Präsident ist, aber das hat keinen Einfluss auf das Leben. Viel wichtiger war, ob das Mädchen in der Schule einen mag oder nicht [lacht].

Was an den USA "besonders" ist, ist, dass alles immer so ins Extreme gerückt wird. Man kann sich jederzeit irgendwelche Waffen besorgen und Menschen bedrohen oder töten. Man kann auch unheimlich reich werden. Aber man kann eben auch völlig ausgeschlossen werden, völlig vor die Hunde gehen, wenn man keine Krankenversicherung hat.

Pierre: Craig und ich sind beide Briten und haben übrigens gegen den Brexit gestimmt. Wir waren schockiert als es passiert ist.


Von:
Leonie Wiethaup