Interview mit Hirsch (Montreal)

Montreal gehören schon fast zum alten Eisen der Punk-Bewegung in Deutschland. Nach 14 Jahren Bandgeschichte wird das Trio im Juni ihr neues Album "Schackilacki" auf den Markt bringen. Wir haben mit Bassist Hirsch (links im Bild) über die Verbindung zwischen Punk und Politik gesprochen und darüber, dass das Erstarken der AfD zumindest auch eine positive Sache mitbringen kann.

Kommt es dir so vor, dass die Musik emotionaler geworden ist? Dass Musiker und Bands mehr über das eigene Leben schreiben als über Politik zum Beispiel?

Oder sie schreiben über beides. Aber ja, nur meistens hängt es politisch auch von den aktuellen Situationen ab. Als vor zehn Jahren Bush Präsident war, gab es in den USA eine große Bewegung, wo auch wieder politische Texte entstanden sind. In den acht Jahren mit Obama war es ruhiger. Ich möchte kein Prophet sein, aber jetzt wird es in den USA wohl wieder ein bisschen politischer werden. Aber das ist natürlich in allen Ländern so. Als Thatcher damals in England Premierministerin war, gab es dort auch viel politischere Bands. Das ist immer von den äußeren Umständen abhängig.

Euch gibt es inzwischen seit 14 Jahren. Bei so vielen jungen, neuen, aufstrebenden Bands ist es da sicherlich nicht leicht relevant zu bleiben. Versucht ihr das durch aktuelle Themen wettzumachen?

Wir versuchen, unsere Musik und vor allem unsere Text zeitlos zu gestalten. Wir nehmen nicht auf aktuelle Situationen Bezug und singen nicht über Personen, die gerade etwas machen – ein halbes Jahr später wüsste schließlich niemand mehr, wer das ist. Wir versuchen alles, in ein zeitloseres Gewand zu kleiden. Bei "Idioten der Saison" nehmen wir keinen Bezug auf eine bestimmte Gruppe von Leuten. Der Song ist so für einiges gültig, was in den letzten 20, 30 Jahren passiert ist – und auch für Sachen, die wahrscheinlich in der Zukunft passieren werden. Wir versuchen auch nicht, durch Parolen besserwisserisch daherzukommen, am Ende des Tages wissen wir es ja auch nicht besser. Wir versuchen, Impulse und Denkanstöße zu geben, dass sich jeder selber sein Süppchen kocht.

Für die Punk-Bewegung ist es schwierig, wenn man sich gegen Autoritäten stellt, dann aber auf der Bühne sagt, den und den müsse man wählen und dies und das machen – das ist immerhin auch eine gewisse Art von Autorität. Wir haben in unseren Alben nicht viele politische Lieder, dafür aber immer wieder gesellschaftliche Themen, wodurch man auch sehen kann, wo wir stehen. Andere Bands hauen dagegen pro Album drei, vier politische Songs raus und von manchen wird auch erwartet, dass es pro Platte mindestens ein Lied gegen Nazis gibt – am besten auch noch gegen Bullen und gegen Arbeit. Es ist schön und gut, wenn andere das machen, aber es war nie unser Ding.

Nutzt sich wahrscheinlich auch sehr schnell ab.

Womöglich ja. Und dann wird es bei Album Nummer drei sehr schwierig, etwas zu erzählen. Wenn die AfD jetzt stark wird, hat die Punk-Bewegung in Deutschland aber endlich auch mal wieder ein Feindbild. Die Rot-Grüne-Regierung damals war ja nicht auszuhalten, das ist so jetzt viel geiler! Was für ein schwerer Schlag für die Punk-Bewegung auch letztes Jahr, als Merkel die Flüchtlinge reingelassen hat – man konnte ja gar nicht mehr gegen Merkel sein! Campino, der große Onkel der Punk-Bewegung hat öffentlich Merkel gelobt! Jetzt kommt aber die AfD und die FDP kommt auch wieder! Endlich wieder Punk, der Punk kann wieder überleben!

Bald erscheint euer inzwischen sechstes Album "Schackilacki" – wie lange habt ihr daran gearbeitet?

Das ging sehr fix. Wir haben im Oktober 2016 angefangen zu schreiben, haben die Vorproduktion im Januar gemacht und im Februar haben wir die Platte innerhalb von 14 Tagen schon aufgenommen. Insgesamt hat es nur ein halbes Jahr gedauert. Es war aber auch sehr intensiv, wir haben nicht lange rumgedoktert. Wir haben zwölf Lieder geschrieben und alle zwölf kommen auch auf die Platte, fertig, aus. Über die Jahre haben wir aber auch perfektioniert, wie wir funktionieren und wie wir arbeiten. Ich mache die Texte, Yonas macht die Musik und jeder hat sich in seinem Bereich immer ein bisschen weiter verbessert. Es ist natürlich auch immer ein bisschen Glück dabei. Wenn wir eine Platte schreiben, ist die Tour schon gebucht, es steht fest, wann die Platte rauskommt und wann wir ins Studio gehen. Ein gewisser Druck ist also da, aber den brauchen wir auch.

Wenn ihr vorher schon wisst, wie viele Songs auf die Platte kommen sollen, überlegt ihr euch dann ein Konzept oder ein Oberthema?

Nee, das nicht. Wir sagen immer, die Platte soll mindestens 30 Minuten, aber nicht mehr als 35 Minuten lang sein, ein thematisches Rahmenkonstrukt haben wir aber nicht. Wir versuchen einfach das, was wir bei der letzten Platte gemacht haben, noch ein bisschen besser und genauer zu machen.

Das Interview ist für die neue Sendung "Auf den Punk gebracht" – was hat dich denn zum Punk gebracht?

Ich war mit 14 auf einem Schüleraustausch in England und da hat mir mein Gastschüler die "Never Mind The Bollocks" von den Sex Pistols auf CD geschenkt. Hilfreich war aber auch, dass, als ich 13 war, die Ärzte wiedergekommen sind – was eine Einstiegsdroge für eine ganze Generation war, glaube ich.

Was war dein erstes Konzert?

Rolf Zuckowski 1985 oder 1986 im Rathaussaal Schwarzenbek, wo übrigens alle, die ich von damals noch irgendwie kenne, auch waren. Das erste Punkkonzert war wahrscheinlich am 5. September 1995 Green Day in der Sporthalle – 45 Minuten gespielt, danke schön, tschüss. Einen Monat später, am 5. Oktober habe ich die Ärzte in der Großen Freiheit gesehen und die haben drei Stunden und zehn Minuten gespielt und ich war total verwirrt und wusste nicht, was richtig war, 45 Minuten oder drei Stunden. Am 2. Oktober 1996 habe ich dann herausgefunden, dass die Wahrheit in der Mitte liegt, da habe ich nämlich das für mich entscheidenste Konzert gesehen – NOFX im Docks in Hamburg. Die spielen anderthalb Stunden und das sollte lange Zeit die Wahrheit sein, die angenehmste Länge.

Foto: Max Threlfall


Von:
Leonie Wiethaup