Interview mit Greg Barnett (The Menzingers)

In der Vergangenheit zu leben und die Gegenwart fast vollkommen zu ignorieren, kann gefährlich sein. Bei den Menzingers ist dies für das Songwriting allerdings ausschlaggebend, erinnert sich doch gerade Sänger und Gitarrist Greg Barnett gerne an die für ihn weltverändernde Zeit zurück. Wir haben mit ihm unter anderem über das neue Album "After The Party" und die Person gesprochen, die sein Leben musikalisch am stärksten beeinflusst hat: Seine Kunstlehrerin in der Mittelschule.

Vor einigen Jahren habe ich einen kleinen Text darüber gelesen, dass Erwachsene unbedingt wieder Kinder sein wollen, sich aber nicht mehr daran erinnern können, wie schwierig es ist, auf einen Stuhl zu klettern oder überhaupt ernstgenommen zu werden. Denkst du, ihr überromantisiert die "gute alte Zeit", das Jungsein auf eurem neuen Album "After The Party" eventuell ein bisschen?

Wenn du es so auslegt, wahrscheinlich ja (lacht). Für das Songwriting habe ich aber schon immer lieber die Vergangenheit als Thema benutzt – als Referenz dafür, wo ich heute bin. Ich mache mir mehr Gedanken darüber, wo ich herkomme als darüber, wo ich gerade bin, weil sich das alles auf mein momentanes Leben ausgewirkt hat. Für mich als Songwriter ist es einfacher, zurückzuschauen und zu analysieren, was passiert ist als zu beschreiben, was im Moment passiert.

Es klingt einfach unfassbar nostalgisch. Als würdet ihr die Vergangenheit mehr zu schätzen wissen als die Gegenwart.

(lacht) Eigentlich war die Idee hinter dem Album, einen Liebesbrief an unsere Zwanziger zu schreiben, über die letzten zehn Jahre der Band zu schreiben – "Midwestern States" handelt zum Beispiel von unserem ersten Roadtrip. "After The Party" ist dagegen ein sehr aktueller Song, "Livin' Ain't Easy" ebenso. Wir wollten zehn Jahre Bandgeschichte in einem Album festhalten.

Dann lass uns doch noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit zurückreisen: Wie hat bei dir alles angefangen? Wie bist du zum Punk gekommen?

Als Teenager bin ich viel Skateboard gefahren, wodurch ich dann auch mit Punk in Berührung gekommen bin. Außerdem war meine Kunstlehrerin in der Mittelschule in der New York City-Punkszene involviert, hat ständig die Ramones und The Clash gesehen und war sogar mit ihnen befreundet. Irgendwann hat sie angefangen, mir CDs auszuleihen und Bands zu zeigen – Dead Kennedys, The Special, viele Alben, von denen man sich wünscht, man könnte sie nochmal zum ersten Mal hören. Stell dir vor, du würdest jemandem "London Calling" zeigen – was für eine coole Erfahrung! Sie hat sich immer gefreut, wenn sie mir neue Bands zeigen konnte und für mich war es schlicht und einfach großartig. Das hat mein Leben verändert!

Das erinnert mich ein bisschen an mich selber. Ich zeige meinen Freunden auch ständig neue Musik und neue Bands und inzwischen sagen sie nur, dass ich damit aufhören soll, dass sie schon genug haben. Meiner Meinung nach kann man aber niemals genug Musik haben!

(lacht) Ich glaube, Menschen wie du und ich saugen Musik einfach auf – wir wollen immer mehr. Ich brauche immer neue Musik, ich bin niemals mit dem zufrieden, was ich habe. Ich bin auch immer auf der Suche nach neuen, interessanten Bands. Andere sind dagegen mit dem zufrieden, was sie schon kennen.

Was hörst du momentan?

Ich liebe Country! Und offensichtlich auch Punkrock und Rockmusik. Ich beschäftige mich auch viel mit alten Sachen wie den Rolling Stones. Ich gehöre zu den Personen, die verschiedenste Arten von Musik mögen und auch gerne Sachen wiederentdecken.

Kaufst du manchmal auch blind Alben? Einfach, weil du das Artwork magst?

Ja! Heute nur leider nicht mehr so häufig, früher habe ich das mehr gemacht. Durch Spotify und Co. hört man heutzutage automatisch erst ein Album vor, bevor man es sich auch tatsächlich kauft. Ich kann aber immer noch sagen, dass es nichts Vergleichbares gibt, als ein Album zu kaufen und keine Idee zu haben, was einen erwarten könnte! So habe ich schon viele meiner Lieblingsbands entdeckt!

Was war die erste Punk-Show, die du gesehen hast?

(überlegt lange) Ihr komme aus einer kleinen Stadt, in der nicht viel passiert ist, um größere Shows zu sehen, musste ich mindestens eine Stunde fahren. Die ersten Shows, die ich gesehen habe, waren also lokale Sachen. Mein erstes Konzert war von Iron Maiden und Motörhead, das war super! Meine erste Clubshow war von Taking Back Sunday – obwohl das ja eher eine Emo- als eine Punkband ist (lacht).

Welche Songs dürfen in deiner Punk-Playlist nicht fehlen?

The Clash und die Ramones auf jeden Fall! Aber auch neue Bands wie die Flatliners oder The Dirty Nil. Ich bin nicht so cool, dass ich ganz viele Insider-Infos habe, aber John Moreland kann ich auch noch empfehlen. Er ist ein toller Songwriter, der auch in der Punk-Szene großgeworden ist.


Von:
Leonie Wiethaup