Interview mit Flash Forward

Flash Forward wollten bei ihrem aktuellen Album "Who We Are" Ecken und Kanten zeigen. Geklappt hat es allerdings nicht ganz, Ambitionen sind auf der Strecke geblieben, die Motivation ist jedoch stark wie eh und je. Ganz getreu dem Motto "jetzt erst Recht" haben Jakob Wolff, Stefan Weigel und Tino Wilczewski Ende März ihre neue Single "Perfectionist" veröffentlicht – ihre Antwort auf alle Menschen, die meinen, anderen vorschreiben zu müssen, wie diese zu sein und zu leben haben. Wir haben uns mit dem Trio unter anderem über die Entstehung des Songs, die Entwicklung ihrer Band und den Ausstieg ihres ehemaligen vierten Mitglieds Florian Blaswich unterhalten.

Euch gibt es seit Oktober 2010 – inzwischen also seit sechseinhalb Jahren. Sprechen wir zunächst über die Anfänge: Was hat euch dazu gebracht, die Band zu gründen? Was hat euch zum großen Genrekonstrukt des Punk gebracht?

Stefan: Wir haben vorher alle in lokalen Bands gespielt und kannten uns auch alle schon ein bisschen. Wir hatten Bock, etwas Anderes zu starten und uns musikalisch auch weiterzuentwickeln. Dann haben wir uns einfach mal bei Tinos alter Band im Proberaum getroffen, da ein bisschen rumgejamt und direkt zwei Songs, die ich damals mitgebracht hatte, aus Jux und Dollerei gespielt. Das hat total gut gepasst, die Dynamik war super! Wir haben dann gesagt, dass wir uns einfach einmal in der Woche just for fun treffen – und jetzt sind wir hier (lacht).

Hat euch die Band beim Erwachsenwerden beeinflusst?

Jakob: Begleitet, ja. Beeinflusst vielleicht auch, aber ob positiv, weiß ich nicht (alle lachen).

Wird man dadurch nicht organisierter und verantwortungsbewusster?

Jakob: Vielleicht nicht alle (lacht). Aber klar, irgendwie begleitet einen das schon und man lernt natürlich auch viel. Gerade nach sechs Jahren ist das schon ein erheblicher Teil, den man so auf seinen Weg mitgenommen hat.

Stefan: Ich finde, man entwickelt sich da schon auch menschlich weiter. Wenn man Songwriting betreibt oder auch textet, begleitet einen das schon, aber ich finde, man gibt auch immer ein bisschen von seiner Emotionalität preis. Man wächst damit und man wächst in der Band zusammen. Man wird dadurch erwachsener, aber irgendwie hält man sich dabei auch jung, was ganz cool ist. Das ist ein schönes Kontrastprogramm.

Fast genau vor einem Jahr ist nach "Games, Cheats & Fakes" (2013) und "Apollon" (2014) eurer drittes Album "Who We Are" erschienen, was beim Publikum allerdings nicht so gut angekommen ist. Habt ihr euch im Nachhinein darüber Gedanken gemacht, dass ihr vielleicht doch etwas hättet anders machen sollen?

Stefan: Ich würde jetzt gar nicht sagen, dass das nicht gut angekommen ist, sondern dass die Spekulationen und Ambitionen, die wir mit dem Album hatten, ein bisschen auf der Strecke geblieben sind. Wir haben uns damit musikalisch schon weiterentwickelt und da auch viel Herzblut reingesteckt. Für uns ist es zu dem Zeitpunkt sehr cool und auch ein Schritt gewesen, aber wir haben uns in der Zusammenarbeit mit Freunden und Agenturen ein bisschen mehr erhofft und hatten den Plan, mehr Ecken und Kanten zu zeigen. Im Endeffekt ist es das nur doch nicht geworden. Wir sind aber trotzdem sehr stolz darauf und auch auf das, was wir damit alles geschafft haben – zum Beispiel unsere erste eigene Tour, die für unsere Verhältnisse auch gut angekommen ist. Von daher sind wir super zufrieden, haben aber immer den Blick nach vorne und wollen etwas Neues machen.

Ist der Wechsel von Redfield Records zu Uncle M Music dann auch dadurch bedingt, dass ihr euch bei dem Album mehr erhofft habt?

Jakob: Bei Redfield haben wir insgesamt drei Alben veröffentlicht und sind dafür auch echt dankbar. Aber natürlich gucken wir trotzdem, was wir jetzt anders machen und verändern könnten. Anstatt nochmal ein Album rauszubringen, welches nochmal denselben Zyklus und derselben Machart folgt, haben wir gesagt, dass wir gucken wollen, wie es ist, wenn man mit jemand anderes zusammenarbeitet.

Vor Kurzem habt ihr via Uncle M auch eine neue Single veröffentlicht: "Perfectionist". Ist das eure Antwort auf die Menschen, die einem vorschreiben wollen wie man zu sein hat?

Stefan: Definitiv! Die Message ist ganz klar, dass jeder so sein kann, wie er sein möchte. Dass wir nicht von der Gesellschaft vorgeschrieben bekommen möchten, wer wir sind und wie wir auszusehen haben. Wir haben uns damit auch weiterentwickelt – auch von der Produktion her zum Vergleich zum Album. Wir haben die Single jetzt live aufgenommen, weil wir einfach mehr Ecken und Kanten zeigen wollen. Das ist für uns schon eine Antwort. Zu zeigen, dass wir auch auf eine andere Art und Weise können.

Bei "Perfectionist" hat auch Nico von To The Rats And Wolves mitgewirkt. Hat sich das Feature ergeben oder war das geplant?

Stefan: Wir haben auf jeden Fall geplant, dass wir ein Feature machen und vielleicht sogar mehrere. Dann kamen die Überlegungen. Erstens: Mit wem machen wir das? Welche Stimme passt bei uns gut rein? Und zweitens: Was bringt uns ein Feature? Da ich mit Nico gut befreundet bin und die Jungs auch alle sehr gut kenne und das Kumpels sind, war es naheliegend, dass wir mit denen was machen. Sie sind nicht so weit von uns weg und wir haben auch die Möglichkeit, bei uns in der Region etwas kostengünstig aufzunehmen und überhaupt ein Feature zu machen. Wir haben dann zusammen geguckt, welcher Song passt und cool ist – natürlich auch mit dem Blick, welchen wir überhaupt rausbringen wollen.

Hat Nico an dem Song dann auch noch mitgeschrieben?

Stefan: Nee, hat er nicht. Eigentlich wollten wir das auch so machen, dass es eine zweite Spur gibt, die noch nicht existiert. Wir haben überlegt, was wir noch einbauen könnten, was das Feature cool macht – allerdings war der Song schon so gut arrangiert, dass es nicht gepasst hätte, da noch irgendwas reinzuquetschen. Deswegen haben wir einfach etwas von meinen Vocals gekappt und das Nico singen lassen. Wir haben zwei Passagen zum letzten Refrain noch eingebaut, die da nicht existent waren, aber wir haben relativ schnell gemerkt, dass es passt, wenn wir das ersetzen.

Wird es dann auch vielleicht mal die Gelegenheit geben, dass ihr den Song zusammen live spielt?

Stefan: Hoffentlich! Vielleicht läuft man sich ja hier und da mal bei einem Festival über den Weg. Wir sind ohnehin immer Freunde von Kooperationen mit anderen Bands – es macht einfach super viel Spaß, mit anderen etwas zusammen zu machen!

Ihr habt die Single nur wenige Wochen nach der Bekanntgabe von Florians Ausstieg rausgebracht – hat er noch an "Perfectionist" mitgearbeitet?

Jakob: Er hat sogar maßgeblich daran mitgearbeitet!

Musstet ihr im Nachhinein dann wieder etwas ändern, damit ihr den Song auch als Trio spielen könnt?

Stefan: Wir haben jetzt einen sehr fähigen Gitarristen dabei, der sonst bei uns die Backline gemacht hat. Der passt bei uns super gut rein und der schafft das alles. Aber wie Jakob gerade schon gesagt hat, war Flo maßgeblich an dem Songwriting beteiligt. Wir haben das zu dritt in einer Songwriting-Session bei uns im Proberaum gemacht. Wir haben das zusammengeschrieben, weshalb es uns auch total wichtig war, dass wir in dem Video eine gewisse Anerkennung zeigen. Wir sind intern auch alle noch total gut befreundet. Es war uns wichtig, dass wir mit dem Video und dem Song eine kleine Hommage an ihn richten.

Ist der neue Gitarrist dann auch schon offiziell Teil der Band? Oder soll er das noch werden?

Jakob: Also erstmal machen wir zu dritt weiter. Wir sind die Gründungsmitglieder und Flo gehört auch mit dazu und wenn man das sechs Jahre macht, kann man sich das eigentlich nicht anders vorstellen. Deswegen ist Gerrit jetzt erstmal live als Gitarrist mit dabei und so werden wir auch das Jahr vollziehen.

Hat sich euer Songwriting durch Flos Ausstieg verändert?

Tino: Wir haben tatsächlich schon neue Songs geschrieben – auch unmittelbar, nachdem Flo ausgestiegen ist – aber ich glaube nicht, dass wir solche Lieder nicht auch geschrieben hätten, wenn Flo jetzt noch dabei wäre. Ich glaube nicht, dass wir uns deswegen jetzt so verändert haben.

Stefan: Wir haben neben "Perfectionist" auch eine Reihe von anderen Songs aufgenommen und für uns in Vorausschau auf das Album gesaved. Gleichzeitig haben wir im Proberaum aber noch viel gearbeitet und ich habe viele Ideen gesammelt – auch über die Zeit hinweg, wo wir das aktuelle Album released haben. Ich finde, für uns geht es in eine neue Richtung. Wir wollen etwas anders machen und gerade auch in der Produktion darauf achten, dass wir nicht mehr dieses Überproduzierte und Aalglatte haben. Gleichzeitig achten wir im Proberaum auch ein bisschen auf das Feeling. Ich finde, man merkt schnell, ob es fruchtet oder nicht. Wir wollen eine neue Facette von uns zeigen. Zeigen, dass wir nicht nur live etwas härter, punkiger und rockiger sein können, sondern auch auf Platte. Beeinflusst hat Flos Ausstieg unser Songwriting aber nicht so krass, dass wir sagen müssten, wir hätten damit einen Rückschritt gemacht. Wir gucken immer nach vorne, wollen uns weiterentwickeln und geben dafür auch viele persönliche Investitionen.

Kommen wir mal zu einem anderen Thema: Ihr seid häufig unterwegs, habt vor Kurzem erst zusammen mit City Kids Feel The Beat Shows gespielt und für den Sommer wurden einige Festivals bestätigt. Ist es für euch komisch oder anders, wenn ihr Zuhause vor Freunden und Familie spielt?

Jakob: Wir sind alle immer aufgeregt, wenn wir Zuhause spielen und super viele Leute kommen, die einen kennen. Das ist immer nochmal schwieriger als wenn man irgendwo am Arsch der Welt spielt.

Stefan: Auf der anderen Seite habe ich dann aber auch die persönliche Motivation, den Leuten zu zeigen, warum wir gerade das machen, was wir machen. Dass wir auch eine Berechtigung haben, das zu machen. Die persönliche Attitüde ist da immer sehr hoch, Vollgas zu geben.

Ist das dann auch eine Art Konter zu denen, die an einen gezweifelt oder gesagt haben, man solle sich doch mal mehr um die Schule, die Uni oder den Job kümmern und weniger mit den Bandfreunden machen?

Stefan: Das kann man definitiv auch so sehen. Wir sind ja aber auch noch ein kleiner Fisch im Meer der Rockmusik und von daher muss man sich ja eh immer beweisen – gerade bei Leuten, die einen auch schon über die Band hinaus über Jahre verfolgt haben. Du hast schon Recht, dass man den Leuten dann mal einen kleinen Denkzettel mitgeben möchte: "Das habe ich gemacht und eigentlich ist das extrem geil!"


Von:
Leonie Wiethaup