Interview mit Fatherson

Fast ein Jahr ist es her, dass die schottische Alternative-Band Fatherson Biffy Clyro in der Halle Münsterland supportet hat – nun hat es sie auf ihrer eigenen Tour erneut nach Münster verschlagen. Wir haben uns mit Sänger und Gitarrist Ross Leighton und Schlagzeuger Greg Walkinshaw ausführlich über ihr neues Album "Open Book" unterhalten.

Im Juni letzten Jahres habt ihr euer zweites Album, "Open Book", veröffentlicht. Wie war das Schreiben für euch? Habt ihr euch wegen des gefürchteten zweiten Albums unter Druck gesetzt gefühlt?

Ross: Ja und nein. Es hebt sich vom ersten Album zwar schon ab, aber wir hatten deswegen keine große Angst. Ich glaube, wenn du wegen irgendetwas richtig Angst hast, bist du nicht mehr in der Lage, überhaupt etwas zu schreiben.

War der Schreibprozess im Nachhinein sehr anders als beim ersten Album?

Greg: Ja, schon. Für die Songs vom ersten Album haben wir viel mehr Zeit investiert – die gibt es ja quasi schon so lange wie es Fatherson gibt. Die neuen Songs sind in einem viel kleineren Zeitraum entstanden und außerdem mit dem Gedanken, dass sie für ein Album bestimmt sind, dass wir sie aus einem ganz bestimmten Grund schreiben. Jetzt haben wir ungefähr zwei Monate gebraucht. Aber seit dem ersten Album haben wir auch eine Menge aus Live-Shows gelernt.

Ross: Wir waren zu der Zeit mit großartigen Bands unterwegs, zum Beispiel We Were Promised Jackpacks oder Enter Shikari. Wir hatten die Gelegenheit, viele Bands, die wir mögen, live sehen zu können, und haben uns von ihnen auch ein paar Dinge abgeschaut.

Ein kleiner Unterschied ist, dass ihr "Open Book" nicht mehr über ein Independent Label veröffentlicht habt, sondern über Easy Life Records beziehungsweise Sony, einem Major-Label. War die Arbeit für euch deswegen sehr anders?

Greg: Um ehrlich zu sein, gab es da gar keinen so großen Unterschied. Wir haben mit Leuten zusammengearbeitet, die wir schon kannten, und generell war das Team echt gut. Wir wurden von Sony zu nichts gedrängt, was wir nicht auch wollten – wir haben lediglich mit mehr Menschen gearbeitet.

Ross: Wir hatten auch bereits davor ein gutes Team, haben nur noch nach einem Label gesucht, das dazu passt und nicht gleich wieder alles ändern will. Abgesehen davon, dass vier weitere Leute dazugekommen sind, hat sich tatsächlich nichts verändert.

Neulich habe ich mit der deutschen Indie-Band I Heart Sharks gesprochen (hier nachzulesen), die ihr zweites Album bei einem Major veröffentlicht hat, ihr drittes jetzt aber wieder bei einem Independent-Label. Sie haben mir erzählt, dass die Arbeit mit Indie-Labels viel entspannter sei.

Ross: Unser Label ist quasi eine Tochterfirma von Sony und kommt einem Indie-Label damit sehr nahe. Dort sind auch nur zehn Bands: Unter anderem Lower Than Atlantis, Black Peaks und Three Days Grace. Wir haben damit sozusagen das Beste aus beiden Welten bekommen. Du kennst jeden von dem Label und kannst auch mit jedem jederzeit sprechen und bist trotzdem nicht einer von 10.000 und gehst deswegen unter.

"Open Book" ist ein sehr emotionales Album, voll von Romantik, Liebe, aber auch Herzschmerz. Müsst ihr euch beim Schreiben manchmal selber zurückhalten, damit die Hörer hinterher nicht nur weinen?

Beide: Ja [lachen]!

Greg: Ich glaube, es ist sehr schottisch, traurige Musik zu schreiben, aber ich höre sie auch einfach selber sehr gerne – zwar nicht immer, ich höre zum Beispiel auch Damien Rice, aber trotzdem. Ich finde es schön, wenn die Leute wirklich auch aktiv Musik hören und nicht nur in ihrer dunklen Höhle sitzen. Wir wollen definitiv nicht zwölf Songs schreiben, wobei einer trauriger ist als der vorherige. Es ist gut, wenn Menschen durch die Musik Anderer besser mit ihren eigenen Problemen zurechtkommen. Ich persönlich mag Alben sehr gerne, die mich andere Perspektiven sehen lassen.

Habt ihr eigentlich irgendwelche Rituale, wenn ihr Musik schreibt? Dass ihr in der Zeit zum Beispiel nur bestimmte Musik hört oder für euch sein müsst?

Greg: Wir haben zum ersten Mal auch in einer kleinen Hütte bei Loch Fyne in Schottland Songs geschrieben, das meiste ist aber im Proberaum oder während des Soundchecks entstanden. Es war schön, einfach mal irgendwo im Nirgendwo zu sein, seine Ruhe zu haben und sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Das ist wahrscheinlich eines der romantischen Dinge, wenn man in einer Band spielt [lacht].

Ross: Wir haben dort auch verschiedene Arten des Songwritings ausprobiert und vieles ist dadurch komplett anders geworden als wir es erwartet hätten. Wir wollten aber ohnehin nie festlegen, wie wir denn nun Songs schreiben – das würde es uns nur sehr schwierig machen, kreativ zu sein.

Greg: Wenn das Musikspielen dein Job ist, muss man nicht innerhalb eines Tages so und so viel schaffen – das ist das Gute daran. Das würde auch die Freude an dem Ungewissen trüben. Aber natürlich gibt es gewisse Regeln, wir werden schließlich ganz sicher nicht in der nächsten Zeit zur Polka-Band werden [lacht].

Unser Review zu "Open Book" findet ihr hier.


Von:
Leonie Wiethaup