Interview mit Earl Grey

Eigentlich liegen zwischen Pop-Punk und Hardcore Welten – zumindest musikalisch. Doch spätestens seitdem die Mönchengladbacher von Earl Grey 2015 ihre beiden EPs "Ready To Leave" und "Passing Time" veröffentlicht haben, ist klar: In Kombination ist das noch viel besser! Poppige Melodien, persönliche und emotionale Texte und starkes Geschrei machen nun auch ihre dritte EP "The Times You Cross My Mind" aus, die am 21. Juli bei Midsummer Records erscheinen wird. Wir haben mit dem Quintett über den Weg zur dritten Platte gesprochen, aber auch darüber, wie alles für sie angefangen hat – und warum Matt Skiba nicht bei Blink-182 sein sollte.

2015 habt ihr mit "Ready To Leave" und "Passing Time" gleich zwei EPs rausgebracht – dann kam bis auf die Single "Hollow" im Spätsommer 2016 nichts mehr. Hat diese Lücke etwas mit dem Nazi-Vorfall auf eurer Europatour letztes Jahr zu tun?

Lukas: Eigentlich nicht. Das ist zwar passiert, aber abgesehen davon haben wir uns auch die Zeit genommen, andere Sachen zu schreiben und ein bisschen was zu verändern. Nicht immer direkt ins Studio zu laufen und was aufzunehmen.

Moritz: Vielleicht auch, um einen neuen Sound zu suchen. Zwar nicht zu weit weg vom alten, aber ein bisschen neu definiert. Wir sind mit mehr Zeit rangegangen, damit alles ein bisschen runder wird. Wir haben uns öfter hingesetzt und die Sachen immer wieder überarbeitet. Und wir haben uns auch zum ersten Mal die Sachen in den Proberaum gestellt, um alles einzuspielen. Das hat ein bisschen mehr Zeit als sonst eingenommen.

Tristan: Der eigene Anspruch ist gewachsen. Wir hatten schon zwei Sachen, die man vom Songwriting und Sound selber vergleichen konnte – dann muss man sich ja eigentlich steigern (lacht).

Moritz: Ich denke, dass wir alle von der zweiten EP auch ein bisschen enttäuscht waren. Die dritte musste dann einfach nochmal die erste übertreffen, weil wir die alle besser als die zweite fanden.

Wann habt ihr denn die Songs für die neue EP geschrieben? Ich persönlich finde, dass die Songs sehr gut zu den vorherigen EPs passen.

Moritz: Das ist der Trick, dass man das nicht merkt (lacht). Die Entstehung der ersten Riffs ist schon länger her. "Hollow" ist von der Idee schon ewig lang alt, der stammt noch von einer alten Band von 2014. Ansonsten haben wir eigentlich direkt nach der zweiten EP "Passing Time" angefangen.

Pedro: Zwei Songs haben wir auch schon auf der Tour gespielt, die kommen einem also gar nicht mehr so neu vor, weil wir die schon ewig spielen.

Ihr habt unter anderem mit Seb Barlow zusammengearbeitet – wie hat das funktioniert?

Lukas: Er hat die Sachen nur gemastert. Aufgenommen haben wir mit unserem Freund Sean Duddy, den wir auf unserer ersten Euro-UK-Tour kennengelernt haben – damals noch mit seiner alten Band Detroit. Er kannte Seb, weil sie mit ihm ihre komplette EP aufgenommen haben. Ich habe dann mit Seb geschrieben und er fand die Sachen auch echt cool und hatte Bock, das zu machen.

Also ist er nicht für die etwas poppigeren Momente verantwortlich? Mit Neck Deep und WSTR hat er schließlich auch schon gearbeitet und die Songs sind ja wirklich poppig geworden.

Lukas: Der Sound vielleicht, aber sonst eigentlich Sean.

Moritz: Sean spielt in einer straighten Pop-Punk-Band und es gab schon drei, vier Stellen, wo er gesagt hat, hier wäre es vielleicht in eine poppigere Richtung zu gehen – ein paar Mal ist das auch durchgekommen.

Lukas: Das Intro von "Nothing" war vorher ein bisschen anders. Die wiederholende Lead-Gitarre war seine Idee.

Was ich an euch sehr schätze, sind die extrem ehrlichen und persönlichen Texte. Wenn man aber ein paar Jahre zurückdenkt, schreit eure Musik eigentlich mehr nach politischen Themen. Glaubt ihr, dass die Politik aus dem Punk verschwindet?

Tristan: An sich haben wir natürlich alle eine klare politische Meinung, aber wir haben nie gedacht, dass wir das mit der Band zum Ausdruck bringen wollen. Man spielt zwar doch immer mit Gleichgesinnten und vor Gleichgesinnten – manchmal auch nicht wie in der Ukraine, dann kann das ziemlich in die Hose gehen und muss dann doch mal Stellung beziehen – aber viele Themen in den Texten gehen auf das gesellschaftliche Leben und das Umfeld zurück. Und die Probleme, die man darin sieht, sind vielleicht auch in der Politik verankert. Im Gegensatz zu politischen Bands lassen wir diese Themen vielleicht nur anders in unsere Texte miteinfließen, weil es uns eben auch beschäftigt.

Lukas: Am meisten geht wahrscheinlich "Hollow" in diese Richtung. Wir wollten da schon was zu sagen, aber nicht straight politisch.

Moritz: Das können wir uns auch gar nicht erlauben, dafür wissen wir viel zu wenig Tiefsinniges (lacht).

 

 

Wo wir schon bei Punk sind: Wisst ihr noch, wie für euch alles angefangen hat?

Lukas: Einer der Gründe, warum ich mit der Musik angefangen habe, war Blink-182.

Pedro: Ich habe durch meinen Bruder ganz früh angefangen, Deutsch-Punk zu hören, dann irgendwann Hardcore und dann wieder Punk.

Tristan: Ich habe mal von einem Typen, der Punk gehört hat, eine CD und einen USB-Stick bekommen, damit ich selber was zum Hören hatte.

Könnt ihr euch noch an euer erstes Konzert erinnern?

Moritz: Fall Out Boy! Hier in Köln, im Palladium.

Pedro: Ich war mit meinen Eltern und meinem Bruder bei der Nokia Night of the Proms – da habe ich LL Cool J gesehen (lacht), das war geil!

Tristan: Ich glaube mein erstes Konzert war auf dem Hurricane Festival, 2009 oder so. Franz Ferdinand hat zuerst gespielt, meine ich. Aber da waren coole Bands! Für das erste Festival auf jeden Fall prägend.

Lukas: Ich kann mich nur an die erste Show erinnern, die wir mit drei Bands davor selber gespielt haben – da war Moritz auch drin. Das war im Projekt 42 in Gladbach. Da waren wir eigentlich nicht mal alt genug, um da sein zu dürfen.

Moritz: Das war mit Notaufnahme, die heute als Rogers richtig bekannt sind.

Lukas: Eine andere Band hieß Lohokla – das ist "Alkohol" rückwärts (lacht).

Eugen: Mein erstes Konzert war We Butter The Bread With Butter (alle lachen). Die habe ich früher gefeiert und das war auch echt krass. Da waren echt viele Leute und Eskimo Callboy haben auch gespielt.

Was hört ihr im Auto?

(alle reden aufgeregt durcheinander)

Anger Fist, Expire, Front Bottoms, Nai Harvest, The Story So Far, Title Fight, Blink.

Lukas: "Far Away" von Wolfmother war unser Osteuropa-Tour-Song!

Moritz: Wir hatten auf der ersten Tour leider den Fluch, nur CDs dabeizuhaben – Punk Goes Pop und Four Year Strong.

Tristan: Und "Pendulum Swings" von Expire! Da gibt es diese Stelle mit "pendulum swings, pendulum swings", die wir auf diesem CD-Radio immer wieder zurückgespult haben – ganz oft hintereinander (alle lachen).

Wenn ihr euch auf Tour einmal ganz schlimm verfahren und auf einer einsamen Insel landen würdet, welches Album würdet ihr dann mitnehmen wollen?

Tristan: "Floral Green" oder "Shed" von Title Fight.

Moritz: Die selftitled von Blink.

Lukas: An die habe ich auch gedacht! Ich nehme dann "Take Off Your Pants And Jacket" mit.

Eugen: Vielleicht was von Angels & Airwaves.

Das ist aber viel von Tom DeLonge. Unterhaltet ihr euch dann auch über Aliens?

Tristan: Niclas von Elm Tree Circle hat mir ein Ufo-Quartett geschenkt, das wir auf der Osteuropa-Tour gespielt haben. Dadurch haben wir viel über Aliens gelernt (lacht).

Lukas: Es ist nur meine Meinung, aber ich finde, das neue Blink-Album ohne Tom echt lächerlich. "Teenage Satellites" – was geht denn bei denen? Ich liebe Matt Skiba, aber er muss nicht bei Blink sein.


Von:
Leonie Wiethaup