Interview mit Dave Hause

Drei Jahre nach dem Release seines letzten Albums "Devour" hat sich der US-amerikanische Singer/Songwriter Dave Hause endlich mit seinem dritten Full Length-Werk zurückgemeldet: "Bury Me In Philly" – wieder mal unter anderem mit dem Satz "für Fans von Bruce Springsteen und Chuck Ragan" beschrieben. Wir haben uns mit dem Musiker unter anderem über ebendiesen Vergleich, Konzert-Videos und seine Zeit in der Hardcore-Szene unterhalten.

Die erste Show deiner Deutschland-Tour war in Köln und die wurde auch gleich von den Leuten vom WDR Rockpalast aufgenommen. Verhälst du dich auf der Bühne anders, wenn du weißt, dass das Ganze gefilmt wird?

Ja, ich glaube schon. Ich weiß aber nicht, ob das immer so gut ist. Den Abend danach haben wir vor ausverkauftem Haus in Hannover eine richtig gute Show gespielt – ich habe dabei sogar unter der Decke gehangen. Dort hat es sich wie eine richtige Show angefühlt, wie eine unglaublich aufregende Rock'n'Roll-Show! Wir hatten zwar auch in Köln Spaß, aber weil wir wussten, dass Rockpalast da ist, wollten wir gut aussehen. Aber "gut" ist ja auch relativ. Manchmal geht es nicht darum, perfekt zu spielen, sondern darum, ein Gefühl zu vermitteln. Ich bin mit dem Konzert in Köln immer noch zufrieden, aber ich weiß nicht, ob wir so etwas nochmal machen würden – oder ob ich es einfach nicht der Band sagen würde.

Schaust du dir im Nachhinein Videos von euren Shows an und guckst, was man noch besser machen könnte?

Ja! 2015 habe ich aufgehört Alkohol zu trinken. Ich wollte im Musikspielen und im Songwriting besser werden, ich wollte eine Band anführen können. Und die Videos können dabei sehr helfen. Ich schaue mir nicht alle an, ich möchte mich nicht zu sehr auf das versteifen, was ich ohnehin nicht mehr ändern kann. Aber ich bin mir sehr sicher, dass man dadurch nochmal besser eine Show Revue passieren und schauen kann, was man noch verbessern und weiterentwickeln könnte.

Momentan ist alles sehr aufregend. Wir sind endlich wieder in Europa, haben ein neues Album dabei, die Leute haben Lust und die Band ist jung und neu. Deswegen neigt man schnell dazu, gleich nach einer Show über alles zu sprechen und alles auszudiskutieren. Ich kann das total verstehen, da bin ich aber kein Fan von. Ich lasse viel lieber noch ein bisschen Zeit verstreichen, eine Nacht oder so, um alles sacken zu lassen und spreche dann lieber am nächsten Tag darüber, wenn wir an der neuen Setlist arbeiten.

Auf dieser Tour möchte ich alle Songs der drei Alben spielen, deswegen variieren wir die Setlist auch von Abend zu Abend. Deutschland ist eines der besten Länder für meine Musik, weswegen ich mir überlegt habe, alle 35 Songs auf die Shows in Deutschland zu verteilen.

Ihr seid mit deinem dritten Solo-Album auf Tour, "Bury Me In Philly", und nach wie vor wird es unter anderem mit "für Fans von Bruce Springsteen und Chuck Ragan" beschrieben. Nervt es ein bisschen, immer mit anderen in eine Schublade gesteckt zu werden – selbst wenn es solche Namen sind?

Gerade die beiden sind großartige Musiker und ich denke, dass die Leute Vergleiche brauchen, um etwas Neues zu verstehen. Ich kümmere mich weniger darum, Musik zu verkaufen, sondern mache sie vielmehr. Wenn Leute meinen, Musik durch Vergleiche beschreiben zu müssen, damit sie für andere ansprechender wird, ist das für mich vollkommen okay – vor allem, wenn es Vergleiche mit Chuck Ragan und Bruce Springsteen sind [lacht]. Das sind zwei meiner Helden und mit einem bin ich sogar befreundet.

Vergleiche passieren in allen Genre. Meine erste Hardcore-Band wurde mit Kid Dynamite verglichen, meine Band The Loved Ones unter anderem mit den Bouncing Souls. Als ich angefangen habe, Solo-Musik zu machen, war auf einmal von The Gaslight Anthem die Rede. Für mich ist das in Ordnung. Wenn du zulässt, dass dich solche Dinge stören, fütterst du damit nur dein Ego. Wenn du genug Musik veröffentlicht und viele Shows gespielt hast, wissen die Leute vielleicht, was du machst und hören mit den Vergleichen auf. Aber der Weg dahin ist sehr lang! Ich stehe auch noch ganz am Anfang, "Bury Me In Philly" ist gerade erst mein drittes Album. Du kannst nicht kontrollieren, was über dich erzählt wird. Es ist viel wichtiger, einfach dein Bestes zu geben und hart zu arbeiten.

Deine Musik-Karriere hat in der Hardcore-Szene angefangen, die du aber Jahre später wegen der zunehmenden Gewalt wieder verlassen hast.

Das war ein Grund. Oftmals werden Musiker damit kritisiert, dass sie Punk und Hardcore als eine Art Sprungbrett verwenden – und manchmal stimmt das auch. Die Musik und das Genre hat sehr viele Regeln und für jemanden, der Musik im Allgemeinen mag, ist das vielleicht auch ein Sprungbrett, wenn er die Szene verlässt und mit anderer Musik weitermacht. Punkrock hatte immer etwas mit Freiheit zu tun, es war immer eine andere Art, Rock'n'Roll zu beschreiben.

Der Teil mit der Gewalt hat speziell etwas mit Philadelphia zu tun. Ich habe in einer Band namens The Curse gespielt und davor bei Step Ahead, wo es bei den Shows auch sehr rau zuging – das war in den 90ern. Da habe ich erkannt, dass es immer mehr zu einer männlichen, weißen und zunehmend gewalttätigeren Szene mit immer mehr strikten Regeln wird, die dir ganz klar vorschreiben, was du machen kannst und was nicht. Ich wollte aber das machen, was ich will, und habe The Loved Ones gegründet und dann die Musik gespielt, die ich wollte. Ich glaube, das gehört auch zum Erwachsenwerden. Dass man mit sich selber im Reinen ist und sich mit sich selber wohlfühlt. Dass man nach seinen eigenen Regeln spielt.

Das ist in Deutschland sehr ähnlich. Ich persönlich höre sehr gerne Hardcore, habe mich aber auch wegen der vielen Regeln nie als Teil der Hardcore-Szene gesehen.

Ich gehe auch zum Konzert, wenn Sick Of It All in die Stadt kommen. Ich respektiere das, es ist immerhin auch ein Teil von dem, wer ich bin und wie ich aufgewachsen bin. Inzwischen bin ich 38 Jahre alt, ich schreibe Songs und spiele Musik, ich muss kein Teil einer Szene sein. Für eine gewisse Zeit kann ich das genießen, ich habe ja auch für Sick Of It All gearbeitet, aber das ist viele Jahre her. Jetzt interessiert mich das alles nicht mehr.

Gibt es denn trotzdem etwas, was du in deinen Jahren in der Hardcore-Szene gelernt hast und dir immer noch dabei hilft, Songs zu schreiben?

Dass man Energie verbreiten, eine gute Show machen, Leute unterhalten und trotzdem nach den eigenen Regeln spielen will. Dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. In der Hardcore-Szene ist das nur so ein Bullshit, weil sie alleine schon Frauen gegenüber nicht offen und die Szene sehr weiß ist. Aber ich stehe noch für alles, was sich auch die Hardcore-Szene auf die Fahne schreibt! Nur eben als Einzelperson.

Lass uns näher auf "Bury Me In Philly" eingehen. Wann hast du angefangen, die Songs zu schreiben?

[überlegt lange] Den ersten Song hatte ich im Sommer von 2014 – das war der Titeltrack. Den habe ich dann sogar schon ein paar Mal hier in Europa gespielt. Richtig angefangen habe ich aber ungefähr vor einem Jahr. Ich hatte so viele verschiedene Ideen gesammelt, so viele Melodien und habe dann zusammen mit meinem Bruder Tim angefangen, aus bloßen Ideen tatsächliche Songs zu machen.

Weil du bei jedem Song eine Band im Rücken hast, würde ich "Bury Me In Philly" nur ungern als ein "Singer/Songwriter-Album" bezeichnen wollen. Hat "deine" Band, The Mermaid, denn auch beim Songwriting mitgewirkt?

Nein, die Songs haben wir ohne sie geschrieben und zusammen mit Eric Brazilian, William Wittman und David Hidalgo, Jr. aufgenommen. Zum jetzigen Punkt ist The Mermaid eine reine Tour-Band, die wir gegründet haben, um alle Songs von dem Album richtig spielen zu können. The Mermaid besteht aus handverlesenen Leuten, die wir über die Jahre kennengelernt haben, und ist somit etwas ganz Neues und Aufregendes. Bislang ist es noch keine Studio-Band, sondern eine Live-Band.

Wenn ihr die Mitglieder von The Mermaid handverlesen habt, was war euch dabei wichtiger: Dass sie gute Musiker sind, oder dass ihr mit ihnen menschlich auch einer Wellenlänge seid?

Beides war uns sehr wichtig und das ist auch das, was wir jetzt haben. Ich war schon mit sehr vielen Leuten auf Tour und wusste, was ich will und was nicht und mit welcher Art Musiker ich unterwegs sein möchte. Es ist super, jetzt mit Menschen auf Tour zu sein, die man mag, mit denen man gut zusammenspielen und sich auf die Musik fokussieren kann.

Eine kleine Klischee-Frage: Gibt es eine Geschichte hinter "Bury Me In Philly"?

Es geht darum, eine sehr schwere Schreibblockade durchleben zu müssen. Ich wusste nicht, wie ich beschreiben soll, dass mein Leben eine positive Wendung macht. Mit meinem Bruder zu schreiben und die Songs zu Eric und William zu bringen, die ihnen noch so viel hinzugefügt haben, hat das Ganze zusäzlich zu etwas viel Größerem gemacht.

Ist die Schreibblockade auch der Grund dafür, warum es drei Jahre bis zum neuen Album gedauert hat?

Ich würde sagen, dass sie ungefähr ein Jahr gestohlen hat. Die Bands The Loved Ones und The Falcon haben ein weiteres in Anspruch genommen. Wir haben im Februar zehn Shows mit The Loves Ones gespielt und mit The Falcon haben wir sogar 40 oder 50 Shows gespielt, was viel Zeit gekostet hat – zu viel Zeit. Das hat zwar alles super viel Spaß gemacht und es waren unglaubliche Erfahrungen, aber es ist gut, dass ich mich jetzt wieder auf mein Hauptprojekt konzentrieren kann.

Foto: Official Pressphoto


Von:
Leonie Wiethaup