Interview mit Cut Off Kites

Im vergangenen Jahr haben etliche Hardcore-Bands ihre Auflösung bekannt gegeben, so zum Beispiel auch Gone To Waste. David Laudage war Teil der Band, nun trommelt er bei Cut Off Kites. Aus Hardcore-Musik wurde Alternative – nicht nur für das Publikum gewöhnungsbedürftig. Wir haben uns mit Bassist Christopher Paraskevopoulos, Sänger und Gitarrist Sebastian Busch und Gitarrist Niko Strelzig unter anderem über den Neuanfang und die Debüt-EP "The West & What It Does To You" unterhalten.

Ihr habt früher bereits in Hardcore-Bands wie Gone To Waste und Sundowning gespielt. Wie ist das jetzt für euch, mit einer neuen Band und ganz anderer Musik nochmal neu anzufangen?

Christopher: Für mich ist das eine Herausforderung, die Songs zu schreiben.

Sebastian: Ich finde es aber gerade deswegen auch super spannend. Ich glaube, man kann mittlerweile relativ viele Leute, die früher fast ausschließlich in der Hardcore-Szene unterwegs waren, mit dem Sound abholen, aber gleichzeitig erschließt man sich auch neue Publikumsgruppen – und man schämt sich nicht mehr so vor den Eltern (lacht). Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, wie Chris schon sagte, aber es macht mega Spaß, wenn man im Komponieren ein bisschen freier ist.

Niko: Ich glaube, gerade im Hardcore-Bereich ist es auch einfacher, schon am Anfang vor einer großen Menge zu spielen. Das wird schon spannend zu gucken, wer da alles auf unsere Shows kommt. Aber wir haben ja auch den Anspruch, neue Musik zu machen, weil wir mittlerweile den Hardcore-Sound nicht mehr hören können (lacht).

Christopher: Im Hardcore hat man mit der Zeit einfach ein Netz an Kontakten. Dann gründet man eine Band, schreibt ein paar Songs und ist dann auch schon relativ schnell auf Tour – so war es zumindest bei uns mit den letzten Bands. Durch den Musikstil, den wir jetzt fahren, hat sich das bei uns komplett geändert und deswegen wissen wir auch noch nicht so genau, ob wir auch so viele Shows spielen können, wie wir wollen. Dahinter ist ja ein ganz anderes System. Kein DIY, sondern mehr dieses doofe Anschreiben und hoffen, dass da jemand Bock drauf hat und keinen Freundschaftsdienst leisten muss oder so.

Sebastian: Rechnungen schreiben, GbR, Steuerberater und und und.

Das klingt total erwachsen.

Sebastian: Furchtbar, oder? Also wenn wir drum herumkommen würden – klar, gerne! Aber das gehört nun einmal dazu.

Ist der andere Sound denn nur dadurch bedingt, dass du den Hardcore nicht mehr hören kannst, Niko?

Niko: Nein, das war vielleicht falsch zu verstehen. Ich habe früher nur solche Musik gehört – nur diesen härteren Sound und alles andere konnte mir gestohlen bleiben. Ich glaube, dass man mittlerweile ein bisschen offener für andere Musik geworden ist. Ich höre in meiner Freizeit auch nicht mehr so viel Hardcore, aber wir kommen ja trotzdem alle daher. Und ich glaube, das hört man auch in unserem Sound. Also so böse wollte ich meine Aussage gar nicht verpacken (lacht), ich finde auch noch viele Bands aus dem Hardcore-Bereich gut.

Viele kehren dem Hardcore ja auch den Rücken zu, weil sie die Szene nicht mehr abkonnten – das habe zumindest ich in der letzten Zeit sehr oft von Band gehört.

Christopher: Das ist schwierig, das ist ja auch immer an die Individuen geknüpft. Wenn man Stress mit zwei, drei Leuten hat, würde ich das nicht auf die Szene schieben. Die Szene ist da und ermöglicht auch viel, wie ich gerade schon sagte. Und wenn da mal ein paar bekloppte Idioten sind, würde ich nicht direkt sagen, dass die Szene nicht funktioniert oder scheiße ist.

Sebastian: Ich habe damals über die Hardcore-Musik viele wahnsinnig nette und unterschiedliche Menschen kennengelernt, dass man das auf jeden Fall nicht so schnell reduzieren kann und sollte. Natürlich ist es immer einfach, in ein Szene-Bashing zu verfallen, wie es gerne immer wieder praktiziert wird. Es gibt mit Sicherheit strukturelle Dinge an der Hardcore-Szene, die sich ändern sollten, aber ich war nie so sehr in der Szene drin, dass mich das hätte stören können – obwohl ich in einer Hardcore-Band gespielt habe. Es sind abseits davon auch immer noch andere Sachen passiert. Noch während ich bei Sundowning gespielt habe, habe ich auch angefangen, andere Musik zu machen. Es war mehr die Abwechslung, die mich gereizt hat. Und dass Sundowning so jetzt nicht mehr existiert, ist einfach eine Nebenerscheinung.

Wann genau hat das eigentlich mit Cut Off Kites angefangen? Eure erste Single habt ihr zeitgleich zur letzten Gone To Waste-Show Anfang März veröffentlicht. War das alles getimt?

Sebastian: Nee, gar nicht, das hat sich eigentlich nur alles so ergeben. In der Konstellation gibt es uns jetzt seit einem Jahr, David ist als letzter dazugekommen und wir haben die Pläne zur Veröffentlichung eigentlich ganz unabhängig davon gemacht.

Niko: David hat mit Walking On Rivers sogar noch eine Band. Für uns ist es also schon ganz gut, dass es mit Gone To Waste nicht mehr weitergeht, weil David dann mehr Zeit hat. Also ich mag die Jungs total und das ist auch einfach schade, aber aus zeitlichen Gründen ist das natürlich von Vorteil.

Mit mehreren laufenden Projekten ist es ja auch super schwierig, konzentriert am Songwriting dranzubleiben. Wie lange habt ihr an eurer EP "The West & What It Does To You" geschrieben?

Sebastian: Das ist eine extrem schwierig zu beantwortende Frage.

Christopher: Aber nur wegen des Genrewechsels zwischendurch. Man muss dazu sagen, dass Sebastian und Niko parallel zu Sundowning, also vor zwei, zweieinhalb Jahren, mit Akustik angefangen und auch zwei, drei Sessions und kleinere Konzerte gespielt haben. Irgendwann haben sie sich dazu entschlossen, wieder plugged zu spielen und dann bin ich dazugestoßen und auch noch ein anderer Kollege, der zunächst Schlagzeug gespielt hat. Und dadurch wurde erstmal vom Songwriting her alles wieder ein bisschen neu aufgewühlt. Man musste teilweise Sachen umschreiben oder komplett verwerfen, die nicht funktioniert haben. Es klingt ein bisschen böse, wenn ich sage, wir hätten an der EP über ein Jahr geschrieben – das ist nicht der Fall, so kann man das nicht sagen. Effektiv wäre das auf jeden Fall weniger als ein Jahr.

Sebastian: Wir haben älteren Input genutzt, aber die Songs, die auf der EP gelandet sind, sind innerhalb des letzten Jahres entstanden.

Älterer Input im Sinne von Demos oder Ideen von früheren Bands?

Christopher: Oder Akustik-Songs von den beiden.

Sebastian: Wobei es von den Akustik-Songs im Endeffekt keiner reingeschafft hat. "Binary" war glaube ich mal auf der Grenze zwischen unplugged und vollverstärkt.

Niko: Die Songs wurden so häufig umarrangiert, da haben wir schon den Überblick verloren (lacht).

Sebastian: Die erste Demo von "Binary" ist ein komplett anderer Song. Der Songtitel lässt sich jetzt auch gar nicht mehr so genau auf den Text münzen – das liegt einfach daran, dass der Refrain früher anders war. Es war ein komplett anderer Song, aber der Name ist geblieben und fühlt sich auch nach wie vor richtig an. Hinter jedem Song steckt eine ganz schön lange Soundfindung.

Neben "Binary" habt ihr eben bei uns im Studio auch noch "The West And What It Does To You" und "Red Sea" akustisch eingespielt. Gibt es zu den Songs auch solche Hintergrundgeschichten?

Christopher: Ich würde sagen, "The West And What It Does To You", also unser Titelsong, ist unser Sommersong, der ein bisschen heraussticht. Gegenüber unseren anderen Songs ist es vielleicht schon der, der am radiotauglichsten ist.

Sebastian: Das kann ich schwer beurteilen, aber er funktioniert auf jeden Fall als eine Art Fazit für die EP. Der Text ist in zwei unterschiedliche Parts gegliedert. Der erste ist eher handlungsbezogen und der letzte funktioniert eher auf der Meta-Ebene. Es geht viel darum, warum es okay ist zu heulen, obwohl es uns eigentlich gut geht. Das ist auch eigentlich ein Konflikt, den ich mit mir selber ausgetragen habe. Wenn du melancholische Songs schreibst, kommst du irgendwann an einen Punkt, wo du dich fragst, warum du in deinem Zimmer sitzt und irgendwelche triefenden Songs schreibst, obwohl dir eigentlich die komplette Welt offensteht und du einer der privilegiertesten Menschen auf der ganzen Welt bist. Dann kommt aber irgendwann das Ergebnis, dass das Problem genau darin liegt, wie du dieses Privileg nutzt – dass du die Verantwortung hast, es auch zu nutzen.

"Red Sea" kann man relativ kurz abhandeln. Der hat mit Geographie überhaupt nichts zu tun – da bin ich auch grottenschlecht drin. Ich kann dir noch nicht einmal sagen, ob Münster nun nördlich oder südlich vom Ruhrgebiet liegt. Bei "Red Sea" geht es um Wut und wie man damit umgeht. Ich glaube, jeder Mensch wird wütend, aber jeder lebt das auch anders aus.

Niko: Er ist der erste Song, den wir geschrieben haben, und auch der erste auf der EP. Ich glaube, soundmäßig haben wir uns auch ein bisschen an dem orientiert.

Sebastian: Der älteste und stilgebendste Song in unserer bisherigen Schaffensphase.

Ich finde aber, dass er auch noch ein bisschen an frühere Projekte erinnert – so eine Art Abholer. Und zum Ende geht es dann zum radiotauglichsten Song. Habt ihr bei der Reihenfolge darauf geachtet?

Christopher: Wir haben auf eine Reihenfolge geachtet, aber nicht in diesem Sinne.

Sebastian: Wir haben die Reihenfolge komplett totgeredet als wir die EP geschrieben haben. Aber da hat ja auch jeder einen anderen Fokus. Ich habe viel auf die Texte geachtet, dass die einen roten Faden haben, aber dann passt es musikalisch wieder nicht. Wir haben versucht, die Songs musikalisch stimmig hintereinander zu packen, dass es nicht langweilig wird. Chronologisch sind sie jetzt nicht mehr, was ein kleiner Wehmutstropfen ist, aber irgendwann muss man sich halt festlegen. Und bei sechs Songs ist es ja noch verhältnismäßig einfach. Eigentlich darf man auch keinem erzählen, wie lange wir darüber diskutiert haben (lacht).

Lasst uns nochmal kurz zu den Anfängen zurückkommen: Was hat euch eigentlich zu dem großen Genrekonstrukt des Punk gebracht?

Christopher: Bei mir war es mein Bruder. Mit 13 oder 14 war ich auf meinem ersten Punk-Konzert – damals noch Skate-Punk. Das war so die Ära nach Tony Hawk's Pro Skater 2, wo jeder irgendwie Millencolin, Lagwagon und No Use For A Name gehört hat. Mein Bruder hat mich dann einmal mitgenommen und ich war direkt davon begeistert und habe mir auch ein Jahr später meinen ersten Bass gekauft und angefangen, selber zu Musik zu machen. Und irgendwann habe ich diese Käsköppe hier kennengelernt (alle lachen) – und bei denen bin ich auch geblieben.

Niko: Ich habe gar nicht so viel Punk gehört. Ich hatte meine erste Band mit 14 und da haben wir direkt Metal gemacht (lacht), ich habe früher also andere Bands wie zum Beispiel Underoath oder Saosin abgefeiert.

Sebastian: Ich hatte schon früh Bock auf Musik, weil meine Eltern mich da sehr geprägt haben. Mit etwa 13 habe ich dann angefangen, Schlagzeug zu spielen und an dem Punkt, wo ich echt so der uncoolste Typ der ganzen Klasse war, kam irgendwann Pascal von meiner alten Band Sundowning und hat gefragt, ob ich nicht Bock hätte, mal bei denen vorzuspielen, weil die wirklich niemanden gefunden haben – ansonsten hätten die mich wahrscheinlich auch nie im Leben gefragt. So kam dann aber irgendwie alles zusammen und ich habe angefangen, mich mehr mit Hardcore auseinanderzusetzen.


Von:
Leonie Wiethaup