Interview mit Chris Cresswell (The Flatliners)

15 Jahre, fünf Alben - Cress Cresswell hat mit den Flatliners schon einiges erlebt und ausprobiert. Bei ihnen klingt kein Album wie das vorherige und doch scheint dieses Phänomen selbst alteingesessene Fans immer wieder zu überraschen. Wir haben uns mit dem Frontmann der Punkrock-Band unter anderem über den Artbeitsprozess am neuen Album "Inviting Light" und über furchteinflößende Akustik-Sets unterhalten.

Vor wenigen Wochen ist euer neues Album "Inviting Light" erschienen – herzlichen Glückwunsch! Wie lange habt ihr daran gearbeitet?

Sehr lange, aber das ist bei uns immer so. Es hat wahrscheinlich vor allem damit zu tun, dass wir viel auf Tour sind. In der Zeit entstehen zwar auch immer mal wieder kleine Parts, aber wir brauchen die Zeit Zuhause, um wirklich und konzentriert an neuen Sachen arbeiten zu können. Ein paar Sachen sind auch schon viel früher entstanden – das Intro-Riff des Albums haben wir zum Beispiel schon während der Aufnahmen zu "Dead Language" geschrieben, also 2012 (lacht).

Was mir beim Hören von "Inviting Light" als erstes aufgefallen ist, ist, dass ihr euch wie gewohnt ein bisschen anders anhört als noch auf älteren Alben. Hat sich das auch auf den Aufnahmeprozess ausgewirkt?

Ja, es klingt schon ein bisschen anders, es wundert mich nicht, dass es einige verwirrt hat (lacht). Und ja, der Prozess war anders als sonst. Wir haben mehr auf unsere Instinkte gehört und neue Sachen ausprobiert, aber wie du schon gesagt hast, war das immer schon unsere Art, Musik zu machen. Wir waren gezwungen, unseren eigentlichen Proberaum zu verlassen und mussten uns für die Arbeit an dem neuen Album etwas Neues suchen. Physisch waren wir aber an keinem Ort, an dem wir uns wohlgefühlt haben – wir waren immer nur drei Stunden in dem Raum, haben dafür bezahlt und ihn dann wieder schnellstmöglich verlassen. Das hat sich natürlich auch auf den Arbeitsprozess ausgewirkt. Auf dem Album sind Sachen drauf, die wir schon eine Weile ausprobieren wollten.

Für mich persönlich klingt "Inviting Light" ein wenig so, als wärt ihr erwachsen geworden.

Stimmt (lacht). Wir feiern dieses Jahr unser 15-jähriges Jubiläum, werden außerdem alle 30 Jahre alt und "Inviting Light" ist inzwischen unser fünftes Album. Die Band gewinnt immer mehr Tiefe, was sich auch lyrisch und thematisch zeigt. Es geht viel um Reflexion und darum, dass man merkt, wie alt man ist – nicht, dass 30 alt wäre, offensichtlich nicht. Aber man macht sich Gedanken darum, was als nächstes passiert, wenn man während seiner Zwanziger die ganze Zeit auf Tour war.

Vor ein paar Minuten hast du draußen eine Akustik-Session gespielt. Was für ein Gefühl ist es für dich, ohne Band im Rücken zu spielen?

Es ist furchterregend! Ich war super nervös, was aber ganz gut ist, denke ich. Wir spielen hin und wieder sehr große Shows, wo es auch normal ist, wenn man davor nervös ist. Die meiste Zeit spielen wir aber im kleineren Rahmen und freuen uns, dass wir mit unseren Freunden zusammen sind und es schon so lange machen dürfen. In dieses Wohlfühllevel rutscht man so schnell rein, dass man es kaum bemerkt. Akustisch zu spielen ist dagegen ganz anders. Da bist du ganz alleine, die Leute, die sonst um dich herum sind, sind weg. Nur du stehst dann da. Und wenn du dich verspielst oder den Text vergisst – und beides ist heute passiert – dann fällt das viel stärker auf. Das ist zwar nichts Schlimmes, aber eben furchteinflößend.

Denkst du, dass ein Song intimer wird, wenn er nicht mit Full Band, sondern als Akustik-Version gespielt wird?

Es kann passieren, ja. Es kommt aber auch immer darauf an, wie man den Song interpretiert. Ich mag es total gerne, einfach das Gegenteil zu spielen, was ich sonst mit der Band mache (lacht). Ich finde es gut, beides zu haben. Mit der Band kann man schön laut werden, herumrennen und -schreien, was verrückt ist. Wenn ich akustisch spiele, stehe ich einfach nur da, spiele, singe, bin konzentriert und versuche alles so gut wie möglich zu machen. Mit der Band soll es eine Show werden.

Wenn du beides magst, hast du dann auch schon mal darüber nachgedacht, etwas wie eine Special-EP mit Akustik-Versionen zu veröffentlichen?

Da habe ich schon sehr oft drüber nachgedacht, ja. Es wäre eine coole Art, alte Sachen nochmal neu zu entdecken.

Wie du eben schon gesagt hast, The Flatliners gibt es inzwischen seit 15 Jahren. Was war die Intention, die Band zu gründen?

Es klingt wie ein Klischee, aber wir haben einfach in einem langweiligen Vorort einer großen Stadt gelebt und hatten nichts Besseres zu tun (lacht). Ich bin schon früh mit Musik in Berührung gekommen, weil meine Großmutter Klavier spielt, meine Mutter ebenso und außerdem im Kirchenchor singt. Meine Mutter hat aber auch ganz viel The Beatles gehört und mein Vater Sachen wie Earth, Wind And Fire. Mein Bruder hat mir dann Skate- und Snowboard-Videos gezeigt, wodurch ich wiederum den Punkrock entdeckt habe und dieses Kaninchenloch immer weiter erforschen wollte.

Was war denn das erste Album, das du dir gekauft hast?

Das ist schwierig. Es könnte das blaue Album von Weezer gewesen sein, "What's The Story Morning Glory" von Oasis oder "Dookie" von Green Day. Danach ging es dann mit den Foo Fighters weiter. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich am Releasetag mit meiner Mutter im Einkaufszentrum war, um mir "... And Out Come The Wolves" von Rancid zu kaufen – da war ich sieben Jahre alt. Bei mir hat es sehr früh angefangen.

Ihr seid momentan auf Tour. Stell dir vor, ihr würdet euch auf dem Weg zur nächsten Venue richtig böse verfahren und auf einer einsamen Insel stranden: Welches Album würdest du dann bei dir haben wollen?

"London Calling" von The Clash! Ich weiß, es ist ein Klischee, aber es hat alles, was man braucht!


Von:
Leonie Wiethaup