Interview mit Charlie Cunningham

Für den britischen Singer-/Songwriter Charlie Cunningham war die Gitarre schon immer eine Leidenschaft. Dass er irgendwann auch mal Sänger wird, war nie geplant. Aus einem kurz geplanten Spanien- beziehungsweise Andalusientrip, wurden dann mal eben zweieinhalb Jahre. In der Zeit eignete er sich die Flamenco-Technik für das Gitarrenspielen an. Auch weiterhin ist er offen für neue Inspirationen für seine Musik. Wir haben vor seinem Konzert in Münster (29.03.) mit ihm gesprochen.

Was hast du zum Frühstück gegessen, Charlie?

Heute morgen habe ich mir eine Rolle aus Bacon, Käse und Tomaten gemacht, einen Kaffee und einen Obstsalat. Wir sind gestern Abend in Berlin aufgetreten und haben dann heute Morgen einen Zwischenstopp in Hannover eingelegt, aber nicht wirklich was von der Stadt gesehen.

Und wirst du was von Münster sehen?

Ich hoffe es doch. Wir müssen erst morgen Mittag los, also können wir den Morgen nutzen, um uns etwas umzuschauen. Habt ihr hier nicht so ein Ding mit Marzipan?

Nicht wirklich. Du kannst hier zwar Marzipan kaufen, aber ich wüsste nicht, dass es etwas Besonderes aus Münster ist.

Dann werde ich Marzipan kaufen. Ich weiß noch nicht, was wir hier morgens machen können. Irgendwelche Tipps?

Du könntest dir die ganzen Kirchen hier anschauen, Münster ist voll davon. Heute spielst du ja auch in einer Kirche. Was war der beste Gig, auf dem du je aufgetreten bist?

Ich habe einmal Rodríguez in der Royal Albert Hall in London supported – das war total crazy! Das bleibt für immer in meiner Erinnerung. Ich war total entsetzt, aber auf eine positive Weise. Es war großartig!

Und was war der schlimmste?

Auf einem Festival in England, ich werde nicht den Namen sagen. Aber es war schrecklich. Ich habe zeitglich mit einer Dubstep-Band gespielt und abgesehen davon, dass man mich schon nicht richtig hören konnte, hat dann ein Hund neben der Bühne angefangen zu bellen. Und er war nachher lauter als ich. Aber naja, das ist jetzt zum Glück vorbei.

Heute in der Kirche wird dich kein Hund stören.

Ja, keine Hunde erlaubt. Und kein Alkohol, natürlich, das wurde mir schon gesagt. Ich fülle einfach einen Plastikbecher mit Bier auf, das wird keiner merken. (lacht)

Bist du vor Konzerten nervös?

Ich bin immer aufgeregt vor Gigs. Jedes Mal. Manchmal ist die Länge der Nervosität unterschiedlich, aber dann bin ich einfach danach aufgeregt. Kein Zittern, nur sehr viel Aktivität in meinem Inneren, weißt du? Schmetterlinge und so ein Zeug.

Hast du irgendwelche Rituale bevor du auf die Bühne gehst?

Ja, da gibt's ein paar Dinge, die ich mache. Ich mache einen kleinen Spaziergang, um frische Luft und einen klaren Kopf zu bekommen. Ich spiele vorher 20 Minuten Gitarre, trinke ein Bier, um in eine Abendstimmung zu kommen. Das Wichtigste ist, dass ich vorher ein bisschen rumgehen kann und meine Gitarre habe.

Apropos Gitarre: Du bist nach Spanien gegangen, um dir da eine neue Spieltechnik anzueignen?

Ja, ich wollte etwas rauskommen und meinem Gitarrenspiel die Aufmerksamkeit geben, die es haben sollte. Und in London zu leben ist auch unglaublich teuer, das war auch einer der Gründe. Ich habe dann zweieinhalb Jahre in Sevilla gelebt, mir ganz viel Flamenco angeschaut und angehört und geübt, geübt, geübt. Geplant waren ein paar Monate, aber es war utopisch zu denken, es in der kurzen Zeit zu schaffen.

Wie siehst du den ganzen Spanien- und Flamenco-Einfluss auf deine jetzige Musik?

Ich hatte vorher schon einige Songs geschrieben, wollte aber, dass sie eine höhere Dynamik erhalten. Ich weiß nicht, wie ich jetzt spielen würde, wenn ich nicht dort gewesen wäre. Wahrscheinlich hätte ich meine Songs dann anders dynamischer gestaltet.

Hast du es in Spanien genossen?

Ja, es war eine tolle Zeit. Ich habe dort in einem Hostel gearbeitet und während des Nachtdienstes an den Wochenenden immer Flamencovideos geschaut. Ich hatte den Job und habe mir gedacht, dass ich dann auch einfach so lange bleiben könnte, bis ich das Level in meiner Gitarrenspieltechnik erreicht habe, was ich gerne hätte. Und es ist ein schöner Ort, um dort zu leben. Das Wetter ist so heiß, eine angenehme Lebensweise. Es war nicht schwierig, länger zu bleiben als geplant.

Was bevorzugst du, Großbritannien oder Spanien?

England ist mein zu Hause – da ist meine Familie, da sind meine Freunde und einfach familiäre Dinge. Und ich bin britisch, deswegen fühle ich mich immer dazu verbunden. Aber es ist wichtig, auch andere Perspektiven kennenzulernen. Ich bin nach den ganzen Festivals im Sommer wieder für ein paar Monate nach Cadíz gegangen. Ich bin froh, momentan so viel rumkommen zu können, man braucht immer einen Kontrast. Und man muss andere Dinge kennenlernen, um wiederum andere genießen und akzeptieren zu können.

Kannst du zu Flamenco tanzen?

Tanzen? Ich habe sehr lange Beine, alle wären verloren, wenn ich anfangen würde, sie herumzuschleudern. Aber ja, ich kann mich ein bisschen bewegen (lacht).

Und trägst du zum Tanz diese typischen roten Flamencokleider?

Nicht mehr, nein. Ich habe sie selber gemacht, aber aufgehört sie zu tragen. Die Leute tragen sie auch eher in Shows. Flamenco ist etwas Traditionelles, aber sie tragen nicht die ganze Zeit große Blumenkleider.

Auf deinem neuen Album ist ein rein instrumentaler Song, "Molino". Hast du vor, dahingehend mehr zu machen oder vielleicht mal auf Spanisch zu singen?

Wenn ich Gigs spiele, spiele ich zwischen meinem Gesang immer länger Gitarre. Und ein Song auf Spanisch? Ich weiß nicht. Vielleicht? Ich würde es gerne mal machen, aber dafür muss ich erst noch sicherer in meinem Spanisch werden.

Handeln deine Lyrics von deinem Leben? Sind sie ehrlich?

Auf jeden Fall ehrlich und nicht fiktiv. Manche sind aus meiner Sicht geschrieben, manche erzählen von Leuten um mich herum oder aus ihrer Sicht. Auf dem ersten EP gibt es den Song "Plans", der sehr persönlich ist. Ich versuche bei meinen Liedern nicht zu direkt zu sein, sodass auch noch Platz für Interpretation ist.

Was kommt als erstes, deine Gitarrenmelodie oder die Texte?

Die Lyrics kommen immer erst später. Erst kommen die Chords, die Musik, die Melodie, der Rhythmus und dann die Lyrics. Erst muss die Atmosphäre aufkommen und dann kann ich dazu Texte schreiben.

Was ist momentan dein Lieblingssong?

Ich war vor ein paar Wochen in Texas auf einem Festival und hab da eine Band gesehen, Big Thief. Und sie haben ein Album, welches "Masterpiece" heißt. Und ein Song heißt auch so. Und es ist wirklich ein Masterpiece. "Vegas", ist auch ein toller Track. Nur zu empfehlen!

War es immer dein Plan oder Wunsch, Musiker zu werden?

Ich wollte immer ein Musiker sein, aber ich habe nie dran gedacht, ein Sänger zu werden. Ich wollte immer Gitarre spielen. Ich habe in meinen frühen Zwanzigern in Bars, Restaurants oder auf dem Bau gearbeitet, viel Verschiedenes. Und das hat mir die Zeit gegeben, abends Gitarre zu spielen. Aber das wurde von der Arbeit, an der du acht Stunden täglich dran bist, in den Hintergrund gedrängt. Freunde von mir haben auch mit Musik zu tun, die haben dann zum Beispiel auf Events gespielt. Ich wusste, dass ich auch immer Musik machen wollte. Musik ist meine Leidenschaft. Sie ist das, was ich machen will.


Von:
Juliane Schon