Interview mit Ben Hermanski

Der in Bochum stationierte Singer-Songwriter Ben Hermanski ist eigentlich Lehrer. Uneigentlich hat er nun sein zweites Album "Pretty Little Things" veröffentlicht und spielt neben dem Schulalltag Konzerte. Vor Kurzem ist er dafür auch nach Münster gekommen und hat uns dabei einen Besuch abgestattet. Wir haben mit ihm über seine Anfänge bis hin zu seinen Zukunftsvisionen gesprochen.

Kommen wir zunächst zu dir als Person: Wir sind ja ein Campusradio, hast du auch mal studiert?

Ja, ich habe in Mannheim und Mainz studiert. Ich bin Lehrer für Englisch und Deutsch und seit 2012 fertig mit dem Studium.

Heute Abend spielst du hier in Münster im Teilchen & Beschleuniger ein Konzert, bist du das erste Mal in der Stadt?

Ich bin nicht das erste Mal hier, ich habe vor etwa zwei Jahren sogar schon mal im Teilchen gespielt. Deswegen wollte ich auch sehr gerne wieder in die Location – es ist immer sehr voll und die Stimmung war damals super. Von Münster habe ich leider nicht sehr viel gesehen, ich habe mich direkt vom Bahnhof auf den Weg zur Location gemacht. Heute habe ich allerdings ein bisschen mehr Zeit und dann würde ich mir gerne ein bisschen die Stadt anschauen!

Dafür lohnt es sich doch wiederzukommen! Wann hast du begonnen, Musik zu machen? Erzähl uns doch mal ein wenig von den Anfängen.

Begonnen habe ich damals mit dem E-Bass - als ich zwölf war, wollten wir nämlich eine Band gründen. Der eine hatte einen Onkel, der Gitarre spielt, und damit war irgendwie klar, dass er auch die Gitarre spielen würde. Der nächste konnte schon Schlagzeug spielen und hatte außerdem einen Keller - das heißt der Bass blieb über und ich habe ihn übernommen. Als ich ein bisschen besser spielen konnte, habe ich ab 2014 viel in Rock- und Punkbands gespielt und ungefähr 2011 habe ich angefangen, alleine auf Gitarre Musik zu machen und Songs zu schreiben.

Das ist ja schon noch mal ein musikalischer Umschwung!

Ja total, aber ich habe auch gemerkt, dass es mir liegt und es macht mir total viel Spaß! Außerdem ist es auch nochmal eine ganz andere Möglichkeit, sich musikalisch auszudrücken.

2015 ist dein Debütalbum "The Great Pacific Northwest" erschienen und nun hast du vor ein paar Tagen dein zweites Album veröffentlicht 2Pretty Little Things" veröffentlicht. Würdest du sagen, dass du dich über die Zeitspanne zwischen deinen Alben auch weiter verändert hast?

Ja, auf jeden Fall. Man nimmt die ganzen Eindrücke mit. Man entwickelt sich musikalisch weiter. Man trifft Leute, die einen inspirieren. Man spielt an Orten, die einen inspirieren. Es zieht so seine Kreise, geht immer weiter, wird immer größer. Es überwältigt mich immer wieder, wie viel ich in der Hinsicht schon geschafft habe. Am Anfang habe ich das erste Mal vor ein paar Freunden in meinem WG Zimmer gespielt und mich im Leben nicht getraut eine Dreiviertelstunde alleine vor Leuten zu spielen. Mittlerweile habe ich fast 90 Minuten Programm und spiele meine eigenen Sachen. Von Album zu Album erfährt man immer Rückmeldung - einem selbst fallen Dinge auf, die man beim nächsten Album besser machen möchte. Damit ist nicht nur das Songwriting gemeint, sondern auch die Technik. Da ist einfach sehr viel passiert und jetzt bin ich ziemlich glücklich mit der neuen Platte!

Gibt es denn einen Song auf dem neuen Album, der dir besonders am Herzen liegt?

Mehrere, weil ganz viele der Songs mit Geschichten zu tun haben, die mir entweder Leute erzählt haben, oder die ich selber erlebt habe. Ich würde mich für "Silver" entscheiden. Da gibt es ein Buch, das mich inspiriert hat, den Song zu schreiben: "All The Birds Singing" von Evie Wyld. Die Story ist sehr schön und bewegend.

"Hold these golden moments, let them come alive" ist eine Zeile aus "Silver". Ist das eine Art Philosophie, nach der du Musik machst?

Ja, ich bin sehr großer Freund von Momenten, die man miteinander teilt. Ich finde es am Schönsten, bei einem Konzert die Stimmungen und die Leute dabei zu haben und dann diesen Moment zusammen zu genießen. Auch gerne mal ohne Smartphones und ohne äußere Störungen, sondern sich dabei wirklich einfach mal auf die Musik einzulassen. Das gibt mir viel – ich habe immer die Augen zu und genieße es (lacht). Ich finde es aber auch schön, wenn die Leute das einfach genießen, ohne sich jetzt dabei auf andere Sachen zu konzentrieren.

Du schreibst alle deine Texte alleine, woher nimmst du deine Inspiration dafür? Was ist dein Antrieb?

Ganz viel! Das sind zum einen Sachen, die mir selber passieren - Autobiographisches ist immer dabei - und zum anderen Dinge, die ich am Rande mitbekomme. Auch Bücher oder Serien zum Beispiel. Einfach alles, was auf mich einströmt. Manchmal arbeite ich an einer Idee sehr lange, die ich zwar gerne umsetzen möchte, aber noch nicht an dem kreativen Punkt bin, dass sie auch klappt. Andere Dinge sind innerhalb von zehn Minuten fertig, weil es einfach mehr auf der Seele brannte. Vor allem aber auch mein "Book of songs to be". Das ist ein Buch, in das das Publikum auf den Konzerten die Möglichkeit hat, etwas reinzuschreiben. Liebe Worte, Träume oder irgendeine Idee. Auch da habe ich schon Inspirationen rausgeholt. Gedanken von irgendjemanden, die ich dann weitergesponnen habe.

Also sozusagen eine Art Tagebuch vom Publikum?

Ja genau. Mittlerweile lesen die Leute auch sehr viel drin, weil es schon sehr voll ist und ich es seit zwei Jahren immer dabei habe. Immer wieder kommen aber mal neue Ideen, eine Zeichnung, ein Schlagwort - es ist einfach auch eine schöne Form der Interaktion mit dem Publikum!

Du selbst sagst über dich, dass du sehr von Künstlern wie Damien Rice, Joshua Radin oder The Tallest Man On Earth beeinflusst wurdest. Was begeistert dich an diesen Künstlern so sehr?

Joshua Radin hat zum Beispiel irgendetwas Anderes studiert und irgendwann mal die Gitarre in die Hand genommen, etwas aufgenommen und ist dann voll durch die Decke gegangen. Gut, er hatte auch Support durch einflussreiche Freunde wie Zach Braff, die ihm ein bisschen Starthilfe gegeben haben. Ich finde es aber einfach schön, wenn man irgendwann für sich entdeckt, etwas machen zu wollen und es dann auch einfach macht.

Würdest du denn sagen, dass dich diese Künstler eher musikalisch geprägt haben oder identitär? Vielleicht sogar beides?

Beides. Ich höre sehr viel Musik aus dieser Richtung, ich nehme aber auch bei Konzerten, die ich mir anschaue, sehr viel auf. Wie sind die Künstler so als Personen? Welche Energien oder Inspirationen kann ich von ihnen mitnehmen? Weniger im Sinne von Klauen, sondern dass man sich anschaut, was man Nützliches mitnehmen kann - Tipps und Tricks für die Bühne!

Apropos "etwas mitnehmen": Du hast mit verschiedensten Künstlern die Bühne geteilt, zum Beispiel mit Town Of Saints oder Jonathan Kluth. Gibt es da ein besonders prägendes Erlebnis?

Letztes Jahr habe ich das erste Mal im Ausland gespielt, in Dänemark auf dem Melodica Festival in Aarhus. Ich bin um 21 Uhr am 19. August aufgetreten und hatte am 20. Geburtstag. Um genau 0 Uhr hat mich mein Freund Meadows auf die Bühne gebeten, was einfach super schön war, weil in diesem Moment so viele tolle Sachen auf einmal zusammenkamen, was mich sehr glücklich gemacht hat. Ich glaube, das war so der Moment, der mir als letztes noch richtig in Erinnerung geblieben ist, wenn ich an die Leute denke, mit denen ich die Bühne geteilt habe.

Ich habe mich ein wenig über dich schlau geklickt und da bin ich auf etwas sehr interessantes gestoßen. Du selber gibst Workshops zum Songwriting, zu Selbstvermarktung und Ähnlichem. Wie kommt es dazu? Ist das überhaupt noch aktuell?

Das ist auf jeden Fall noch aktuell. Ich habe so lange so viele Sachen für mich selber rausgefunden, dass ich es einfach schön gefunden hätte, damals schon ein paar davon kompakter zu erfahren. Wie muss ich mich auf der Bühne verhalten? Wie erscheine ich beim Soundcheck und was muss ich da machen? Ich habe mir viel angelesen, viel selber erfahren und bin jetzt auch kein Profi was Selbstvermarktung angeht. Aber bei ganz vielen Leuten guckst du dir die Seiten an und siehst schon ein, zwei Sachen, an denen es dann hapert. Es geht also zum Beispiel darum, wie ich es dem User möglichst leicht machen kann, mich online zu finden. Das sind einfach Informationen, die ich gerne früher schon bekommen hätte. Diese gebe ich jetzt einfach gerne weiter, was im Rahmen von Workshops am sinnvollsten ist.

Also organisierst du dich dementsprechend auch komplett selbst als Künstler?

Ja. Ich hatte eine kurze Zeit lang eine Booking-Agentur, was sich allerdings als nicht so fruchtbar herausgestellt hat. Deshalb habe ich daraufhin entschieden, mich wieder selbstständig zu organisieren. Für die Dinge rechtlicher Natur habe ich einen Verlag, der mit mir zusammenarbeitet – Calyra aus Halle – die machen dann die ganze Kommunikation mit der GEMA und helfen mir bei meinen Fragen. Meine Freundin übernimmt manchmal ein paar Management-Aufgaben am Abend.

Wagen wir einen Ausblick, wie wird es für dich weitergehen?

Dieses Jahr habe ich schon viele Konzerte gebucht, da hoffe ich natürlich, dass es so auch im nächsten Jahr weitergeht oder sich besser noch steigert. Festivals oder mehr Konzerte im Ausland würden mich auch freuen. Wohnzimmerkonzerte finde ich auch immer klasse! Vielleicht ja noch ein paar mehr Besuche bei Campusradios (lacht und zwinkert).


Von:
Amélie Becker