Interview mit Barbara und Thomas Overhoff

Barbara und Thomas Overhoff haben fünf Kinder, die allesamt die musikalische Früherziehung genossen, von da aus allerdings verschiedene Richtungen eingeschlagen haben: Kirchenorgel, Querflöte, Blasorchester – und Punkrock. Vor zehn Jahren haben Christoph und Felix mit ihren Freunden Michael Ries und Florian Tertling Snareset gegründet. Doch abseits von den Erfahrungen, die die vier selber erlebt haben, was ist eigentlich denjenigen in Erinnerung geblieben, die alles von Beginn an miterlebt haben? Über Risse in den Wänden, überladene Autos und Post von der Staatsanwaltschaft: Stolze Eltern im Interview!

Christoph hat mir im Interview erzählt, dass er durch den Freund seines Kindermädchens auf Punkrock gekommen ist. Wurde es, nachdem er die Musik für sich entdeckt hat, dann tatsächlich auch lauter im Haus?

Thomas: Definitiv, die Wände haben gebebt!

Hat er das dann auch direkt auf Felix übertragen?

Barbara: Am Anfang noch nicht. Christoph hat erstmal für sich selber geguckt, wie er das mit der Gitarre hinkriegt. Als Kind hat er die Musikfrüherziehung mitgemacht und als Einstiegsinstrument die Blockflöte gelernt. Nachdem die zwei, drei Jahre um waren, hat er allerdings erstmal mit der Musik aufgehört. Irgendwann kam er aber an und meinte, er wolle Gitarre lernen. Als er mich rumgekriegt hatte, wir sind zu Musik Produktiv nach Ibbenbüren gefahren und haben eine Grundausstattung mit einer E-Gitarre und einem kleinen Verstärker gekauft. Unterricht hat er allerdings nicht bekommen, sondern eine Lern-DVD (lacht). Damit hat er sich auf sein Zimmer verzogen und dann nahm das seinen Lauf. Er ist süchtig geworden und hat nur noch Gitarre gespielt.

Habt ihr es jemals bereut, Felix ein Schlagzeug gekauft zu haben?

Thomas: (lacht) Eigentlich nicht. Ich finde super, was er daraus gemacht hat und wie weit er gekommen ist. Je besser das Schlagzeug, desto besser spielt er – desto lauter!

War das denn gerade am Anfang mit der Lautstärke nicht nervig?

Thomas: Ich weiß nicht, was lauter ist: Das Schlagzeug oder das Geschrei von Christoph.

Barbara: Am Anfang war es auch gar nicht so laut, da hat er noch normalen Unterricht bekommen. Einmal die Woche kam über das Reckenfelder Blasorchester ein Lehrer vorbei und dann ging das über Noten. Richtig laut wurde es eigentlich erst zusammen mit Christoph als sie sich überlegt haben, sie könnten ja eine Band gründen.

Als die Jungs die Band gegründet haben, waren sie alle noch jung – Felix gerade einmal zwölf Jahre alt, weshalb ihr ihn am Anfang auch noch auf die Shows begleiten musstet. Wie war das für euch?

Barbara: Sie brauchten für die Instrumente den Bulli. Christoph war 16, Felix zwölf, sie konnten beide kein Auto fahren, also waren sie auf einen Fahrer angewiesen. Und da ich meine Kinder immer irgendwo hinfahren musste, kam das dann dazu. Richtig witzig wurde es einmal in Emsdetten. Es war schon alles aufgebaut, der Soundcheck war gelaufen, aber dann hieß es auf einmal: „Was will denn der Kleine hier? Der darf hier nicht rein!". Weil er da so jung war, wollten sie mir auch erst kaum glauben, dass er der Drummer ist. Als sie ihn dann gehört hatten, waren sie ganz erstaunt.

Um nochmal auf das Interview mit den Jungs einzugehen: Ist durch die laute Musik tatsächlich die Fassade im Proberaum gebröckelt?

Thomas: (lacht) So laut waren sie doch noch nicht, die Fassade hat gehalten.

Barbara: Es sind aber einige Risse dazugekommen, da bin ich fest von überzeugt! Ich weiß noch, dass Thomas irgendwann versucht hat, im Keller die Außenwand wieder dicht zu kriegen, er meinte, da käme irgendwo Wasser durch. Ich wusste aber, dass genau das die Wand zu dem Raum ist, wo sie geprobt haben (lacht). Wenn sie gespielt haben – Bass, E-Gitarren, Schlagzeug und Christophs Gesang, alles voll aufgedreht – haben oben bei uns die Gläser im Schrank gewackelt. Man konnte dann nicht einmal telefonieren (lacht).

Thomas: Um 20 Uhr war aber Schicht im Schacht, da haben wir den Strom abgedreht.

Habt ihr den manchmal wirklich abgedreht? Um die Nachbarn zu schonen?

Barbara: Wir sind dann runtergegangen. Christoph und ich hatten das Abkommen, dass um 20 Uhr Ende ist. Die jüngste Schwester ist elf Jahre jünger, die musste dann ja auch irgendwann schlafen. Später habe ich dann auch noch von den Nachbarn gehört, dass sie es auch ganz schön laut gefunden hätten. Sie hätten es aber wohl ganz gerne gehört (lacht), haben aber auch ganz schön was mitgemacht. Ich weiß nicht warum, aber einmal hat Felix das Schlagzeug in den Ferien aus dem Keller nach oben in sein Zimmer gebracht und da gespielt. Da hat dann aber wirklich der Nachbar angerufen. Was wir denn machen würden, er könnte doch nicht den ganzen Tag Schlagzeug spielen. Er wurde morgens wach und hat sich ans Schlagzeug gesetzt.

Aber es ist wahrscheinlich schöner, wenn die Kinder Musik machen, anstatt nur vor der Konsole zu hängen, oder?

Barbara: Ja. Ich habe absichtlich gesagt, dass sie das Zuhause machen durften, weil ich sie zum einen Zuhause haben wollte – ich bin so eine Oberglucke (lacht) – und zum anderen wollte ich die ganzen Freunde von den Kindern kennenlernen. Die haben ja nicht nur Musik gemacht, sondern kamen auch so zu uns, saßen im Keller und haben Party gemacht. Nach den Proben ging es meistens erst richtig los.

Thomas: Die Joints habe ich allerdings nie gesehen. Ich weiß nicht, wo ihr sie gelassen habt.

Irgendwann sind die Jungs dann ja auch auf Tour gefahren – hattet ihr da auch mal ein schlechtes Gefühl, wenn sie für mehrere Tage alleine unterwegs sind?

Thomas: Irgendwann werden sie größer, da muss man sie einfach laufen lassen.

Barbara: Das ist aber auch sehr langsam und schleichend passiert. Am Anfang waren es immer nur Abende und meistens kamen sie über Nacht auch wieder. Dass sie weitere Strecken fahren und wirklich auf Tour sind, kam erst später. Christoph hat jetzt sein eigenes Auto, führt sein eigenes Leben, die Band ist nach wie vor sein Hobby geblieben und er hat alles drumherum gebaut – seinen Beruf und alles, was er macht.

Du hast zwar gerade gesagt, du hättest die Joints nie gesehen, Thomas. Kam denn bei euch jemals die Angst auf, dass die Jungs total im Drogensumpf versacken, weil sie auf den Shows und unterwegs auch viele ältere Leute kennengelernt haben?

Thomas: Vielleicht nicht total im Drogensumpf, aber Felix ist es zum Beispiel auch passiert, dass er gepennt hat und erwischt wurde. Das kann passieren, aber da muss er durch. Irgendwann hat Mutter voller Schrecken zuhause ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft Stuttgart aufgemacht, wo drinstand, das ginge so nicht.

Barbara: Da haben sie sich auch nicht getraut, das zu sagen, sie haben auf das Schreiben gewartet (lacht). Und Thomas meinte noch, ich solle das nicht öffnen. Aber man konnte ja direkt sehen, dass es nicht nur darum ging, dass sie falsch geparkt haben. Ich wollte sofort wissen, was das ist. Dann ging der Terz aber auch los. Mein Mann ist da ein bisschen lockerer, aber ich wurde da schon ziemlich sauer. Nach einer Zeit war es dann okay, aber die Jungs hatten schon Angst (lacht).

Mindestens einmal haben sie auf Tour ihren Wagen so sehr überladen, dass die Achse gebrochen ist. Du durftest dann losfahren und sie irgendwo aus dem Nirgendwo abholen, oder Thomas?

Thomas: Da kam auch die Frage auf, was das denn nun sollte. Aber was sollte man machen, man musst sie dann eben abholen. Zumal man sich auch erstmal das Equipment besorgen musste. Es war kein Anhänger da, kein Auto, mit dem man fahren konnte. Und Christophs Auto musste ja auch irgendwie noch mit zurück.

Barbara: Der Zeitpunkt war nur etwas ungünstig gewählt. Das war genau der Tag, an dem die Nachbarn bei uns waren, um den Kranz für unsere Silberhochzeit auszumessen. Dann stand ich mit meinen Nachbarn und einer Kiste Bier alleine da.

Habt ihr Snareset denn sehr oft gesehen? Fahrt ihr manchmal hin, wenn sie zuhause spielen?

Thomas: Klar! Ich warte aber immer noch darauf, dass sie irgendwann mit einem Nightliner unterwegs sind. Ich würde den dann auch fahren (lacht).

Will man denn alles wissen, was bei den Jungs auf Tour passiert?

Thomas: Vielleicht nicht alles, aber ein bisschen schon.

Barbara: Die wichtigsten Sachen bekommt man dann ja per Post mit (lacht). Der schönste Auftritt war aber auf unserer Silberhochzeit. Sie haben AC/DC gecovert und später noch ihre eigenen Songs reingebracht – alles über 70 Jahren durfte die Hörgeräte rausnehmen (lacht).

Thomas: Das einzige Unprofessionelle an dem Abend war, dass Christoph nicht mit dem Hut rumgegangen ist. Bei den alten Herrschaften hätte er so viel Geld einsacken können.

Wie habt ihr denn die letzten zehn Jahre Snareset mitbekommen? Haben sich eure Kinder durch die Band sehr verändert?

Barbara: Vom Äußerlichen, ja, sie sind tätowiert. Aber das ist auch das Klientel: Ohne Tattoos ist man beim Punkrock nichts.

Und charakterlich?

Thomas: Das, was sie sich zutrauen und wagen, ist nicht schlecht. Sowas lernt man nicht in der Schule. Für vieles braucht man echt Mut. Wenn ich mitbekomme, wie Christoph gegen die AfD spricht – irgendwann kriegt der nochmal eins aufs Maul.

Habt ihr den Jungs jemals gesagt, sie sollten in eine andere Richtung gehen?

Barbara: Ich wollte am Anfang, dass sie mehr melodischen Punkrock machen. Am Anfang hatten sie einen Sänger, der immer nur gebrüllt hat – richtig ätzend. Das Melodische, was sie jetzt auch machen, hat mir immer besser gefallen. Als unser Kindermädchen ihr erstes Kind bekommen hat, hat Christoph ein Lied geschrieben, in dem er dem Kind ein schönes Leben wünscht und den Eltern gratuliert – das fand ich richtig schön!

Kam auch mal der Wunsch auf, dass sie hoffentlich bald damit aufhören und was Vernünftiges machen?

Thomas: Ich habe immer gedacht, es würde bei der Musik was Vernünftiges zustande kommen. Aber es blieb bei Punk. Ich dachte, dass sie langsam mal Richtung Schlager gehen, aber das war wohl nichts (alle lachen).

Was hört ihr beiden denn eigentlich selber für Musik?

Thomas: Chris DeBurgh zum Beispiel. Oder Helene Fischer. Ab und zu meint meine Frau dann auch, sie müsste den Fernsehsender wechseln.

Barabara: Ich höre alles Querbeet. Ich gehe zu Punkrock-Konzerten, aber auch zu den Amigos oder Hansi Hinterseer. Zu den Blasorchester-Konzerten gehe ich aber natürlich auch gerne und ich höre auch sehr gerne Kirchenorgel.

Hat euch die Musik eurer Kinder da sehr geprägt?

Thomas: Ich habe früher nie Punker-Musik gehört. Ich hätte mir nie vorstellen können, auf ein Punk-Konzert zu gehen – so ein Blödsinn. Heute ist das anders.

Barbara: Manchmal hat Christoph auch fremde Bands eingeladen. Das Schärfste war, dass ich mal eine aus Amerika und eine aus Frankreich da hatte, die ich dann auf dem Dachboden untergebracht habe (lacht). Auf einen Schlag musste ich acht, neun Matratzen haben.

Dann seid ihr in der Punkrock-Szene, die die Jungs mitaufgebaut haben, dann auch total involviert.

Thomas: Auf dem Cover sind wir selten drauf, aber im Hintergrund mischen wir mit (lacht).

Das klingt ein bisschen wie die alte Fielmann-Werbung, aber würdet ihr jemals alles nochmal genauso machen?

Barbara: Ja, auf jeden Fall!

Thomas: Ich würde ihnen vielleicht einen besseren Proberaum besorgen. Ich warte aber immer noch auf die erste Goldene Schallplatte – da bin ich dran beteiligt!


Von:
Leonie Wiethaup