Interview mit Apologies, I Have None

Apologies, I Have None sind mit ihrem neuen Album "Pharmacie" zurück. Ein Album, das vor allem Zeit braucht, wie uns Frontmann Josh McKenzie (rechts im Bild) erklärt. Doch genau das mag er so an Musik - dass man manchmal ein bisschen arbeiten muss, um sie wirklich wertschätzen zu können.

Letzten Monat habt ihr euer neues Album "Pharmacie" veröffentlicht, das definitiv anders ist als euren anderen Sachen, weil es mehr Zeit braucht, um zu wirken, würde ich sagen. Glaubst du, dass der Wechsel im Band-Line Up auch etwas damit zu tun hat?

Das sehe ich ganz genauso, aber ich weiß nicht, ob es so sehr an den Wechseln liegt. Vielleicht ein bisschen, weil wir bei "London" noch zwei Songwriter waren, bei "Pharmacie" habe ja nur ich die Texte geschrieben. Jetzt ist alles also mehr auf eine einzelne Perspektive fokussiert und nicht mehr auf verschiedene. Aber schon bevor Dan [Bond; Ex-Sänger und Gitarrist] die Band verlassen hat, haben wir an Songs für ein neues Album gearbeitet. Wir waren dabei auch auf derselben Seite, wir wussten, dass alles dunkler und düsterer werden würde. Selbst wenn er also nicht die Band verlssen hätte, wäre "Pharmacie" wahrscheinlich so geworden, wie es jetzt ist - zumindest mehr oder weniger, weil ohne ihn, wie gesagt, eine weitere Perspektive fehlt. Weil Dan mit Myelin aber eine neue Band hat, die in so ziemlich dieselbe Richtung geht wir wir, denke ich, dass die Wechsel nur bedingt etwas mit der Veränderung zu tun haben. Ich bin mir sicher, dass wir auch mit Dan in der Band etwas ganz Ähnliches wie "Pharmacie" gemacht hätten.

In einem Track-by-Track-Special zu "Pharmacie" hast du auch über einen Song gesagt, dass er in derselben Zeit wie euer Debütalbum "London" entstanden sei.

Es dauert manchmal extrem lange, Songs zu schreiben. Sicher, manche gehen einem so von der Hand, aber wir haben an vielen ein paar Jahre gearbeitet - es ist ein wirklich langer Prozess, auch, weil ich Songwriting sehr schwierig finde. Ich persönlich kann natürlich die Entwicklung in den Songs sehen. Ich weiß immerhin, wie sie einmal angefangen haben und wie sehr sie sich dann verändert haben, bis sie schließlich veröffentlicht werden - was dazugekommen ist, was rausgenommen wurde. An den meisten Songs haben wir tatsächlich schon kurz nach dem Release von "London" gearbeitet.

"Pharmacie" lässt sich sehr gut als Konzeptalbum beschreiben. Alles handelt von der dunklen, düsteren Seite der eigenen Psyche, von Depression und den schlechten Zeiten, die man durchleben muss. Thematisch schließt es sich deswegen auch gut an "London" und eurer "Black Everything"-EP an. Habt ihr von Anfang an so konzeptionell geschrieben?

Das stimmt, thematisch passt es gut zu den anderen Sachen. Ich würde "Pharmacie" aber selber nicht als Konzeptalbum bezeichnen - obwohl es ein durchgezogenes Thema hat. Es war aber immer unsere Intention, dass die Alben und die EP zusammenpassen und dessen war ich mir auch immer bewusst. Es gibt bei "Pharmacie" auch einige Referenzen zu "London", bestimmte Songzeilen zum Beispiel, und genau das mag ich auch sehr. Ich mag es, die drei Sachen als eine "Gruppe" zusammenzufassen. Mir war es wichtig, nicht nur zehn Songs zu schreiben, nicht nur irgendwelche Songs zu schreiben, sondern Songs, die zusammengehören.

Genau das mag ich auch generell bei Alben. Es muss nicht gleich eine Geschichte erzählt werden, aber bei ehrlichen Alben und Songs, die mir sehr gut gefallen, will ich nachher auch alles über denjenigen erfahren, der sie geschrieben hat. Menschen können oberflächlich langweilig erscheinen, wenn du dir aber die Zeit nimmst, um sie kennenzulernen, können sie auf einmal sehr interessant sein. Wenn ich meine Zeit darin investiere, ein Album zu hören, dann möchte ich auch etwas lernen, weißt du, was ich meine?

Es gibt niemanden, der direkt ein Original ist, der sofort, wenn er anfängt etwas zu machen, zum Beispiel in einer Band zu spielen, einzigartig ist. Wenn du mit der Musik anfängst, dann kopierst du ganz automatisch erst einmal Bands, die du magst. Das macht jeder, auch ich. Wenn ich ein Album schreibe, überlege ich mir, ob ich es mir auch selber anhören würde, ob es mich selber interessieren würde.

Wo wir schon bei Interessen sind: In dem Track-by-Track-Special, das ich schon angesprochen hatte, hast du den Song "Anything Chemical" mit dem Buch "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" verglichen. Inspirieren und beeinflussen dich Bücher genauso sehr wie andere Bands oder Dinge, die um dich herum oder generell in Großbritannien passieren?

So weit würde ich eigentlich nicht gehen. Mir fällt aber immer wieder auf, dass es immer Menschen gibt, die manche Dinge einfach viel besser beschreiben können, als man selber jemals dazu in der Lage sein wird. In dem Buch "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" gibt es diese eine Zeile: "I let my brother go to the devil his own way". Manche Leute sagen dazu, dass sie das verstehen, weil sie eine verquere Beziehung zu ihrem Bruder haben, aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, niemanden zu verurteilen, weil jeder die Dinge auf seine Weise macht.

Es gibt definitiv so einige Experten da draußen, die genau das sagen, was ich sagen will - allerdings viel besser als ich es jemals könnte. Wenn ich also in einem Buch oder in einem Songtext eine Zeile sehe, die das, was mich bewegt, perfekt und so viel besser zusammenfasst, als ich es ausdrücken könnte, dann stehle ich sie einfach - und das ist für mich vollkommen okay. Es macht mir nichts aus, die Worte von jemand Anderem zu stehlen (lacht).

Ich schreibe selber keine Songs, aber ich höre viel Musik und lese auch gerne und viel und kenne auch "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" und ich kann deswegen genau verstehen, was du meinst. Bestimmte Zeilen sind einem von Anfang an so wichtig und man hat sie auch nach Monaten noch nicht vergessen.

Genau das ist es. Zwei Zeilen können auf einmal so viel mehr wert sein, als eine riesige Sammlung von Wörtern, weil sie einen persönlich ansprechen. Deswegen vergisst man sie auch nicht so leicht. Und wenn man dann ein paar Monate später selber einen neuen Song schreibt, kann es schnell sein, dass man diese bestimmten Zeilen immer noch im Kopf hat und sie deswegen auch deinen eigenen Song prägen.

Weil Englisch nicht meine Muttersprache ist und ich deswegen auch nicht immer auf Anhieb alle Songtexte verstehe, muss ich sie leider oft nochmal nachlesen. Ich finde aber, dass, wenn man so viel Aufmerksamkeit auf die Texte lenkt, man noch viel mehr Gründe findet, eine Band zu mögen - weil man sich eben in die Zeilen hineinliest und über sie nachdenkt und interpretiert.

Ich mache das auch so, ich mag es sehr, so bestimmte Dinge zu entdecken. Tatsächlich war das auch bei einigen meiner absoluten Lieblingsalben der Fall. Am Anfang mochte ich manche gar nicht, aber als ich mehr Zeit darin investiert habe, ihre Texte zu lesen, hat sich das schnell verändert.

Als ich ein Teenager war, hat man noch nicht alles einfach runtergeladen. Man konnte die Sachen nicht einmal vorhören, ich habe meine CDs also blind gekauft. Und weil ein Album etwa 15 Pfund gekostet hat, habe ich es dann auch gehört. Als Teenager ist man pleite und wenn man schon so viel Geld für ein Album ausgibt, dann zwingt man sich auch dazu, es sich auch anzuhören (lacht) - und es zu mögen. Manche Alben wurden so auch zu meinen Favoriten. Und selbst nach 15 Jahren entdecke ich manchmal immer noch Sachen, die man vorher nicht realisiert hat. Das ist total komisch.

Das Gefühl kenne ich gut. Vor zehn, zwölf Jahren konnte viele Texte kaum verstehen und habe die Sachen fast nur wegen der Musik gehört. Wenn ich jetzt aber die Alben höre, die mir als Kind und Teenager unglaublich wichtig waren, sehe ich manchmal, dass nicht nur die Musik gut ist, sondern auch textlich was dahintersteckt - das ist super!

Genau, jetzt weißt du ein Album und eine Band erst richtig zu schätzen. Die besten Alben sind nicht immer die einfachsten, man muss sich um sie bemühen. Aber: Man bekommt dann auch etwas zurück - und das über Jahre! Das wächst kontinuierlich.

Foto im Header: Animal Style Records, Holy Roar Records, Uncle M Music

Fotos im Text: Andre Teilzeit; Lizensiert unter CC BY-NC 3.0


Von:
Leonie Wiethaup