Interview mit anorak.

Wir haben mit Patrice Spajda (Mitte; Gitarre, Bass) und Giulio Bason (zweiter von rechts; Schlagzeug) von der Screamo- und Indie-Band anorak. auf dem M-Pire Strikes Back-Festival unter anderem über die Verbindung zwischen dem Fotoprojekt ihres Gitarristen Julian Pache (zweiter von links) und den Texten ihres Debütalbums "enthusiasts and collectors" gesprochen.

Das erste, was bei eurer Band auffällt, ist die eher unkonventionellere Schreibweise - also alles klein geschrieben und der Punkt zum Schluss. Habt ihr das gemacht, weil es noch eine französische Band mit demselben Namen gibt?

Patrice: Wir kennen diese Band, ich glaube, die machen was mit Metal, aber wir haben es nicht direkt wegen ihnen gemacht. Der Punkt ist für das Alleinstellungsmerkmal, da "Anorak" ein Wort ist, das ja auch außerhalb der Musik seinen Gebrauch hat. So kann man es dann auch optisch direkt mit uns verknüpfen.

Euren Sound beschreibt ihr selber als eine Mischung aus Indie und Screamo, aber da sind auch noch zig andere Sachen mit drin - meinem persönlichen Empfinden nach. Die klassische Frage: Was hat euch dazu inspiriert?

Giulio: Das ist eigentlich ganz einfach zu beschreiben. Wir hören alle ganz viel verschiedene Musik und haben deswegen auch ganz viele verschiedene Einflüsse. Im Proberaum und beim Schreiben ist das dann einfach so passiert. Der Prozess des Schreibens der Platte war sowieso sehr, sehr lang, das hat fast drei jahre gedauert. Dann kommen da natürlich auch ganz viele Einflüsse rein. Wir haben einfach immer die Musik gemacht, auf die wir Bock hatten und uns nicht auf ein Genre festgelegt.

Kurz vor dem Album-Release habt ihr eure "kalter frieden"-EP rausgebracht - quasi als Vorbote. Warum haben diese beiden Songs denn eine EP bekommen und wurden nicht "nur" zu B-Seiten oder Bonus-Songs?

Patrice: Also ein Song von der EP ist ja auf dem Album auch drauf und den anderen haben wir leider erst nach der Albumproduktion fertig bekommen - ist aber auch trotzdem mit Abstand der neueste Song und deswegen auch am ehesten themenbasiert, würde ich sagen. Die EP war dann dafür, um den Leuten schon mal zu zeigen, was wir machen und was man ungefähr mit dem Album erwarten kann. Und natürlich, um vorher auch nochmal einen Output zu haben.

Giulio: Wie du schon gesagt hast, die EP war eine Art Vorbote. Wir waren in der Medienlandschaft jetzt auch noch nicht so weit bekannt und die EP sollte jetzt noch nicht das Ausrufezeichen, aber so der Punkt vor dem Ausrufezeichen sein. Und wie Patrice auch gerade schon gesagt hat, hat es mit "cold winter" auch noch ein Song darauf geschafft, der, obwohl wir jetzt keine politische Band sind, eine gewisse Relevanz für uns hatte, weil wir das Gefühl hatten, uns zu der Flüchtlingsproblematik dann doch mal äußern zu müssen, da das Ganze sehr, sehr hohe Wellen geschlagen hat.

Euer Gitarrist Julian Pache hat ein Fotoprojekt gemacht, "humans and landscapes", was auch zu dem Cover von eurem Album "enthusiasts and collectors" geworden ist. Was verbindet denn eigentlich das Fotoprojekt mit euren Texten und dem Album.

Giulio: In direkter Verbindung steht das eigentlich nicht.

Patrice: Was aber so schön an der Kunst ist: Man kann es sich immer so legen, dass es schon in einer Verbindung steht. Das Fotoprojekt heißt "humans and landscapes" - wir sind Menschen und in den Texten sind ab und zu auch verschiedene Menschen beschrieben und wie verschiedene Persönlichkeiten so sein können. Aber das sind ja jetzt nur 50% der Fotoabteilung, sag ich mal. Die "landscapes" gibt es ja auch noch. Ich hatte aber zum Beispiel noch nie das Glück, an der Westküste von Amerika zu sein, dementsprechend weiß ich auch nicht, was ich zu den Landschaften sagen soll (lacht).

Giulio: Der Julian ist an der Westküste von Amerika entlang gereist und hat Touristen nochmal aus der Fotoperspektive betrachtet. Und da ist viel zu sehen, wie sich Touristen und Leute, die sich die Landschaft anschauen, so geben. Und das kann man dann natürlich auch irgendwie wieder auf die Texte zurückführen, weil unsere Texte sozialkritisch sind. Oder, wie Patrice auch schon gesagt hat, die verschiedenen Persönlichkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen darstellen.

Gehen wir noch ein bisschen mehr auf eure Texte ein. Ich habe beim Hören Themen wie Isolation und gesellschaftliches Ignorieren und Verleumden rausgehört. Habt ihr beim Schreiben auch eigene Erfahrungen miteinfließen lassen oder sind das Beobachtungen, die ihr gemacht habt?

Giulio: Das sind vor allem Beobachtungen, definitiv. Die Texte schreibt ja hauptsächlich unser Sänger, Philipp [Lessel], aber das ist dann das, was man in der Umgebung tatsächlich wahrnimmt. Teilweise wurden die Sachen als verstörend, düster, angsteinflößend beschrieben, aber es ist einfach so, wie man im Moment die Umgebung um sich herum tatsächlich ein wenig wahrnimmt.

Gerade auch politisch? Ich stelle mir manchmal vor, was die Schüler in fünfzig Jahren denken werden, die dann das, was momentan passiert, in Geschichte durchnehmen. So wie wir dachten, wie das vor 70, 80 Jahren passieren konnte.

Giulio: Und das Problem ist ja, dass sich Geschichte anscheinend wiederholen kann. Beziehungsweise dass man blind darauf zusteuert.

Patrice: Dass es sich zumindest andeutet.

Zum Schluss dann noch was Positiveres. Vor Kurzem habt ihr ein Video rausgebracht, wo zwei von euch im Plattenladen Alben durchforsten. Lasst uns deswegen nochmal zum persönlichen Musikgeschmack kommen. Was hört ihr im Tourbus?

Patrice: Wir haben es uns ganz einfach gemacht. Und zwar haben wir einen relativ hohen Spotify-Quotienten und deswegen einfach ein Handy im Bus durchgereicht, wo jeder zwanzig Lieder reinballern sollte, wodurch am Ende eine schöne Playlist von achtzig  bis hundert Liedern - ich habe die zwanzig nämlich nicht vollgekriegt. Und wir wollten auch extra Musik auswählen, von der man denkt, dass die anderen sie nicht kennen. Ich meine, was bringt das denn, wenn ich jemandem was zeige, was er eh schon kennt? Dementsprechend weit gefächert ist die Playlist dann auch geworden. Von Helge Schneider über Edgar Wasser bis zu 2000er Emocore. Haftbefehl hab ich mich aber nicht getraut (lacht).

Guilio: Hättest du es mal gemacht, dann hättest du deine zwanzig auch vollbekommen (lacht).

Gibt es etwas, das ihr gar nicht mehr hören könnt?

Guilio: Ganz schwierig ist Radio-Musik. Beziehungsweise viel, das im Radio gespielt wird.

Patrice: Man hat einfach das Gefühl, dass es immer das gleiche ist.

Guilio: Ich hab ein Problem mit dem Elektro-Kram.

Patrice: Ja. 1Live ab 22 Uhr, naja. Und Schlager!

Guilio: Ab zwei Promille.

Bei Radio Q sprechen wir sehr gerne über unsere sogenannte "Platte für die Insel" - also über ein Album, das auf jeden Fall mit auf eine einsame Insel muss, weil man es sonst ganz schrecklich vermissen würde. Welches wäre das bei euch?

Guilio: Im Moment wäre das Brand New, "The Devil and God Are Raging Inside Me". Der Sound, der Charme vom Sänger - das passt einfach.

Patrice: Ich glaube, womit wir alle einverstanden wären, ist La Dispute mit "Somewhere At the Bottom of the River Between Vega and Altair".

Guilio: Das ist ein Meisterwerk!

Patrice: Und sogar eine Doppel-Vinyl (lacht)!

Foto im Header: Offizielles Promobild

Fotos im Text: Andre Teilzeit; Lizensiert unter CC BY-NC 3.0


Von:
Leonie Wiethaup