Interview mit Alex Mofa Gang

Tatsächlich Geschichte schreiben tun die wenigsten Bands. Wie auch, bei der Masse, die es inzwischen an Musikergruppen zu geben scheint? Die Alex Mofa Gang wollen Geschichte schreiben. Ob es ihnen als Band jemals gelingt – unklar. Eine Geschichte schreiben die fünf Berliner aber zweifellos: Die vom Alex Mofa. Ein junger Mann, der seine ländliche Heimat verlässt und versucht, in der Stadt sein Leben zu leben. Wir haben den Sänger Sascha Hörold, den Gitarristen Tommy Kosslick und den Schlagzeuger Michael Breuninger zum Interview getroffen und uns mit ihnen unter anderem über die Verbindung zwischen ihren ersten beiden Veröffentlichungen und der Fusion von Literatur und Musik unterhalten.

Wir müssen uns heute auch ein bisschen um die Basics kümmern, ich weiß schließlich nicht, ob euch unsere Hörer schon alle kennen.

Sascha: Wahrscheinlich nicht.

Na ihr habt ja ein großes Selbstbewusstsein.

Tommy: Wie sollen uns denn schon alle kennen? Dann hätten wir ja auch gar nichts mehr zu tun [lacht].

Dann sorgen wir mal dafür, dass euch bald zumindest die meisten kennen. Wie ist bei euch die Idee entstanden, Literatur mit Musik zu verbinden?

Sascha: Also im Prinzip ist die ganze Band aus einer Schnapsidee entstanden. Tommy und ich haben uns mal einigermaßen angetrunken Demos vorgespielt und zu den Demos, die ich dabei hatte, gab es eben auch einen kleine Geschichte, eine Kurzgeschichte. Als das klar wurde, dass wir eine Band gründen wollen, haben wir uns relativ schnell auch dazu entschieden, das miteinfließen zu lassen. Thematisch war das Ganze einfach so eng miteinander verknüpft, dass sich das ergeben hat.

Schreibst du zuerst und die Musik dann hinterher oder entsteht das parallel?

Sascha: Das ist ganz unterschiedlich. Bei der ersten Platte war es eben so, dass die Grundideen von den Demos von Tommy und mir kamen – die wir aber natürlich im Laufe der Zeit zu fünf alle gemeinsam erkämpft und erschwitzt und erblutet haben. Aber so etwas ändert sich natürlich, je länger es die Band gibt. Jetzt bei dem Album waren im Songwriting alle fünf involviert – was dann auch die Reihenfolge verändert hat. Damals war es so, dass es schon zu jedem Song mindestens eine Zeile oder eine Idee zum inhaltlichen Geschehen gab. Jetzt haben wir einen groben Leitfaden und schreiben erstmal Musik und die Texte dann später dazu.

Das Album „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" ist zur Hälfte auch nochmal die „Vorwort"-EP, die ihr damit quasi doppelt veröffentlicht habt. Warum habt ihr die EP nochmal inkludiert?

Tommy: Jetzt sind wir aufgeflogen [lacht]!

Sascha: Also im Prinzip ist es so, dass wir die „Vorwort"-EP nur rausgebracht haben, um eine Rechtfertigung zu haben, ein paar Konzerte spielen zu können. Für uns stand immer fest, dass sie quasi ein kleines „Guten Tag"-Sagen ist, aber eben auch immer Teil des Albums sein sollte. Wir haben uns da auch ein Beispiel an bekannteren Persönlichkeiten genommen, die das sehr ähnlich gemacht haben.

Zum Beispiel?

Sascha: Kraftklub würden mir da jetzt als erstes einfallen. Die sind ein paar Jahre lang mit einer EP getourt, haben dann die erste Platte rausgebracht und da waren auch nochmal die alten Songs drauf. Und da haben wir uns gedacht, wenn das bei denen geht, können wir das auch [lacht].

Bei der EP war auch noch das Buch mit dabei – die Geschichte dazu. Die fehlt aber jetzt beim Album. Wann soll denn das Buch kommen?

Sascha: Wir haben gerade bei der Verlagssuche eine Zwischenniederlage erlebt. Die Geschichte an sich ist tatsächlich aufgeschrieben und wir wollen sie auch verlegen. Wir sprechen mit Leuten und entweder es macht jemand oder wir machen es selber. Dementsprechend ist es auch ganz schwierig zu sagen, ob das Buch nächsten Monat oder erst in sechs Monaten erscheint.

Soll es denn dann irgendwann auch noch eine „Epilog"-EP geben? Also wollt ihr daraus eine „richtige" Trilogie machen? Oder ist das mit dem Album erstmal gegessen?

Sascha: Nö, das geht dann schon weiter! Wir führen die Geschichte von dem Typen auf jeden Fall weiter – egal in welcher Form. Es könnte auch ein Film werden, ein Theaterstück.

Ein Musical?

Sascha: Ein Musical, ein Comic.

Tommy: Oder eine Performance-Kunst, die wir auch nur ein einziges Mal aufführen werden [lacht].

Michael: Oder wir machen ein Gemälde!

Ideen sind ja anscheinend da [lacht].

Tommy: An Ideen mangelt es auf keinen Fall.

Sascha: Also wir spinnen die Geschichte auf jeden Fall weiter. In welcher Form das passieren wird, ob Text oder illustriert, werden wir sehen. Das lassen wir uns offen.

Soll dieser Alex Mofa eigentlich für euch der neue Max Mustermann sein? Also dass sich einfach jeder mit ihm identifizieren kann?

[alle lachen]

Tommy: Ich finde Max Mustermann Gang klingt generell einfach viel besser! Vielleicht sollten wir das einfach übernehmen [lacht]. Aber Alex Mofa als fiktive Person ist so ein bisschen das Konglomerat aus uns allen – aus unseren eigenen Geschichten. Es war auch für uns total interessant zu sehen, wie dieser Mensch, über den wir schreiben und der eben Alex Mofa heißt, für uns relativ schnell sehr lebendig geworden ist. Er hat sogar einen festgelegten Geburtstag und einen Geburtsort! Mittlerweile kennen wir den schon gut. Und natürlich kommen diese Geschichten irgendwie von uns allen zusammen, aber für uns ist das mittlerweile schon eine Person.

Sascha: Dementsprechend ist es wahrscheinlich auch so, dass die Leute, die sich für die Band interessieren, auch eine Schnittmenge haben. Wahrscheinlich nicht jeder, aber das ist ja auch gut so. Aber die Leute, die dran kleben bleiben, sollen möglichst auch ein eigenes Bild, eine eigene Idee von dem Charakter haben.

Was ist mit dem Albumtitel „Reise zum Mittelmaß der Erde" eigentlich genau gemeint? Was ist das Mittelmaß?

Sascha: Letztlich ist es so, dass der Typ am Anfang der Geschichte aus seinem Heimatörtchen in eine größere Stadt geht und dort erstmal die Puppen tanzen lässt, sich aber auch immer wieder nach diesen ihm anerzogenen moralischen Werten sehnt. Eigentlich sucht er Balance und Struktur. Zwischen diesen ekstatischen Ausbrüchen in allen Richtungen oder auch zwischen allen möglichen Gefühlsregungen sucht er aber doch auch noch irgendwas Normales, Normalität, Banalität und eben einfach ein Mittelmaß.

In seinem Leben beschäftigt sich der Alex Mofa nicht nur mit Liebe, Freundschaft und Co., sondern auch mit der Gesellschaft. Auch er ist kritisch gegenüber gewissen Dingen – wie jeder das sein sollte. Das Buch ist zwar bestimmt nicht erst seit gestern fertig, aber sind dann da auch die Vorkommnisse mit der AfD, dem Brexit und jetzt auch Trump miteingeflossen?

Sascha: Jein. Die tagesaktuelle Politik ist nicht eingeflossen, weil die Geschichte schon abgeschlossen war, bevor das jetzt so ganz aktuell geworden ist. Aber die Entwicklung und die Problematik hat ja Bestand seit Bestehen dieses Landes und vor allem auch seit Mauerfall – was für ihn ja besonders relevant ist, weil er aus dem Osten kommt. Natürlich es ist eine Thematik und natürlich gibt es klare Positionierungen zur Flüchtlingsproblematik.

Wird sich das in den nächsten Werken noch mehr verdeutlichen? Also beschäftigt euch das persönlich auch so sehr, dass ihr das mit der Band verarbeiten wollt?

Sascha: Das beschäftigt uns natürlich total! Wir sind jetzt keine Band, die ganz plakativ losgeht und politische Texte schreibt. Wir stellen in den Texten eigentlich immer eher Fragen. Aber klar beschäftigt es uns und es macht uns natürlich auch sehr viel Angst, wenn wir uns anschauen, was da gerade überall los ist – nicht nur bei uns, sondern global. Wie es passieren kann, dass Gesellschaften total nach rechts abdriften.


Von:
Leonie Wiethaup