Interview mit Abramowicz

Fünf Mitglieder, fünf Meinungen - da kann es mit dem heißersehnten Debütalbum auch schon mal ein bisschen dauern. Aber muss eine Band wirklich jedes Jahr etwas Neues veröffentlichen? Wir haben uns mit Abramowicz über diesen Zwang unterhalten und sie außerdem über ihre Verbindung zum Punk befragt.

Eure Doppel-EP "Call The Judges & Generation" ist schon eine ganze Weile veröffentlicht, wann kommt denn das Debütalbum?

Niki: Also so lange ist das ja noch nicht her, so viel Zeit sei uns gegönnt (lacht). Wir sind aber mit Hochdruck am Arbeiten. Ich glaube, dass da einigen Leuten noch die Löffel weggepustet werden.

Sören: Ein Debütalbum hat man auch nur einmal und deswegen ist es auch vollkommen okay, dass man sich damit ein bisschen Zeit lässt. Generell ist es glaube ich so, dass die Musikindustrie quasi von einem verlangt, dass man einmal im Jahr etwas veröffentlicht. Und es kann schon sein, dass wir das irgendwann mal hinbekommen, aber bezogen auf unser Debütalbum kann man das Ganze auch ein bisschen aus den Angeln heben, indem man sagt, dass man sich dafür Zeit nehmen will – ich finde das auch total in Ordnung. Dass man alle zwei Jahre oder sogar jedes Jahr etwas abliefern muss, ist auch ein bisschen ab von der Idee, qualitativ hochwertige Musik zu machen. Man erwartet jedes Jahr etwas Neues und wenn nichts kommt, heißt es direkt, sie seien eingepennt. Ich glaube, es ist eher so, dass man Zeit braucht, um auch für sich selber zu reflektieren, was man da jetzt macht und wohin man will – und das sei auch jedem gegönnt! Ansonsten wird alles so schnelllebig, dass man sich selber verliert und das wollen wir nicht.

Wenn man auf Masse veröffentlichen soll, muss man wahrscheinlich auch von der Musik leben können, was als fünfköpfige Band ohnehin sehr schwierig ist. Schafft ihr es eigentlich noch, Abramowicz mit dem Privatleben zu vereinbaren?

Nils: Das ist schwierig, a mit dem Privatleben und b mit der Arbeitswelt – wir müssen schließlich auch alle noch gucken, dass wir unsere Miete bezahlen können. Auf der anderen Seite ist es natürlich das schönste Hobby, was man haben kann und deswegen macht es auch so mega viel Spaß, so viel Zeit zu investieren. Ich glaube schon, dass man jedes Jahr etwas veröffentlichen kann, definitiv. Das sieht man ja an anderen Bands, die das auch hinbekommen. Aber das Debütalbum ist einfach etwas, was einem keiner mehr nehmen kann. Für uns ist es super wichtig, dass wir uns dafür Zeit nehmen und es erst herausbringen, wenn wir davon überzeugt sind – und das wird früher oder später auch passieren.

Niki: Wenn du irgendwann von der Musik lebst, musst du ja aber natürlich auch von der Musik leben können – und dann hast du natürlich auch eine andere Einstellung zum Musikmachen. Das geschieht meistens nach dem Debütalbum, aber meistens geschieht es auch gar nicht. Wir wollen uns das so offen wie möglich halten und ein möglichst geiles Debütalbum raushauen. Von daher wird darauf jetzt alle Energie verwendet, viele Opfer gebracht und das Ding auf Attacke gepolt.

Von der Musik zu leben bringt leider auch einen gewissen Zwang mit sich, was man zurzeit sehr gut bei den Descendents sieht. Früher haben sie nur alle paar Jahre etwas veröffentlicht – wenn überhaupt – und jetzt kommt ein Video nach dem nächsten.

Sören: Ich glaube, es entsteht ein Druck von Seiten der Industrie und nicht von Fans, Musikliebhabern und Schaffenden selbst. Manchmal ist es nur so, dass es nicht auf die Wirklichkeit von Musikschaffenden gepolt ist, sondern dass es eher etwas ist, was man sich von anderen Industrien abgekupfert hat – um es dann auf Kreativität zu münzen.

Niki: Viele müssen wahrscheinlich auch einfach gucken, wo sie finanziell bleiben und hauen deswegen ein Ding nach dem anderen raus. Das ist nicht gleich auf irgendeine böse Industrie zu schieben, sondern auch einfach darauf, dass die Leute Kohle brauchen, um ihre Liebsten und sich selber durchzubringen.

Nils: Manche Bands ziehen das aber auch so einfach durch. Die Ramones haben zum Beispiel in drei Jahren sechs Alben veröffentlicht – aber das lässt sich nicht auf jede Band ummünzen.

Jetzt haben wir so lange über so ein düsteres Thema gesprochen, lasst uns noch ein bisschen in glücklichen Erinnerungen schwelgen. Das Interview ist für die Sendung Auf den Punk gebracht – was hat euch zum Punk gebracht?

Sören: Ganz grundsätzlich erstmal Unvermögen. Wir wollten alle Musik machen und du machst eben das, was du machen kannst – und wenn das nur drei Akkorde sind, ist das automatisch punkbehaftet (alle lachen). Mit 13 habe ich angefangen, meine eigenen Songs zu schreiben und da ging eben nicht mehr als drei Akkorde. Das hat mir dann ganz gut gefallen und dabei sind wir geblieben (alle lachen).

Dann habt ihr euch aber wahnsinnig weiterentwickelt. Jetzt besteht eure Musik ja zweifellos aus mehr als drei Akkorden.

Sören: Das denkst du (lacht)! Generell ist es bei uns aber so, dass jeder etwas Anderes als Einfluss mit in unsere Band bringt. Es gibt zwar Bands und Musikrichtungen, auf die wir uns alle einigen können, aber tendenziell ist es so, dass zum Beispiel Finn und ich ganz unterschiedliche Sachen hören. Dann kommt einfach alles zusammen – wie bei einem Schmelztiegel. Bei mir und Nils war es so, dass wir früh mit Bruce Springsteen sozialisiert wurden – das braucht man auch nicht verstecken und das höre ich auch heute noch sehr oft. Dadurch, dass ich das aber nicht so großspurig hinbekomme, ist das dann Punk (alle lachen).

Nils: Man muss sich ja aber auch nicht kleiner machen als man ist. Das hat mit "1, 2, 3, 4"-Punkrock angefangen, aber natürlich entwickelt sich das weiter. Durch Sascha an der Gitarre und Finn am Keyboard wird das Ganze ein wenig komplexer, aber die Seele ist immer noch ein wenig punkig. Aber das liegt auch immer daran, was man mit Punk verbindet.

Was verbindet ihr denn mit Punk?

Niki: Das ist eine schwierige Frage, in meiner musikalischen Entwicklung hat Punk gar nicht so eine große Rolle gespielt – ich habe mal ein paar Bands und ein paar Songs gemocht, aber es war mir nie so richtig wichtig. Ich war nie ein Punker, ich würde auch nicht sagen, dass wir Punkrock machen – sicherlich sind wir da mal mit einer Attitüde rangegangen, dessen Naivität man natürlich irgendwie als Punkrock-Attitüde auslegen könnte. Ich würde aber nicht sagen, dass es etwas mit Punkrock zu tun hat, obwohl der politische Hintergrund sicherlich ähnlich war. Ich für mich sehe uns nicht als irgendwelche Punkrocker oder als Leute, die aus dem Punk herausgewachsen sind. Wir haben uns vielleicht mal ein bisschen nach Punkrock angehört, aber das ist für mich nicht das wichtigste Genre, mit dem ich uns in Verbindung setzen würde. Für mich ist Rock das Wichtigste, Gitarrenmusik, Arbeiterklassenrock – das würde ich uns eher auf die Fahne schreiben. Das entstammt vielleicht alles demselben Milieu, hat aber nicht die kritische politische Einstellung. Das sieht man ja auch in unseren Texten.

Es ist ja auch ohnehin sehr schwierig geworden, intelligente politische Texte zu schreiben. Ich habe gerade schon mit Dennis von KMPFSPRT darüber gesprochen (hier nachzulesen), dass es kaum Bands gibt, die das heute noch schaffen, weshalb der durch Trumps Präsidentschaft bedingte musikalische Output wahrscheinlich auch so klein ist.

Nils: Jeder verbindet etwas Spezielles mit Punkrock. Das können große Begriffe wie Freiheit, das Wohlwühlen in der Gesellschaft oder Ähnliches sein. Ich verbinde mit Punk, dass man mit den Freunden zusammen ist und ähnliche Werte vertritt. Ich glaube, so kann man es runterbrechen, aber das ist natürliche eine sehr individuelle Frage für jeden persönlich.

Sören: Auf die Trump-Problematik können wir wahrscheinlich nicht so gut eingehen – alleine schon aufgrund dessen, dass hier mehrere Bands aus Amerika anwesend sind, für die das viel entscheidender ist. Das wäre ein bisschen falsch, denen zu erzählen, was sie im Punk bewegen sollten. Für mich ist das Punkige, was Abramowicz ausmacht, das Gefühl, freiheraus das zu machen, was wir können. Ich glaube, das kann man als Punk bezeichnen, weil es viele geschminkte Künstler und Musikrichtungen gibt, die überlegen, wie gewisse Dinge ankommen würden. Bei uns ist das relativ wenig der Fall. Wir machen das, was wir fühlen, und bringen das auf die Bühne – ich könnte mir schon vorstellen, dass das ziemlich punkig ist.


Von:
Leonie Wiethaup