Blaue Blume

Es gibt diese Momente, da hat man das dringende Bedürfnis nach neuer Musik. Da langweilt einen alles Andere. Und diesen Wunsch nach neuer Musik erfüllen dieses Jahr Blaue Blume. Das sind: Blaue Blume (v.l.): Robert Jensen Buhl (Gitarre), Jonas Smith (Gesang, Gitarre), Peter Bøgvad (Bass), Søren Jensen Buhl (Schlagzeug).

 

Die vierköpfige dänische Band mit dem deutschen Bandnamen singt auf Englisch. Sie sind nicht nur interessiert an Musik und ihren Ausdrucksformen, sondern auch an Sprache und das Ästhetische im Allgmeinen. Das wird wohl der Grund sein, dass sie Blaue Blume heißen. Denn dieser Ausdruck steht eigentlich für ein Stilmittel in der romantischen Zeit der deutschen Poetik – die Sehnsucht. Für sie ist es dabei sehr bedeutsam, dass es nicht einfach ein Name ist, sondern auch das Symbol an sich.

Blaue Blume sind momentan mit ihrem Debutalbum “Syzygy” auf Tour und nach ihrem Konzert im FZW in Dortmund haben wir sie zum Interview getroffen. Sie sind noch sehr jung als Band, arbeiten mit einem Label zusammen, müssen aber unterwegs noch einiges selbst regeln. So zum Beispiel, wenn es um den Plattenverkauf nach einem Konzert und vor der nächsten Tourstation geht.

Das ist so ein typisches DIY-Ding.

Søren: Wenn du ein paar Platten verkaufst bevor du zum nächsten Gig fährst, dann kannst du davon sowas wie Sprit bezahlen und musst das Geld nicht selber von deinem eigenen Konto vorstrecken und darauf warten, dass du es von der dänischen Plattenfirma wiederbekommst. Es ist schön, dass eine Tour wie diese so gut laufen kann.

Ich habe gelesen, dass es ein, zwei Jahre zuvor eine Diskussion dazu gab. Dass kleinere Bands wegen des Vinyl-Booms Probleme damit bekamen, dass ihre Platten rechtzeitig ankamen.

Søren: Ja, das ist auch wirklich so. Wir haben aber ein ziemlich ordentliches Label in Dänemark, die schon auf solche Dinge achtgeben. Dennoch waren unsere Vinyl-Platten eine Woche zu spät für unseren Alben-Release.

Jonas: Ja, wir haben, glaube ich, drei Monate zuvor bestellt oder sowas. Das ist total verrückt.

Søren: Ja, und wir müssen rechtzeitig Bescheid wissen, ob wir noch mehr brauchen oder nicht. Wenn wir ausverkauft sind… naja, wir müssen ein wenig in die Zukunft schauen, sozusagen, wir müssen wissen, was wir brauchen. Außerdem ist es eine Ballance, die man lernen muss, denn es ist teuer, Vinyl zu kaufen und wir wollen gleichzeitig auch nicht zu viele transportieren müssen.

Vor der Veröffentlichung von “Beau & Lorette” erzählte Jonas Smith in einem Interview, dass die Musik eine Art Entgiftung der Jungend für sie sei. Ihr Debutalbum “Syzygy” erschien in Dänemark bereits 2015 und in Deutschland im Januar diesen Jahres.

Es hat mich nur dazu geführt, mich zu fragen, ob ihr glaubt, dass ihr diese Entgiftung mit “Syzygy” geschafft habt. 

Jonas: Es war tatsächlich so, dass wir das Album produziert haben und ich mich sehr viel mit dem Thema Jugend beschäftigt habe, sowohl bevor wir “Beau & Lorette” aufgenommen haben, während der musikalischen Entwicklung auf “Beau & Lorette”, als auch jetzt auf “Syzygy”. “Syzygy” ist so etwas wie eine Wiederholung auf verschiedene Art und Weise. Die Geschichte dreht sich um die gleichen Figuren, um mich selbst und jemanden, den ich liebe – eigentlich sogar jemand Bestimmten. Also glaube ich, dass ich als Lyriker nun bereit bin, weiter zu gehen. Ich möchte mich auf die Suche nach anderen Themen machen, verstehst du? Ich habe auch das Gefühl, dass wir auf eine Art und Weise entgiftet sind. Dass wir bereit sind, nun über etwas Anderes zu schreiben. Aber ich sehe es gerne so, dass alles, was wir bisher musikalisch getan haben, irgendwie zusammen hängt. Und ich glaube, das tut es auch, sowohl musikalisch als auch textlich – es ist auf verschiedenen Ebenen verbunden. Du kannst Zeilen oder Geschichten aus den ersten Songs wiederfinden. Manche Geschichten schließen also auch auf “Syzygy” ab. Also mal sehen, was in der Zukunft passiert [lacht] vielleicht wird es dann nur noch um Hass und Schmerz gehen. Wer weiß, was passiert.

Ich habe gelesen, dass es euer klangliches Ziel ist, eine Fülle zu erreichen. Ich habe mich gefragt, ob das nicht schwierig für euch wird, über neues Material nachzudenken. Bei anderen Bands werden von Album zu Album mehr Instrumente hinzugefügt. Habt ihr dabei eine besondere Idee im Kopf oder wollt ihr einfach für euch ausprobieren, wie ihr diese Fülle weiterhin erreicht?

Jonas: Ich glaube, wir wollen auf eine Art kleiner werden. Und das ist eigentlich paradox. Aber wir wollen durch weniger Elemente viel Raum erzeugen, mehr Raum als in den Songs, die wir bisher produziert haben. Ich glaube, das Ziel ist es, im Kleinen das Große zu entdecken. Falls das Sinn ergibt. 

Søren: Und ein “voller Sound” ist auch relativ. Ich zum Beispiel, und ich glaube, bei den anderen kann es auch so sein, weiß, dass, wenn du dir nur eine Gitarre anhörst, die einen sehr reichen und vollen Sound produziert, ohne dass du Hall nutzt oder irgendeinen anderen Effekt. Ich glaube, du kannst auch dann etwas hören, das für dich imposant klingt, einfach weil es deine Gehörgänge füllt. Manchmal braucht es eine große Band, die so laut spielt, wie sie kann, um diese Fülle zu erreichen. Ich glaube, es ist einfach so, dass wir auf einer natürlichen Ebene danach streben, diese Klangfülle zu erreichen. Aber so wie Jonas schon sagte, kann die sich auch hinter Hunderten von Versionen von Instrumentationen verstecken, oder hinter anderen Formen von Dynamik oder etwas Ähnlichem.

Jonas: Ich glaube nicht, dass es das Ziel ist, größer zu sein. Wir sprechen vor allem davon, auf der Ebene der künstlerischen Ausdrucksweise radikaler zu sein. Mit der Dynamik einen Schritt weiter zu gehen, zum Beispiel, oder ganz ruhig zu sein, wenn es sein muss, wirklich mächtig, wenn es sein muss oder einfach zu explodieren. Diese Ideen ins Extreme ausreizen, wenn es denn möglich ist.

Robert: Es ist eher die Frage der Fülle und des Reichtums der Idee, weniger spezifisch auf die technische Ebene des Sounds gemünzt. Wir wollen diese starken Parts, diese starken Ideen, weil sie eben diese Vorstellungen sind. Sie sind auf eine Art vollkommen.

Die Musik, die sie machen, ist aufgrund von Jonas Smith Gesangsstil kaum in eine Schublade zu schieben. Søren findet das auch nicht sonderlich interessant, zu welchem Genre sie gehören. Es geht darum, wo die Songs hin wollen, nicht, wohin sie sie klanglich drängen. Für ihn ist es auch das Wichtigste, dass jeder von ihnen seinen eigenen Teil zu der Musik, die sie machen, beiträgt und dass sie zusammen spielen. Das macht die Band Blaue Blume für ihn zu dem, was sie ist.

 

Und das ist es auch, was auf der Bühne sichtbar wird. Das fesselt die Leute im Publikum, selbst dann, wenn sie euch nicht kennen.

Jonas: Sie reagieren auf das, was wir tun, selbst wenn es ihnen nicht gefällt. Und ich glaube, dass es für uns wichtig ist, dass die Menschen uns entweder lieben oder hassen – und nicht, dass wir irgendwo dazwischen hängen. Ich glaube nicht, dass du unsere Musik hören kannst, ohne dich wirklich damit zu beschäftigen. Du musst fühlen wollen, was wir dir mitteilen wollen. Die Musik fordert eben eine Art der Verbindung. [...] Und, naja, vermutlich sollte ich aufpassen, was ich sage, aber ich denke, dass es viel Musik gibt, die so gleich klingt. Es gibt viel gute Musik, aber es ist der gleiche Vibe – was cool ist und was auch dazu führt, dass viele Bands unserer Bekanntheit viel größer werden und wir vielleicht auf diesem Level bleiben. Vielleicht ist die Zeit noch nicht so weit für diese Art von Pop-Musik. Ich glaube, wir machen Musik irgendwo zwischen Pop und Avantgarde, oder wie du es nennen magst.

Wir unterhalten uns kurz über LiveEurope und MXD, den Music Export Denmark. Sie unterstützen Bands dabei, auch über ihre Landesgrenzen hinaus aktiv und bekannt zu werden. 

Peter: Es ist wichtig, solche Organisationen zu haben, die die Musik aus dem Internet ziehen und auf die Bühnen bringen, zu den Leuten und den Venues.

Søren: Ja, denn der Internet-Hype ist das Eine. Und ebendiesen in den Ticketverkauf zu verwandeln, ist nie leicht und passiert nicht eins zu eins. Wir haben es ohne diese Organisation ausprobiert und das ist auch gut. Wir haben auch ohne großen Internet-Hype Tickets an Venues verkaufen können und zudem sogar mehr, als wir erwartet hätten. Ich könnte jetzt eingebildet klingen, aber ich glaube, genau das gelingt uns gut. Wir versuchen es auf die alter Manier: eine Rockband, die auf die Bühne geht, mit ihren Händen spielt und dabei auch das Publikum anspricht. Ein Publikum, das sich vielleicht auch nicht so stark für das Internet interessiert. 

Sie finden es auch sehr schön, dass ihr Publikum so unterschiedlich ausfällt.

Robert: Es ist doch verrückt, dass du auf dem einen Konzert Teenager im Alter von 15 oder 16 siehst und gleichzeitig die Leute, die beinahe 60 oder 70 sind, graue Haare, alte Pärchen. So wie in Dortmund, da war auch dieses eine ältere Paar. Das ist echt ziemlich schön. Es ist einfach toll, Altersbarrieren zu überschreiten und musikalisch zu diesen Leuten zu sprechen. 

Ich habe eine letzte Frage, die vermutlich jeder deutsche Interview-Partner gestellt hat.

Søren: Unser Name?

[alle lachen]

Ja, genau. Ich habe während des Eurosonic gedacht, dass ihr eine deutsche Band seid. Wie kam es dazu? Weil ihr Deutschunterricht hattet und dort Poetik? Ich finde, der Name passt sehr gut.

Jonas: Wie nett von dir, das zu sagen! Viele deutsch-sprechende Leute halten den Namen für das Kitschigste, das sie je gehört haben. Für uns hat es aber etwas Besonderes. Ich mag die deutsche Sprache, sie ist derbe, hat jedoch gleichzeitig diese implizite literarische Geschichte, das ist schön. Jedes Mal, wenn wir den Namen wieder sagen, merken wir, dass es eben nicht unsere Muttersprache ist und das macht es jedes Mal wieder lebendig und besonders. Und natürlich trägt es noch die romantische Bedeutung in sich, was auch sehr schön ist. Es wächst aus etwas heraus und trägt gleichzeitig eine eigene Bedeutung in sich, nicht einfach eine “blaue Blume”. Es ist eben ein Symbol.

Auch wenn der Name Blaue Blume erst mal verwirrt, wenn man sich auf sie einlässt, bereichert sie den musikalischen Horizont. Die dänische Band ist noch für drei weitere Auftritte in Deutschland zu sehen. Am 10.03. in Berlin, am 11.03. stehen sie in Köln auf der Bühne und am 12.03. in Hamburg.


Von:
Sophia Kisfeld