Wilco – Star Wars

Rezensiert von Steffen Jöne

Ein Gratis-Album zu veröffentlichen – auch wenn der Download nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht – kann ein erfolgreicher PR-Coup und damit ein werbetechnisches Meisterstück sein oder in einem Shitstorm und Kritik enden. Erinnert man sich zum Beispiel an den vergangenen Herbst, in dem U2 ihr neues Album “Songs of Innocence” in Kooperation mit Apple verschenkten. Dies verkam für die Band vielmehr zu einem PR-Flopp.
Auf andere Weise macht es nun die amerikanische Band Wilco. Überraschend stellten die sechs Jungs ihr neues Album “Star Wars” am vergangenen Freitag über Nacht zum legalen Download auf ihrer Homepage zur Verfügung. Zudem sprechen der Titel des Albums und das Cover, eine liebenswürdige Katze, zwei der größten Internetphänome der letzten Jahre an.

Wilco, die 1994 gegründete Independent-Band aus Chicago, zählt für viele Musikkritiker zu den weltweit besten Rockbands. Warum haben sie es nötig ein komplett neues Studioalbum gratis zu ‘verschenken‘? Nach Aussagen des Sängers, Jeff Tweedy, handele sich einfach um einen großen Spaß und es mache nichts mehr Spaß als eine Überraschung. Für die Fans wird es indes ein Spaß sein, die elf neuen Songs zu hören. Denn ihr insgesamt neuntes Studioalbum klingt alles andere als nach ‘kostenloser‘ Musik. Auf “Star Wars” klingt die Band rau, explosiv und fast schon psychedelisch mit eher unüblichen Sounds. Nicht mehr so glatt und kohärent wie auf dem Vorgänger “The Whole Love” (2011).

Der Opener, ein 75 Sekunden langes Instrumental, kann als Teaser für das gesamte Album gesehen werden. Bei “EKG” stochern verzerrte und schon fast chaotische Gitarren. Nach einiger Zeit wird ein Bass hochgedreht und das Lied lässt die Ohren vibrieren. Es klingt erst zusammenhangslos und zerfahren, ist trotzdem eingängig, da es einen festen Rhythmus besitzt.

Die verzerrten Gitarren lassen sich ebenso bei “More…” und “Random Name Generator” wiederfinden. Beide Lieder zeichnet eine Disharmonie aus, die von Tweedys Stimme zusammengehalten wird. “Random Name Generator” wirkt disharmonisch, besitzt jedoch bei genauerem Hinhören dadurch eine selbsterzeugte Stimmigkeit. Die Gitarren stehen hier deutlich im Vordergrund, weshalb das Lied auch in einem Gitarrensolo gipfelt. Immer wieder singt Tweedy I kinda like it when I make you cry und spielt damit auf den Stilbruch an, den Wilco auf “Star Wars” vollziehen. Das Lied ist absolut kein Country. Ein durchgängiges Motiv des Albums sind die hochgepitchten Gitarren, die insbesondere bei “The Joke Explained” gut wahrnehmbar sind. Zusammen mit dem Schlagzeug sind sie kennzeichnend für dieses Lied.

Der erste etwas ruhigere Song auf dem Album ist “You Satellite”. Ein Lied, das langsam beginnt, einen musikalisch auf die Reise mit einem Satelliten schickt und mit starken Echos spielt. Am Ende nimmt der Song nochmal an Geschwindigkeit auf, bevor er dann abrupt endet.
“Taste The Ceiling” reiht sich wiederum schnörkellos in den Countrystil ein, den man von vorherigen Alben von Wilco kennt. Klassische Gitarren und melodische Töne. Dem gegenüber steht “Pickled Ginger”, das noch einmal den neueren Stil Wilcos verdeutlicht. Ein elektronischer Ruck, der sich durch das Lied zieht.
Eindeutige Ballade des Albums ist “Where Do I Begin”. Ein verträumtes Lied, das einen sehnsüchtig werden lässt. Tweedy klingt, als würde er von seinem Herzen direkt zum Hörer singen: Why can’t I say something to make you act oder I’ll never ever fall apart like that again / Where we are to where do I begin. Zum Ende hin gewinnt das Lied an Dissonanz, wird seinem Stellenwert als Ballade allerdings weiterhin gerecht.

Jeff Tweedy, der Sänger und Songwriter von Wilco, sprach bereits vor der unangekündigten Veröffentlichung von “Star Wars” davon, dass die Band etwas gröber und derber werden würde. Dieser Äußerung sind die Jungs mit dem Album nachgekommen. Es ist zudem düsterer als die bisherigen Alben von Wilco. Die Band hat ein mitreißendes und packendes Album geschaffen, bei dem nichts einig oder sicher ist. Es besitzt keine richtige ‘Vollkommenheit‘, sondern vielmehr eine Schroffheit. Abwechslungsreich und vielseitig sind wohl die zwei Begriffe, die „Star Wars“ am besten beschreiben. Es lohnt sich nicht nur das Album gratis herunterzuladen, Wilco haben für dieses überraschende Stück Musik auf jeden Fall auch Geld verdient.


Label: 
dBpm
VÖ: 
17.07.2015 (offiziell auf CD am 21.08.2015)
Herkunft: 
Chicago, Illinois (USA)