Wellness – Immer Immer

Rezensiert von Lukas Wortmann

Wenig Wellness, viel Hektik. Im positiven Sinne, denn der Mix spricht für sich: 60s Surf Sound meets Großstadtmelancholie meets Quentin Tarantinos Lieblingsmixtape meets Findungsphase. Wellness schlugen mit ihrer ersten Single “Exit Exit” bereits Wellen, und zwar mehr als nur Bugwellen im Rhein, eher kalifornische Big-Waves. Matthias Albert Sänger, Lars Germann, Simon Armbruster und Florian Bonn heißen die vier Künstler. Und zurecht ist die deutsche Indie-Szene mehr als gespannt auf weiteres Material der Kölner Newcomer.

“Immer Immer” heißt der Erstling und zeigt was möglich ist. Wahnsinn wie Wellness hier mit einem großartigen Song nach dem Nächsten beginnen. “Bazooka” als vorantreibender Opener kopiert nicht einfach einen Sound aus den 60ern, sondern erweitert diesen um einen vorantreibenden Beat, eingängige Gitarrenriffs und hervorstechende Vocals. Matthias Albert Sängers eindringlicher und energetischer Gesang wirkt so authentisch, wie man es sonst nur von Jochen Distelmeyer von Blumfeld oder Dirk von Lowtzow von Tocotronic kennt. Manchmal herrlich gleichgültig (“Was Du Denkst”) und ein anderes Mal – mit Tränen in den Augen – ehrlich und exzentrisch (“Duell”, “Besucher”).

Da ist man als Hörer froh in den beiden Instrumentalstücken durchschnaufen zu können. Vor allem “Aloha Arne” gegen Anfang des Longplayers entschleunigt die Situation und funktioniert zu diesem Zeitpunkt sehr gut und bringt Abwechslung. Würde sich übrigens auch gut in einem Quentin Tarantino Streifen machen. Das anschließende “Duell” wäre dann der passende Showdown und besticht durch tolle Lyrics. “Ein Versehen, hab Sie einfach übersehen / Kein Problem, passiert nicht wieder” klingt nicht besonders, aber die Vortragsweise von Sänger ist entscheidend. Das gilt für alle Songs, die meist in Monologform die Situation des Ichs beschreiben.

Mit Mitte des Albums probieren Wellness dann vor allem neue Dinge aus. Während “Besucher” mit einem tollen Refrain besticht und “Endlich Endlos” sich durch fast schon epischen Noise-Rock zu einem der Highlights des Albums hochspielt, spalten sich bei “Mirabelle” die Meinungen. Die vorherige Coolness und dunkle Stimmung wird hier abgelöst durch einfache, bildhafte Sprache, die stark an Wanda erinnert, mit denen Wellness übrigens auch schon getourt haben: “Wir straucheln durch die Sträucher dieser stinken Stadt“, “Da hast du so ein schönes Gesicht“. Das ist nicht schlecht, aber vermisst einfach die Faszination und Raffinesse der vorherigen Songs. Auch mit den folgenden Stücken erreichen Wellness leider nicht die Qualität der ersten Albumhälfte. Erst mit dem Albumcloser “Müdes Licht” schaffen sie es das Gefühl wieder einzufangen und einen stimmigen Schlussstrich zu ziehen.

“Immer Immer” ist das geworden was man von dem ersten Album einer noch jungen Band erwarten würde. Der eigene Sound fasziniert und wirkt vor allem auch durch die authentischen Texte frisch und unbefleckt. Wellness brauchen sich definitiv nicht hinter anderen aktuellen deutschen Newcomern wie Isolation Berlin (siehe Rezension von letzter Woche) und Drangsal zu verstecken, sondern nehmen ihren ganz eigenen Platz am heimischen Rheinufer ein.


Label: 
Popup-Records
VÖ: 
12.02.2016
Herkunft: 
Köln, Deutschland