Warpaint – Warpaint

Rezensiert von Lukas Wortmann

Wenn das Gefühl der Euphorie die Erschöpfung des anstrengenden Tages übertönt. Wenn man trotz oder gerade wegen des vielen Dosenbiers denkt, die Musik sei perfekt, wie für einen gemacht. Wenn man einfach nur in der Menschenmasse steht und alles gespannt nach vorne blickt, zuhört und sich von der bunten, flackernden Lichtschau verzaubern lässt. Eben wie auf dem kleinen aber feinen Psychedelic-Festival um die Ecke bei einer Band, die man vorher noch nie gehört hat.
Das ist das Gefühl, das man beim Hören der neuen Platte von Warpaint bekommt. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen der typischen Festivalband und Warpaint. Warpaint schafft es, dieses Gefühl nur durch die Musik zu erzeugen. Die Konzertatmosphäre, Alkohol oder begeisterte Menschenmassen sind dafür nicht nötig. Aber warum hebt sich gerade das neue Album von Warpaint von anderen Alben des Genre ab?

Gar nicht so eine einfache Frage. Vielleicht kann man sie beantworten, wenn man sich den Entstehungsprozess der Platte genauer anschaut. Die vier Frauen aus Los Angeles sind noch in der Anfangszeit ihrer Musikkarriere. Nach einer erfolgreichen EP mit Einfluss von Red Hot Chili Peppers-Gitarrist John Frusciante und einem ebenfalls sehr gut kritisierten ersten Album, ist die nach dem Bandnamen benannte Platte “Warpaint” nun das schwierige zweite Album der Gruppe. Und sie haben sich zweieinhalb Jahre Zeit dafür genommen.

Die Songs entstanden unter anderem in einem dreiwöchigen Aufenthalt in einem Mietshaus im Joshua Tree National Park in der Nähe von Los Angeles. Das vorherige Album sei eher eine Zusammenstellung von Songs aus mehreren Jahren gewesen, so die vier Musikerinnen. Diesmal wollten sie jeden Song zusammen schreiben, “from the ground up”, so Schlagzeugerin Stella Mozgawa, die erst 2009 zur Band gestoßen ist. Neben diesem neuen Prinzip versuchten sie sich während der Schaffungsphase auch an neuen Instrumenten und experimentierten.

Und das hört man auch. Es ist nicht mehr der Psychedelic-Rock von früher, der fast schon als Indie-Rock einzustufen ist. Es werden vermehrt elektronische Akzente gesetzt, es wird mehr verzerrt oder mit Stimmeffekten gearbeitet. Zusätzlich merkt man, dass die vier Amerikanerinnen sehr vom R&B und dem Rap-Genre beeinflusst wurden. Trotz des Unterschiedes zu vorherigen Aufnahmen bleiben sie aber ihrem atmosphärisch psychedelischen Sound im Grunde treu. Man findet vielschichtige Songs, die vor allem nach vermehrtem Hören ihr ganzes Potential entfalten und ans Herz wachsen. Die Songs werden von großartigen Basslines und einem vielseitigen Schlagzeug geprägt, wie man vor allem in “Hi” oder “Biggy” hören kann. Das Album beginnt nach einem zweiminütigen, sehr atmosphärischen Intro direkt mit einem Ausrufezeichen in Form von “Keep It Healthy”. Und wer nach dem nächsten Track “Love Is To Die”, der als einer der wenigen Songs auch als Singleauskopplung funktioniert, noch nicht überzeugt ist, wird auch mit dem Rest des Albums Schwierigkeiten haben. Denn das Genre lebt nun mal mehr  von der erzeugten Atmosphäre und vom Zuhören als von eingängigen Refrains oder innovativen Melodien.

Wenn man den Zuhörer dann aber schon dazu bringen kann, genau hinzuhören, wäre es wünschenswert, dass die Texte mehr in den Vordergrund treten würden. Leider ist der Gesang durch viele Effekte und nuschelnde Aussprache nicht gut zu verstehen und Lyrics im Booklet nicht vorhanden. Gerade durch das durch die Musik geschaffene Ambiente ist es wirklich schade, dass man nicht mehr tun kann, als über die Texte und Zusammenhänge zwischen den Songs zu spekulieren. Dabei ist sicher, dass die Band auch Spannendes zu erzählen hat. Zeilen wie “Love is to die / Love is not to die / Love is to dance” aus dem Song “Love Is To Die” machen doch Lust auf mehr. In Interviews sagen die Künstlerinnen, dass es auf dem Album um Liebe gehe, und Hass. Das läge ja oft nah beieinander.

Abseits der lyrischen Bedeutung weiß das Album aber durchweg zu gefallen. Der Song  “Disco//Very” ist beispielsweise nicht nur vom Titel her interessant. Heißt es nun Disco-Very oder eher Discovery? Da kann sich wohl jeder für sich selbst den Kopf drüber zerbrechen. Der Song ist auf jeden Fall herrlich verstörend, kreativ und einfach spannend anzuhören. “Feeling Alright” oder “Drive” haben dagegen etwas Hoffnungsvolles. Nach ruhigem, eher beklemmendem Start ändert sich das Klangbild in etwas offenes, freies. Und wenn das Album dann mit dem gemächlichen, von einem Piano getragenen “Son” endet, fühlt man sich, als wäre man von einer erlebnisreichen Reise zurückgekehrt. Wo man bei der Reise war und worum es wirklich ging? Nicht allzu wichtig! Ob man die Reise ein weiteres Mal erleben möchte? Auf jeden Fall! Eben wie bei dem kleinen aber feinen Psychedelic-Festival um die Ecke.


Label: 
Rough Trade
VÖ: 
17.01.2014
Herkunft: 
Los Angeles, Kalifornien (USA)