Von Wegen Lisbeth - Grande

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

"Schneid' dir die Haare, mach' jetzt Ballett" - mit diesen scheinbar unspektakulären ersten Worten ihres Albums "Grande" bringt die Band Von Wegen Lisbeth einen frischen Wind in die deutsche Indie-Pop-Szene. Zwar leben Von Wegen Lisbeth wie viele andere Künstler in Berlin, doch starteten ihre ersten musikalischen Versuche im heimischen Keller. Nachdem der Sportunterricht bei Herrn Markquart in der siebten Klasse ausgefallen war, fuhren Matze und Jules nach Hause und probierten sich an zwei Gitarren und einem alten Drum-Computer aus - das ist inzwischen 10 Jahre her.
Robert, Doz und Julian gesellten sich zu dem Zweier-Gespann, sodass sie von Hardcore-Punk über Gameboy-Musik nun bei Indie-Pop und ihrem Debütalbum "Grande" angelangt sind; das letzte Puzzleteil, nachdem Von Wegen Lisbeth durch Touren mit AnnenMayKantereit und Element Of Crime ihren Geheimtippstatus langsam verloren und an Popularität gewonnen hatten.

"Grande" ist jedoch mehr als nur ein einfaches Indie-Pop-Album. Mit ihrem Spaß am Ungewöhnlichen, vielseitigen Instrumenteneinsatz und einfallsreichen Texten zeigt die Band, dass Indie-Pop mehr als nur die übliche Gitarre-Bass-Schlagzeug-Kombi hergibt.
Schon auf dem Opener "Meine Kneipe" verleihen Saxophone dem Elektro-Funk-Sound den gewissen Groove und bringen die Zeilen über Schönheitsideale, Lebensentwürfe und Parteizugehörigkeit umso kompromissloser rüber. Das Ganze natürlich immer mit einem leichten Augenzwinkern, wie auch in dem darauffolgenden Song "Chérie". Der Sänger Matze singt "Du bist nicht super selbstbewusst, nur weil du zur Begrüßung meine Hand zerquetscht". Zwar klingt in den Texten immer die Kritik mit, doch behält der Sound durch den Einsatz eines "Regenbogennachttästlers", was nichts Anderes als ein Glockenspiel aus der Spielwarenabteilung ist, seinen verspielten und leichten Charakter. Selbst bei einem Song wie "Bitch", dessen Grundtenor rockiger und fordernder ist, wird mit Leichtigkeit über belanglose Dinge, wie "um drei Minuten vor halb acht hab ich kurz nicht an dich gedacht" gesungen.

Diese Unbeschwertheit durchzieht "Grande" und löst unweigerlich das ein oder andere Schmunzeln über die Texte aus. So begegnet Matze in "Der Untergang des Abendlandes" den Pseudoängsten des Alltags mit Ironie oder spottet in "Sushi" über den Mitteilungsdrang in sozialen Medien wie Instagram mit "Komm, beweis' mir wie viel du lachst und dann zeig' mir dein Essen, das du machst". All dieser Witz soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die fünf Jungs auch durchaus anders können. In der Ballade "Bärwaldpark" zeigen sie ihre ernste Seite. Zu Beginn braucht der Song nicht mehr als ein paar Gitarrentöne, eine schlichte Basslinie und den Gesang von Matze, um das Vergangene einmal Revue passieren zu lassen und inne zu halten.

Der Song "Freigetränke" liefert einen gelungenen Abschluss des Albums mit verzerrter Stimme in punkiger Manier. Noch ein letztes Mal beschreiben Von Wegen Lisbeth ihr Bild von der heutigen Gesellschaft mit den Zeilen "Ich unterhalte mich mit dir, doch wir sind nur wegen der Freigetränke hier". Ein vermeintlich letztes Mal, denn nach fünf Minuten Stille folgt ein einminütiger Hidden-Track. Anfangs hält man den Klang noch für einen Sprung in der Platte, doch entwickelt sich genau dieser zu einem raffinierten Rythmus und schafft die Bühne für die wirklich letzten Worte dieses Albums, die da lauten: "Der Tag, an dem dein iPhone in die vollgekotzte Schüssel einer Clubtoilette plumpste, war der beste Tag in meinem Leben" - ehrlicher geht es kaum.

Spätestens nach diesem Debütalbum werden Von Wegen Lisbeth kein Geheimtipp mehr bleiben. Ihre Alltagsbeobachtungen verpacken sie in clevere, humorvolle Texte, die den ein oder anderen Ohrwurm hervorrufen und ihr Klang versprüht stets Leichtigkeit. Auch die vielfältige Instrumentierung durch Blechbläser, elektronischer Harfe oder auch der Steeldrum (ein Schlaginstrument aus der Karibik; das Aussehen ist aber auch vergleichbar mit einer chinesischen Wok-Pfanne), lässt "Grande" selbst nach mehrmaligem Hören nicht langweilig werden. Bei diesem Album ist der Name Programm - es ist einfach grande.


Label: 
Columbia / Sony
VÖ: 
15.07.2016
Herkunft: 
Berlin, Deutschland