Unsere Alben des Jahres 2017

Rezensiert von Radio Q-Musikredaktion

Das Jahr 2017 hat es den Musikalben der letzten Monaten nicht leicht gemacht: Schonungslos macht die Digitalisierung auch vor der Musikindustrie keinen Halt, Musikstreaming-Dienste sind auf dem Vormarsch und die Shuffle-Funktion stellt die Bedeutung gut durchdachter Konzept-Alben ganz grundsätzlich in Frage. EPs scheinen in dieser Zeit deutlich an Relevanz zu gewinnen und der Umstand, längere Zeit auf das neue Album des Lieblingskünstlers zu warten, spiegelt sich eher in gereizter Ungeduld und überhöhten Ansprüchen wieder als in kindlich-gespannter Vorfreude.

Nichtsdestotrotz sind es vor allem die alteingesessenen Legenden der Indie-Szene, die sich im Musikjahr 2017 die Zeit genommen haben, uns mit großartigen Platten zu beglücken. Ganz im Zeichen der Zeit standen dabei vor allem die musikalische Verarbeitung der gesellschaftlich-politischen Situation sowie ein durch Experimentierfreude geprägtes Ausprobieren in neuen und verschiedenen Klangwelten.

So viel Diversität hat dann tatsächlich einige gute Alben hervorgebracht und will natürlich durch ein formschönes Ranking belohnt werden. Deshalb hat die Radio Q-Musikredaktion abgestimmt: Unsere Alben des Jahres 2017:

10. Noel Gallagher's High Flying Birds - Who Built The Moon?
"Vorbei sind die Zeiten des Britpop, der neue Sound ist ein Mix aus elektronischen Beats und klassischen Elementen aus dem Rock n' Roll. Die Platte geht stark in eine psychedelische Richtung, zusätzlich vermittelt sie einfach nur gute Laune. Gegenüber der BBC beschrieb er sein neues Werk: „I'd describe it as cosmic pop" – „kosmischer Pop" klingt mindestens genauso interessant wie die Lieder des Albums."
- Robin Reiff

 9. Lea Porcelain - Hymns To The Night
""Hymns To The Night" ist ein kraftvolles, stabiles und düsteres Album - der Nacht entsprechend. Es reißt den Hörer nicht durch viele Gefühlsebenen, sondern setzt an einer Grundstimmung und Wahrnehmung des Ichs an, die es durchgängig trägt und durch verschiedene Tempi in verschiedene Richtungen reizt. Das gelingt Lea Porcelain nicht durch extrem komplexe wechselhafte Strukturen, sondern durch bestimmte Ideen innerhalb eines Songs, die in ihrer Struktur ein facettenreiches Klangbild abgeben."
- Sophia Kisfeld

8. Bilderbuch - Magic Life
"Ihr viertes Album wurde von einigen Fans und Vertretern der Musikpresse scharf kritisiert und als "halbgar" bezeichnet. Viele hat das Album aber dennoch überzeugt: Die lässige Mischung aus Rock und Funk reicht die Soundpalette von Superfunkpartytime bishin zu Sweet Love."
- Janet Rogalla

 


7. Robert Finlay - Goin' Platinum
"Das Album ist gleichermaßen zeitgemäß und zeitlos. Finleys retro-moderne Songs erinnern an die musikalische Ära von 1960, bringen den Hörer zurück in verrauchte Bars an amerikanischen Straßenrändern. Die zehn Songs ergeben einen variantenreichen Mix aus Blues, Soul und Rock'n'Roll und überzeugen mit einem vollen Paket von Authentizität und Coolness."
- Doretta Farnbacher

 

6. The xx - I See You
"Anfang des Jahres haben The xx mit "I See You" ihr drittes Album veröffentlicht und die alteingesessenen Fans des Pop-Trios aus erneut überzeugt. Ziemlich ambitioniert, weltoffen und tanzbereit mit einem innovativem Sound haben sie das Musikjahr 2017 eröffnet und waren damit der erste Lichtblick."
- Janet Rogalla

 

5. The War On Drugs - A Deeper Understanding
"Die größte Stärke von The War On Drugs ist aus dieser Vielfalt an Instrumenten ein Album zu schaffen, in das man sich einbetten will. Die Songs haben eine durchschnittliche Länge von mehr als sechs Minuten, sie sind nicht dahingeworfen, sondern bis ins letzte Detail perfekt auskomponiert. Es sind vor allem die Intros oder die Übergänge zwischen Strophen und Refrain, die den Zuhörer auf eine Entdeckungsreise durch das Ich mitnehmen."
- Sophia Kisfeld

 4. Kettcar - Ich vs. Wir
"Kettcar haben sich entschieden, "Den Revolver [zu] entsichern" und veröffentlichen mit "Ich vs. Wir" ein Album, das sich den unbequemen Themen der Gegenwart stellt: Rechtsruck, Pegida, Flüchtlingskrise. Nicht polemisch, nicht plakativ, noch nicht einmal explizit wertend, aber doch unverhandelbar und mit einem ungeschönten Blick auf ungemütliche Wahrheiten. Dabei haben Kettcar nicht einfach nur etwas zu sagen, sie bitten direkt zum Gespräch – mit aller Ausdrücklichkeit und der notwendigen Dringlichkeit, die zur Zeit geboten ist."
- Janet Rogalla

3. Kendrick Lamar - DAMN.
"Wie kaum ein anderer verbindet Kendrick Lamar Politik mit Pop und auf "DAMN." macht er selbst die Bibel cool. Beim Songwriting bekam er diesmal Unterstützung von keinen geringeren Künstlern als James Blake, BadBadNotGood, Steve Lacy, DJ Dahi, 9th Wonder und The Alchemist. Trotz dieser verschiedenen Einflüsse hält sich "DAMN." minimalistisch, so dass man Kendrick Lamar ganz klar folgen kann, wenn er von Schlüsselereignissen seines Lebens erzählt."
- Ann-Kristin Zoike

 2. The National - Sleep Well Beast
"Mit ihren Ecken und Kanten werden The National seit jeher geliebt. Doch dieses Mal gehen sie weiter und entfesseln das "Beast", lassen es in den verschiedensten Klang- und Synthie-Atmosphären jagen, stacheln es an mit treibenden Drums und überstrapazierten, sirenigen Gitarrenriffs, die wie Blitze in die liebgewonnene Vertrautheit einschlagen ("The System Only Dream In Total Darkness"), um es schließlich mit der gewohnten Harmonie und einer ungewohnt offenen Liebeserklärung in Ruhe und Sicherheit zu wiegen ("Born To Beg")."
- Janet Rogalla

1. alt-J - Relaxer (Unser Album des Jahres)
"Die Songs in sich entwickeln innerhalb ihrer Klang-Sphäre, sei sie folkloristisch, elektronisch-analog, klassisch, jeweils eine eigene Dramatik. Das Album "Relaxer" bietet, obwohl nur acht Songs vorhanden sind, eine Palette dessen, was alt-J in ihrem Klangspektrum aufzuweisen haben. Das ist jedoch auch genau kritisch zu sehen. Das Album und jeder Song für sich sind stark, Fans der vorgänger-Alben finden etwas in dem Spektrum, das ihnen an alt-J gefällt - gleichzeitig ist es nicht unbedingt ein "Relaxer", was alt-J abgelegt haben, es ist ein Auf und Ab der Gefühle."
- Sophia Kisfeld