Unsere Alben des Jahres 2015

Rezensiert von Radio Q-Musikredaktion

Letztes Jahr wurde musikalisch noch von vielen Musikmagazinen als “Scheißjahr” betitelt, dieses Jahr konnte dagegen mit vielen spannenden und erfrischenden Themen und Alben aufwarten. Gerade bei den Newcomern gab es einige Überraschungen! Ob nun Courtney Barnett oder Schnipo Schranke – viele Alben hatten eine immense Wirkung. Die Nerven, Zugezogen Maskulin und AnnenMayKantereit gehen durch die Decke und beleben zusammen mit beispielsweise Schnipo Schranke die heimische Musiklandschaft.
Außerdem kamen riesige Alben wie von Kendrick Lamar, der mit “To Pimp A Butterfly” Maßstäbe setzt, eine spannende Reunionwelle, angefangen mit Blur Anfang des Jahres, und viele, viele weitere interessante Musik.

Unser Album des Jahres aber kommt von Florence + The Machine! “How Big, How Blue, How Beautiful” ist ein durchweg perfektes Album, getrieben durch die imposante Orchesterinszenierung und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Album mit elf Geschichten, die durch die Videos noch mitreißender werden und Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht! Florence ist ganz oben, da wo sie hingehört. Sören Heuer
Hier unsere Rezension vom 31. Mai: Florence + The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Wir haben abgestimmt – hier unsere Top 15 der Alben des Jahres:

2. Balthazar – Thin Walls
 Lässig, cool und entschleuningt schlendert die belgische Band Balthazar durch die neuen Songs – live hingegen wird heftig mit der Hüfte geschwungen! Dynamischer Indierock zwischen swingenden Stücken und druckvollen Balladen – Balthazar haben mit ihrem dritten Studioalbum den Erfolg von “Rats” (2012) weitergetragen und ihren Stil und die Soundidee noch ein bisschen ausreifen lassen. Keine Ausbrüche in unbekanntes Terrain, dafür haben sie im eigenen System weitergedacht und wieder ganz große Stücke geschrieben, die von den wirkungsvollen Gitarrenriffs und mitreißenden Harmonien leben. Sören Heuer

 

 

 3. EL VY – Return To The Moon
“Return To The Moon” heißt das gemeinsame Werk von The National-Matt Berninger und Ex-Menomena-Brent Knopf. Die beiden hochkarätigen Musiker spielen auf der Platte mit den verschiedensten Genre – von Rock/Pop über Indie, Funk und Post-Punk, die Herren toben sich aus und sind stets unfassbar gut. Textlich ist das Album ebenso abwechslungsreich, denn neben witzigen Lyrics und ernsteren Themen schreibt Berninger obendrein zum ersten Mal in seiner Karriere (sofern bekannt) autobiographisch. Schlussendlich macht dann die Kombination aus altbekanntem Bariton und beeindruckender Instrumentalisierung eines der Alben des Jahres aus! Leonie Wiethaup

 

 

4. Everything Everthing – Get To Heaven
Wer bewegungslos bleibt, der hat das Album “Get To Heaven” nicht verstanden – wer jedoch die Kontroverse des Albums nicht heraushört, der hat es auch nicht verstanden. Denn auch wenn der Titelsong “Get To Heaven” lustig und beschwingt klingt, ist es ein Appell an Hoffnung, begleitet von brutaler Realität. Und genau das zieht sich durch das Album: die Kontroverse zwischen irgendwie leichter, treibender Musik, die gleichzeitig jedoch auf Textebene realitätsnah und kritisch bleibt. Ein sanft verpackter Faustschlag in die Magengegend. Sophia Kisfeld

 

 

 

5. Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think, and Sometimes I Just Sit
Mit einer emotionslos und monoton anmutenden Stimme Geschichten über Liebe, das frustrierende Leben und Personenschickale zu besingen, ohne dass das Ganze komisch oder unnatürlich klingt – scheint eine unmögliche Aufgabe zu sein. Courtney Barnett zeigt mit ihrem Debutalbum allerdings, dass es sogar sehr gut zusammenpasst und dass ihre Stimme große Emotionen hervorrufen kann, sie den Songs eine ganz eigene Dynamik verleit. “Sometimes I Sit And Think, and Sometimes I Just Sit” sprüht außerdem nur so vor klasse Textzeilen, von humorvoll bis einfach nur total ehrlich: “Give me all your money, and I’ll make some Origami honey”, “Put me on a pedestal and I’ll only disappoint you” oder “More people die on the road than they do in the ocean/Maybe we should mull over culling cars instead of sharks/Or just lock them up in parks where we can go and view them” – klasse! Außerdem wurde wohl noch nie ein trister Vorort so liebevoll und detailiert beschrieben wie in Barnetts “Depreston”. Indierock at best!
Sören Heuer

6. Beirut – No, No, No
Beirut haben 2015 ihr viertes Studioalbum herausgebracht. Auf “No No No” klingt die Band lebhafter und euphorischer denn je. Das gesamte Album besticht du eine Vielzahl an verschiedenen Instrumenten: Percussions, Klavier, Streich- und Blasinstrumente, Gitarre oder Schlagzeug. Dabei lebt Zach Condon, der schöpferische Antreiber der Gruppe, seine Experimentierfreude vollständig aus. Entsprechend balanciert das Werk zwischen großer Sehnsucht, Melancholie, aber auch Zuversicht und freudiger Stimmung. Ein Album gespickt mit vielschichtigen Arrangements.
Steffen Jöne


 

 7. Ratatat – Magnifique
Instrumentalrock, gemischt mit Elektroelemeten und einer immensen Spielfreude – Mike Stroud und Evan Mast lassen ihrer Kreativität auf dem siebten Album freien Lauf und geraten dabei nicht in eine Spirale aus Wiederholungen und Langeweile – im Gegenteil! Die Songs auf “Magnifique” vereinen so viele verschiedene Ideen, dass diese zu keinen Zeitpunkt Gefahr laufen langweilig zu werden. Von drückenden Wuchtnummern wie “Cream on Chrome” über harmonisch geprägte Welten im Titelsong oder verrückt durcheinander wirkende Nummern wie “Nightclub Amnesia” – Ratatat erreichen mit ihrer Instrumentalmusik das, was viele Acts mit Gesang nicht ansatzweise umsetzen können: Sie berühren und bewegen. Letzteres sowohl emotional als auch physich!
Sören Heuer

 
8. Bilderbuch – Schick Schock
Obwohl sich Bilderbuch bereits 2005 gegründet hat, haben es die Österreicher erst 10 Jahre später geschafft, in Deutschland richtig durchzustarten. Ein bisschen von Allem irgendwie: Punk, Progressive-Rock, Indie, Elektro und auch Hip Hop, dazu die fast schon arrogant wirkende Stimme von Sänger Maurice, die in Teilen an Falco erinnert. Ein Erfolgsrezept! “Schick Schock” vermischt aggressive Gitarren mit Hip Hop-Beats, derben Texten und immer einer Spur Glamour. Den findet man vor allem visuell in Form von goldenen Legginghosen, herzförmigen Sonnenbrillen und knatschbunten Jacken. Wild hoch 3! Carolin Dellai

 

 

9. Blur – The Magic Whip
Die Mitwegbereiter des Britpop haben nach langer Pause die genau richtige Antwort auf die vielen Kritiker gefunden und die Waage zwischen Progression und alten Tugenden gefunden. Auch wenn Damon Albarn bereits wieder seinen Frust über Blur offen rauslässt, das Album klingt, wie es klingen muss! Modern, cool und immer noch sehr ergreifend. Gerade die Mischung aus flotten Rocknummern, schweren Balladen und experimentellen Stücken macht die Stärke von “The Magic Whip” aus. Alle Angst umsonst!
Sören Heuer

 

 


10. Foals – What Went Down

Die Foals haben ohne Frage eine Entwicklung vollzogen: ein bisschen weg von den frickeligen Melodien vom 12. Bund höher und hin zu einem Sound, der deutlich mehr Richtung Stadionrock geht. Auch wenn die Bilanz der Fans gespalten ausfällt, die Foals haben nichts an Dynamik und Wucht verloren – gerade live! Hier und da kommen die alten Tugenden dann doch nochmal zum Vorschein und vermischen sich dann schnell wieder mit der neuen Soundidee. Indierock mit klasse Gitarrenriffs, sich aufbauenden Songs, relativ viel Noise und immer noch unverkennbaren Melodien. Auch wenn es kein Mathrock mehr ist, Durchschlagskraft habe die Foals nicht verloren!
Sören Heuer

 

 
11. Alabama Shakes – Sound & Color
Es ist die Kombination aus Soul und Rockelementen, die die Schwingung direkt ins Blut treibt. Es ist auch die Stimme der Frontfrau, kratzig und doch so sanft, die dich einfach an den Ohren zieht. Songs wie “Don’t Wanna Fight” oder “Gimme All Your Love”, die von der ersten Sekunde durch die richtigen Gitarren-Sounds nicht nur den Gehörgang in Wallungen bringen, sondern auch das Blut durch die Adern wabern lassen. Auch wenn die Alabama Shakes neben Balladen wie “This Feeling” oder balladen-artigen Songs wie “Miss You” das Herz am Schmerz zehren lassen, vertreiben sie auch ebendiesen durch Energie und ein Gefühl von Leichtfüßigkeit, wie zum Beispiel bei “Shoegaze”. Das Album ist ein zukünftiger Klassiker.
Sophia Kisfeld

 

12. Schnipo Schranke – Satt
Mit der Faust ins Gesicht und dann noch hinterher gespuckt – so ungefährt lässt sich die Wirkung von “Satt” in Deutschland beschreiben. Das Debutalbum provoziert humorvoll, ehrlich und absichtlich. Die Songs von Fritzi und Daniela schenken uns neben vulgärer Sprache allerdings auch mit die besten Liebszeilen des Jahres: “Doch ohne dich schaff ich es nicht mal mehr/ zu Aldi und danach wieder hierher” oder “Wenn du mir aus der Ferne winkst, platzt mein Herz / Ich habe gesagt, dass du voll eklig stinkst, doch das war nur ein Scherz”. Der einzige Makel am Debutalbum von Schnipo Schranke ist die verschlimmbesserte Version von ihrem alles startenden Hit “Pisse”, was allerdings bei dem Inhalt der restlichen Songs ganz schnell wieder egal wird. So authentisch und gleichzeitig schön war deutsprachige Musik lange nicht mehr – “Das ist die neue Schule, das ist Schnipo Schranke“!
Sören Heuer

 

13. City And Colour – If I Should Go Before You
Dallas Green hat mit “If I Should Go Before You” eines der Albumhighlights 2015 veröffentlicht. Es ist das erste Album, das er zusammen mit seiner Liveband eingespielt hat – wodurch die Lieder nicht mehr so puristisch wirken, sondern eher antreibende Rhythmen erhalten. Das Album ist durchdrungen von Gefühlen, die Green durch seine melodische Stimme ehrlich rüberbringt. Intime und vertrauliche Töne vermischen sich mit weitläufigen Sounds. Jedes Lied auf dem Album erzeugt eine Stimmung und lässt den Hörer tiefergehend zuhören. Mit dem fünften Album haben sich City and Colour von klassischen Singer/Songwriter weiter hin in Richtung Indie entwickelt.
Steffen Jöne

 

 

14. Olli Schulz – Feelings Aus Der Asche
Das hat er verdammt gut hinbekommen! Trotz den ganzen Quatschshows und Sidekick-Aufgaben im Fernsehen hat sich Olli Schulz ohne Probleme wieder dem Image des Singer/Songwriters hingeben können, ganz ohne Quatsch – naja, fast. Aber das ist auch gut so! “Feelings aus der Asche” ist überraschend ehrlich, beschreibt die Helden der Kindheit und ist gleichzeitig immer mal wieder witzig und ironisch. So ist Olli Schulz wieder in der Position des Geschichtenerzählers, des Kritikers und des nachdenklichen Familienmenschen. Ein starkes Album mit der passenden Balance zwischen Balladen, rockigeren Stücken und poppigen Hits!
Sören Heuer

 

 

15. Benjamin Clementine – At Least For Now
Leid und Leidenschaft sind miteinander verbunden. Ein Sinnbild dieser Verbundenheit hat Benjamin Clementine auf musikalischer Ebene mit seinem Album “At Least For Now” produziert. Ruhig und schleichend beginnt sein Album mit dem Titel “Winston Churchill’s Boy”. Besonders dessen musikalischer Aufbau gibt einen guten ersten Eindruck dessen, was in dem Album zu hören sein wird. Denn der ruhige Auftakt des Liedes, allein bestehend aus Klavier und der Tenorstimme Clementines entwickelt sich zu einem Kampf von Instrumenten und Stimme. Seine Musik ist tragisch, leidvoll und geladen.
Sophia Kisfeld