Tasseomancy - Do Easy

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

Wenn sich eine Band nach der Kunst des Teeblätter-Lesens benennt, erscheint das zunächst ziemlich willkürlich. Bei den Zwillingsschwestern Sari und Romy Lightman aus Toronto ist der Bandname "Tasseomancy" allerdings alles andere als wahllos, denn ihre Ururgroßmutter Clara Chernons war eine jüdische Teeblätter-Leserin, die im 19. Jahrhundert während der russischen Pogrome nach Kanada geflohen ist. Zunächst nannten sich die Schwestern, ebenfalls ehemalige Mitglieder der Cold-Wave Band Austra, aber noch Ghost Bees. Erst als sich im Laufe der Jahre ihr Sound veränderte, wandelten sie ihren Namen zu Tasseomancy. So viel dazu.

Inzwischen sind Tasseomancy bei ihrem dritten Album "Do Easy" angekommen – ein ruhiges Dream-Pop-Album, das beim ersten Hören nicht sonderlich überrascht. Kennt man aber die Geschichte hinter dem Album, so erschließt sich der Sinn, denn als Inspiration diente die Kurzgeschichte "The Discipline Of Do Easy" von William S. Burrough von 1973. Ein Essay, in dem eine Lebensart proklamiert wird, bei der man das, was man tut, auf die einfachste und entspannteste Weise tun soll. Nur so würde man auch den schnellsten und effizientesten Weg finden. Diese Philosophie ließ Romy nicht mehr so schnell los. Später stellte sie fest, dass der englische Künstler Genesis P-Orridge diese Geschichte als eine der großartigsten und magischsten Techniken zur Umschulung seines eigenen Denkens verstand und auch sie wollte diesen "leichten Lebensweg" finden.

Mit Hilfe von Brodie West (Alt-Saxophon), Ryan Driver (Flöte), Johnny Spence (Synthesizer, Piano) und Evan Cartwright (Drums) wandelten Tasseomancy Burroughs Manifest in eine musikalische Version um. "Do Easy" soll vor allem die fehlende Magie in dieser Welt voller Krieg und Diskriminierung zurückbringen, denn Magie ist für Tasseomancy Hoffnung und der Protest gegen die düstere Realität. Die beiden Schwestern sagen selbst, dass "Do Easy" als "eine winzige Welle in einem Ozean dieses ausdrucksstarken Widerstands" dienen soll – auch wenn sie noch so winzig sein mag, die beiden Schwestern haben es mit ihrem Album "Do Easy" geschafft, etwas Magie zurückzubringen.

Schon der Opener "Dead Can Dance & Neil Young" zeugt von dieser Magie. Ein ruhiges Grundtempo, klarer, harmonischer Gesang der Schwestern, sanfte Synthie-Klänge und Steel Drums, die dem Ganzen einen leichten Karibik-Touch geben, dabei aber nie albern oder Fehl am Platz erscheinen. Der Song wirkt meditativ und gibt klar eine Idee davon, worum es in "Do Easy" geht – sowohl in dem Album, als auch in der Lebensart. Ebenso träumerisch geht es auch in dem vierten Song "Missoula" zu. Es geht um die Haltlosigkeit unserer Zeit, der Song ist eine Ode an das Unbekannte. Ständig sind die Menschen in Bewegung, ob gewollt oder ungewollt. Im Zentrum steht dabei eine hebräische Melodie einer Gruppe wandernder Juden. Sari und Romy besingen nahezu anbetend "Missoula" und das Saxophon bringt eine experimentelle Note rein. Auf diese Art und Weise beweisen Tasseomancy abermals, wie effizient das Konzept von "Do Easy" sein kann. Immer wieder entdeckt man solche einfachen, aber dennoch effektvollen Momente auf dem Album.

Spätestens bei dem Titeltrack hört man, wie sehr Tasseomancy "Do Easy" verinnerlicht haben. Wenn ein Song die Bezeichnung "Dream-Pop" verdient hat, dann dieser. Der liebliche Gesang der Schwestern und die Steel Drums schaffen eine hypnotische Atmosphäre, dann kommt noch Meeresrauschen dazu und schon befindet man sich mit seinen Gedanken auf einer einsamen Insel voller Ruhe. Da die Philosophie erst mit jeder Übung besser wird, schließt an "Do Easy" auch direkt die Wiederholung dergleichen mit "Do Easy Reprise" an. So können die Variationen des Saxophons-Spiels und das besungene Mantra noch einmal ausgeschöpft werden.

Das Album schließt mit dem Song "Eli", bei dessen Intro zunächst Pianist Johnny Spence seine Qualitäten unter Beweis stellen kann. Ganz zart, wie die Vertonung des Bildes einer Feder, die vom Wind getragen wird, baut das Klavier eine mystische Atmosphäre auf. Dazu kommt der erhabene Gesang von Sari und Romy bei den Worten "Get Back" und es wird deutlich, dass bei "Do Easy" auch immer ein Stück Religion mitschwingt.

Bei Tasseomancys drittem Album "Do Easy" gibt es keine großen Überraschungen, aber genau darum, ums Leichtmachen, geht es ja auch. "Do Easy" ist ein großer, ruhiger Klangfluss mit harmonischer Instrumentierung und feinen Gesängen, dem man sich einfach, und das wortwörtlich, hingeben muss.


Label: 
Bella Union
VÖ: 
18.11.2016
Herkunft: 
Toronto, Kanada