Sleaford Mods – Key Markets

Rezensiert von Manon Hütter

“Hören Sie nun einen sozialkritischen Vortrag der Post-Punk-Rap-Kombo Sleaford Mods, frei interpretiert und in bester Straßenschlachtmanier rezitiert von Jason Williamson. Wir weisen auf einen erhöhten Gebrauch von, im allgemeinen Volksmund als Gossensprache betitelter, Begriffe und ein erhebliches Maß an Schimpfwörtern hin”.
So oder so ähnlich würde man das Album des Nottinghamer Duos wohl bei einer Konferenz zur sozialen Infrastruktur, des von den Mods verhassten, neoliberalistischen Elitebürgertums ankündigen.
Das aufbrausende Lautorgan des Prekariats, der Schrei der Deklassierten, die Stimme der europäischen Wirtschaftsverlierer im Klassenkampf von unten – um nur einige der Titel zu nennen, mit denen sich Williamson und Soundmaster Andrew Fearn unfreiwillig schmücken dürfen. Denn irgendwie sind sie da einfach so reingerutscht – in diese Rolle der Rebellionsführer.

Tatsächlich ist es schwer über die Mods zu schreiben, ohne die Band selber zu analysieren. Sie im rein musikalischen Kontext zu betrachten ist faktisch ein Ding der Unmöglichkeit und bei einer Band, die die frühe Mod-Kultur schon als inspirierende Referenz im Namen trägt, wäre das auch ganz klar der falsche Ansatz.

Ein kalter, von Schweiß und Maschinenöl durchschwängerter Hauch von Zeitreiseaspekt umwabert das Album – nicht im instrumentalen Sinne, trotz der offensichtlichen Lo-Fi Produktion. Und auch die angesprochenen Thematiken sind durchaus aktuell. Sondern in der Art und Weise, welche Position die Mods einnehmen und welche Rolle ihnen unumgänglich anhaftet. Kurzum: wessen Erbe sie tragen. Das elende Ende der Industrialisierung in der einstigen Wirtschaftshochburg Britannien und die Trümmer, die davon übrigblieben, zeichnen sich ab. Und eine Arbeitergesellschaft, auf der verzweifelten Suche danach, sich eine Stimme zu verschaffen, welche die Augen hoffnungsvoll auf einen Working Class Hero richtet, der auf das einfache Mittel der Parole zurückgreift.
Die Mods erfüllen die Rolle des Working Class Heros ganz gut. Allerdings in einem England in dem das Klassenbewusstsein noch immer ein schattenhafter omnipräsenter Begleiter ist und in einer Gesellschaft, die mit dem Begriff Hoffnung nicht mehr allzu viel anfangen kann.

Dr. Williamson diagnostiziert dieser Gesellschaft eine kritische Erkrankung an Gefühlslosigkeit, die sich gleich einem Krebsgeschwür im Körper des Gesamtorganismus eingenistet hat und ihn schleichend aber unaufhaltsam von innen zerfrisst. Hoffnung auf Heilung? Fehlanzeige!
Denn die Mods rufen nicht explizit zu Veränderung auf, sind nicht Mutter Theresa oder naive Schöndenker, sondern wissen, dass die Welt selbst durch die rosarote Brille noch farbliche Abstufungen hat und das Dunkle überwiegt – Frust statt Hoffnung lautet die Devise. Und die ist laut!

Andrew Fearn tut live nichts anderes, als mit einer Hand eine Bierflasche zu umklammern, einmal die “On” Taste seines Laptops zu drücken und den Rest des Abends stoisch auf der Bühne zu stehen, während Jason Williamson mit der brachialen Kraft einer hereinrollenden Welle, der aufgebrachten Masse, in der Haltung eines provozierten Hundes, giftige Parolen entgegen bellt. Anti-Konvention, anti alles!

Die karge, minimalistische Instrumentenlandschaft gleicht einer Einöde, in die hier und da mal ein trockener Lo-Fi-Blechdosen-Beat geworfen wurde und die sich dank des intensiven Gebrauchs von Loops ständig zu wiederholen scheint. Selten hört man mehr als zwei Instrumente und die einfachen Bass-Lines erwecken den Eindruck nach Unfertigkeit und lieblos dahingeknalltem Sound. Darüber dann der rohe, monotone Stakkato-Rap , der nur aufgrund des derben Midlands-Akzents so authentisch funktioniert.
Fast schon euphorisch sticht deswegen auch “Silly Me” durch den stimmlich überraschend harmonischen Einklang mit der Beat-Vorgabe heraus.
Musikalisch also sehr eingängig auch wenn die Beats auf “Key Markets” schon verfeinert wurden und nicht mehr ganz so trotzig produziert sind. Und dennoch: die Mods sind das Graffiti an der Wand: provokativ, systemkritisch und doch urbane Kunst.

Auch das Faible für Fäkalsprache ist weiterhin da, aber die Wahrheit duftet nun mal nicht nach dem teuren Parfum mit dem die Neoliberalisten sie überdecken, sondern nach Pisse. Sowieso beweist die britische Variante eines Galle spukenden Rio Reiser mit Songtiteln wie “Cunt make it up” mal wieder das sie die Herren der Wortspiele sind.
Und so steht Williamson als Anführer einer fiktiven Rebellion des kleinen Mannes im Kampf gegen die übergroße Macht der britischen Regierung für alle ein, die unter David Cameron leiden. Auch Margarete Thatcher wird in “Bronx in a Six” wieder thematisiert. Zwar geht es erster Linie um einen materialistischen und machthungrigen Mann, allerdings verkörpert der genau die Sicht der Mods auf Thatcher.
Weniger subtil wird da schon die Kritik an Londons Bürgermeister Boris Johnson geübt, heißt es doch in “Face To Faces”: Boris on the bike knock the cunt over als Anspielung auf Johnsons Radfahrpolitik.

Allein schon der Albumtitel “Key Markets” (zu Deutsch Absatzmarkt) impliziert eine ökonom-politische Auseinandersetzung, wobei das Duo als akustischer Mittelfinger fungiert und mit rotzig rabiatem Pöbel-Sound dem Motto “das untere Drittel brüllt zurück” getreu wird. Entfremdung, Wirtschaftskrise, illegitime Klassenzugehörigkeit und die Tristesse des alltäglichen Daseins – solch kritische und teils sehr negative Revisionen der heutigen „Sozial“- Gesellschaft arten nicht selten in der obligatorischen Authentizitätsdebatte aus. Fakt ist: die Akzente sind echt und Williamson wurde zwar nicht in ein prekäres Umfeld hineingeboren sondern hat sich diesen Zustand selber eingebrockt, aber ihre Einstellung ist ehrlich!

Schlussendlich funktioniert das Album nach dem klassischen Mixer-Prinzip. Einmal auf den Knopf gedrückt und alle Inhalte und Vorstellungen die man glaubte zu haben werden im Nu zerhackt. Die Musik der Sleaford Mods ist wie eine heftig schallende Ohrfeige bei der man auf sadomasochistische Art geneigt ist, ihnen die andere Wange auch noch hinzuhalten.

Ein 12-stationiger Kreuzgang bei dem man seinen Glauben an die Gesellschaft mit erhobener Faust zu Grabe trägt. Die Platte spricht bestimmt keine “Key Markets” an aber das soll und will sie auch nicht. Am Ende geben die Sleaford Mods sowieso einen “Fooockin shit what them cunts are sayin”.


Label: 
Harbinger Sound
VÖ: 
24.07.2015
Herkunft: 
Nottingham, England