Sizarr – Nurture

Rezensiert von Manon Hütter

Das berüchtigte zweite Album – von Musikern gefürchtet, von Kritikern fiebrig erwartet, um sich nach dem hochgelobten Debütalbum einer Band ordentlich die Krallen an dem nicht ganz so überzeugenden kleinen Bruder abzuwetzen. Schlussendlich wird dann der Todesstoß gesetzt -öffentliche Demütigung mit einer ordentlichen Portion Salz in die offene Wunde.

Auch Sizarr waren nach ihrem glorreichen Debüt „Psycho Boy Happy“ hochkandidelte Kandidaten für die Zweitlingsfalle. Wer von 0 auf 100 durchstartet, SxSW spielt und außerdem mit Bands wie Vampire Weekend und den Editors tourt, kommt an einer hohen Erwartungshaltung nicht vorbei. Sizarrs Stern ist jedoch nicht zum schwarzen Loch des Vergessens und der Gleichgültigkeit mutiert, sondern nimmt nach wie vor eine Ausnahmeposition am Indie-Firmament ein. Sie sind nicht zum wandelnden Klischee der hippen jungen Band aus dem Provinznest geworden, die kurz die erfolgsdurchtränkte Luft der großen weiten Welt inhalieren durfte, nur um sich dann von Kritik skalpiert im nächsten Bus gen Heimatkaff wiederzufinden.

Stattdessen sind sie den musikalischen Kinderschuhen definitiv entwachsen, haben sich weiterentwickelt und sind dabei doch ihrem Sound treu geblieben. Die Herznote des ersten Albums bleibt und wurde nur hier und da etwas modifiziert und um einige Essenzen veredelt. Treibende Beats, fein geschliffene Melodien, kompakte Synthie-Partituren, wie zufällig eingeworfene Schrammelelemente und dazu Fabian Altstötters Stimme, die mit ihrer wahnsinnigen Dichte über allem schwebt.
Und auch wenn es wahrscheinlich keinen einzigen Musikredakteur gibt, der Deaf Sty, so sein Künstlerpseudonym, noch nicht eine wahnsinnig erwachsen klingende Stimme für ein so junges Alter diagnostiziert hat: auch auf Nurture ist es diese Stimme, welche magische Fesseln umlegt und mit drängender Nachdrücklichkeit auf die Zuhörbank verweist.

Den Start machen dabei Clam und I May Have Lied To You, zwei eher wavige Pophymnen. Erstere differenziert sich durch verstärkten Gebrauch von Backhall und Back-Chants schon leicht vom ersten Album, beruft sich gleichzeitig durch das verspielte Synthie-Intro aber auch auf seine Wurzeln. Und weil Sizarre auf Etiquetten und gängige Vorgaben pfeifen endet das Stück abrupt überraschend. I May Have Lied To You kommt anfangs mit einem wesentlich unaufgeregt minimalistisch gehaltenem Basissound daher, während Fabians leiernde Charakterstimme wieder in unglaubliche Sphären schnellt. Nach hinten entwickelt sich der Apparat zu einem dramatischen Bruch voll aufgewühlter Akkorde.

Auch die verletzliche, fast schon klassisch ruhige E-Piano Ballade Untitled betrachtet Altstötters Stimme als Zentrum der Macht. Im Vergleich zu den anderen Songs des Albums fehlt es hier allerdings etwas an exotischer Würze – wäre da nicht diese großartige Stimme.
In starkem Kontrast dazu: Slightly mit seinen teils modifizierten hallverzerrten Vocals, welche in Kombination mit sanften Klangholz und tragischen E-Orgelklängen einen interessanten Retro-Sound kreieren.

Genauso verhält es sich mit den beiden Single-Auskopplungen Timesick und Scooter Accident. Während Timesick ungewöhnlicher Weise direkt mit Vocals, statt dem für Sizarr charakteristischen langen Intro beginnt, beruft sich letzerer auf bedachte Akkorde und 80er Pop Synthies im dumpfen Kellerformat. Sowieso erinnert der Titel atmosphärisch an eine Großraumdisko, dezimiert sich im hinteren Mittelteil aufs Minimum, um dann mit einer geballten mystisch klingenden Orgelwucht umso stärker zurückzukommen. Auch Timesick bedient sich harter Rhythmen und abgedämpfter Elektro-Drums, durchwoben von neckischen Synthieklängen. Ein Mix der eigentlich nicht unbedingt nach Harmonie schreit, aus unerfindlichen Gründen aber doch funktioniert und nach vorne drängt ohne zu überrennen.

Baggage Man gehört fast schon zu Unrecht nicht zu den Singleauskopplungen – ist es doch eines, wenn nicht sogar DAS Bonbon des Albums. Klirrende Glaseinspieler, hechelnde Falsettos und Glockenspiel zu Beginn – eine ausgeleierte elektronische Spieluhr, die langsam den Saft verliert, gen Ende. Ein Paradebeispiel dafür, dass Marc, Fabian und Philipp keinesfalls an Kreativität eingebüßt haben. Auch wagt man hier den zugegeben mutigen Versuch, die Germanisierung der englischen Sprache weiter voranzutreiben. Der dezent vermengte Sprachsalat mag nicht jedem gleich gut schmecken, gibt dem Song aber gerade die richtige Würze. Eine kleine Prise Lausbuben-Pop und zeitgleich ein dezente Messerspitze schmerzhaft betörender Weltmusik.

You and I , ein Titel der auch im Pop-Bereich sehr häufig Verwendung findet und meist eher eine Garantie dafür ist, dass der Song musikalisch eher bescheiden ausfallen wird, setzt wieder auf nostalgischen Retro.

Der letze Track How Much For This? Entführt, statt in die Vergangenheit, lieber in eine wunderschöne nicht überladene Traumwelt, die das komplette Album schillernd reflektiert. Hier vereint sich nochmal die ruhige Seite von Nurture, der vintage Sound vermischt mit zurückgenommenem Popgedanken und den düsteren zeitgleich aber jugendlich verspielten Synthies. Prägnant zeichnen sich auch die Trommeln gegen die markanten Tempowechsel ab, welches immer mal wieder rausgenommen wird um dann ein umso stärkeres Comeback zu feiern.

Mit Nurture liefern Sizarr ein wahnsinnig souveränes, dynamisches und von Fixgedanken losgelöstes zweites Album ab, welches instrumentell genauso facettenreich ist, wie die immense Bandbreite von Fabian Altstötters Gesangsspektrum. Die Band ist wie ein Puzzel, was sich nach und nach immer mehr zusammensetzt und noch lange nicht alles von sich preisgegeben hat, sondern durch unerwartete Wendungen zu überaschen vermag. Sie wandeln durch unkonventionelle Strukturen und treten sich so langsam aber sicher ihren eigenen Pfad zurecht. Definitiv ein Album was man nicht einfach so nebenbei sondern bewusst hören muss, um ihm komplett gerecht zu werden.

Am Ende stellt sich tatsächlich nur eine Frage: „How much for this?!“.


Label: 
Four Music
VÖ: 
27.02.2015
Herkunft: 
Landau, Deutschland