Sequoyah Tiger - Parabolabandit

Rezensiert von Janet Rogalla

Experimentelle Arrangements, verzerrte Synthies und vertrackte Beats: Diese Kombination erscheint heutzutage als mittlerweile fest etabliertes Heilmittel für eingefahrene Musikgrößen, die ihrem Indie-Alltag entfliehen und ihrer Musik zu neuem Glanz verhelfen wollen. Sequoyah Tiger setzt auf ihrem Debütalbum "Parabolabandit" jedoch noch einen drauf und definiert Experimentierfreude völlig neu: Folgt man nämlich der Einladung im Albumopener "Another World Around Me", begibt man sich in eine fremde und unerforschte Klangwelt, die sich auf charmante und unbeschwerte Weise sämtlichen musikalischen Strukturen entsagt: Authentisch experimenteller Lo-Fi-Pop, selbstproduziert im hauseigenen Kellerstudio in Verona.

Experimentierfreude liegt der italienischen Musikerin Leila Gharib alias Sequoyah Tiger offenbar im Blut: Indie-Rock und Performancekunst hatte sie bereits hinter sich gelassen, ehe sie sich ihrem Projekt Sequoyah Tiger widmete und sich im Einmaleins der Klangexperimente à la Beach House und Panda Bear versuchte. Zwei digitale Gratis-EPs und eine physische EP ("Ta-Ta-Ta-Time") später dokumentiert nun endlich ein ganzes Album das ungewöhnliche Talent der Italienerin im Ausprobieren: Polyrhythmisch, kontrastiv und mit kindlicher Neugierde.

Auf "Parabolabandit" treffen schrullig eingängige Melodien aus längst vergessenen Zeiten auf schillernde Do-It-Yourself-Klangästhethik: Obwohl sich unaufgeregte, nostalgische Pop-Melodien in einer facettenreichen Linie durch das ganze Album schunkeln, dominiert vor allem die Verführung mit musikalischen Normen zu brechen: Einerseits im verstrahlten Surren und flimmernden Wabbern von verwaschenen Synthesizern, abgehackt oder hallend, am liebsten aber beides gleichzeitig. Andererseits in den kontinuierlich wechselnden Stimmeffekten, die sich zwischen Chipmunks-Sound und dumpf-eindringlichem Mantragesang positionieren.

Beim musikalischen Spiel wurde Leila Gharib hörbar nicht langweilig: Vom tanzbaren Pop-Hit mit Synthesizer-Loops (Punta Otok) und stimmungsvoll treibenden Instrumental-Battles zwischen Schlagzeug aus der Dose und diversen anderen Keyboard-Klangkörpern (Brother Brother) bis hin zu entschleunigten Balladen, in denen einem vollsynthetische Gitarrenriffs entgegen gehaucht werden (Brilliant One). Wenn schließlich maximal entschleunigter Karibiksound herbstlich von nachhallender Gesangsmelancholie umnebelt wird (Cassius), ist die musikalisch aufgespannte Paradoxie perfekt. Hochkonzentriert, aber dennoch mit spielerischer Leichtigkeit wird eine experimentelle Klanglandschaft erobert, deren Existenz sich der reinen Vorstellungskraft entzieht.

Sequoyah Tiger macht zeitlosen, sphärischen Pop, der nicht einmal seinen eigenen Normen gehorcht. In einem psychedelischen Retro-Gewand gleitet das Album "Parabolabandit" zwischen heimelig schrulliger Musikästhetik und unkonventioneller Keyboard-Percussion, die jedem strukturierten Arrangement entflieht und musikalische Grenzen überschreitet: Spannend, abenteuerlustig und ungezähmt: Sequoyah Tiger.


Label: 
Morr Music
VÖ: 
27.10.2017
Herkunft: 
Verona, Italien