Schnipo Schranke - Rare

Rezensiert von Manon Hütter

Ein blutiges Stück Rindfleisch – Garstufe: Rare. So lassen Schnipo Schranke ihr zweites Album auf die Welt los und betiteln damit gleich mal die von ihnen besetzte popkulturelle Nische. Ebendiese ist vollgemüllt mit leeren Bierdosen, Pizzakartons und benutzen Kondomen, aber eben dadurch auch irgendwo charmant und heimelig. Vor allem ist sie aber auch eines: Rare. Nicht nur im Bezug auf blutige fleischgewordene Fantasien des Homo canivorensis, sondern eben auch im Sinne von "selten" wie der begeisterte Babbel-Profi weiß. Denn ob man es letztendlich als progressiven Chanson, Post-Schlager oder kabarettistischen Avantgarde-Pop eingrenzt, ist egal. Daniela Reis und Fritzi Ernst haben sich aufgrund "unerwünschter Kreativität" gegen die Frankfurter Schule entschieden und sind dem Schamoni'schen Ruf der Hamburger Schule gefolgt – wenn auch nicht musikalisch sondern meldetechnisch.

Dort hat sich auch die magische Schnipo-Formel "2x klassische Musikausbildung (Blockflöte & Cello) + Piano + ein bisschen Schlagzeug + rotzige Texte = Diskurs-Chanson meets Working Class Hip Hop" entwickelt. Pointierte Disstexte und Alltagspoesie en masse, lyrisch grandios, musikalisch eher eingängig - so noch auf "Satt".

Textlich gibt es natürlich auch auf dem Nachfolger "Rare" immer noch den ein oder anderen Pimmel, diverse Körperflüssigkeiten und Drogen von Gras bis Kaffee. Instrumentationstechnisch gesellen sich die Analogsynthies zum minimalistischen Set-Up und fungieren nicht mehr primär als zufällig platzierte Deko. Die Pianoakkorde wirken dagegen glatt und melodiös stechen dann aber dramaturgisch zu. Das Ergebnis: Eine ungeschönte Abhandlung mit dem alltäglichen Leben, ein modernes Musical ohne unnötigen Glitzer und Glamour, das sowohl in Wilhelmsburg und Neukölln, als auch in den Käffern der Nation spielen könnte. Denn die Welt ist nun mal kein rosabuntes Schlaraffenland mit Veilchengeruch, sondern eher hässlich und stinkt.

Und genau da setzen Schnipo an, predigen kackenehrlichen Realismus irgendwo zwischen Stefanie Sargnagel und Ziehvater Rocko Schamoni. Sei das nun die zielgerichtete Realismusklatsche in Sachen Popkultur und Fame ("Stars") oder philosophische Gedanken hinsichtlich der Kompatibilität von Kiffen und Kacken ("Haschproleten"). Dani und Fritzi wollen mit Fäkalhumor nicht provozieren, sondern persönliche Liebeslieder machen, die nicht nur humorvolle Retrospektive der letzten schnellen Ficknummer sind. Neben den semigeilen Beziehungsrandthemen wollen sie auch die wirklich unschönen Themen wie Depressionen und psychotische Ängste ansprechen. Devise: Nichts beschönigen und nichts totschweigen. Über gesellschaftlich ausgeklammerte Themen wie Tod und Versagensangst auch mal lachen, wie über "Herr Schulz" - der ist nämlich tot.

Dabei sind weder Depression noch soziale Angst Voraussetzung für Identifikation mit Schnipos Texten. Letztendlich vermitteln sie einfach nur diese Verlorenheit mit dem Sozialgefüge und seinen kleinen, gemeinen Tücken nicht klarzukommen. So beschreibt "Murmelbahn" einen Fluchtweg aus der Überforderung des Miteinanders und der erdrückende Last den von der Gesellschaft gestellten Erwartungen nicht zu entsprechen. "Dope" behandelt hingegen Alkoholsucht und zerrüttete Familienverhältnisse: "Seit sie 'nen anderen bumst, ist Mama endlich trocken".

Und ja, Sprache kann auch ein Schutz sein, denn natürlich ist es teiweise leichter über persönliche Psychosen zu reden, wenn man das Ganze sprachlich codiert. Dennoch verstecken Schnipo sich nicht hinter dem Fäkalhumor, sondern sprechen den Tacheles, der im Hip Hop schon längst Gang und Gebe ist, im Pop jedoch aus irgendeinem Grund noch nicht angekommen ist. Doch es war einmal eine kleine popkulturelle Nische in der man traurig auf einen kleinen Katzen-Sarg schielt, um dann lachend die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auszublasen. Poesie wie sie nur der Alltag schreibt – oder eben Schnipo Schranke.


Label: 
Buback Tonträger
VÖ: 
27.01.17
Herkunft: 
Hamburg, Deutschland