Protomartyr – The Agent Intellect

Rezensiert von Lukas Wortmann

Bei Protomartyrs “The Agent Intellect” beginnt das wirre Chaos schon beim Öffnen der Hülle des Tonträgers. Hier werden griechische Mythologie, Hochgeschwindigkeitszüge, die Depression der Arbeiterklasse, “social pressure” und das Thema Tod zu einem Potpourri an Bildern zusammengeworfen. Und das wirkt zunächst chaotisch, aber bei dem genaueren Hinsehen genauso stimmig wie die LP es auch auf musikalischer Ebene ist. Protomartyr sind eine vierköpfige Band aus dem von Verfall und Arbeitslosigkeit heimgesuchten Detroit. Der schroffe und ernste Charakter der Gruppe ist vor allem durch die Gefühle und Eindrücke des Frontmann Joe Casey geprägt. So sind die Hauptthemen eben jenes Detroit, aber auch soziale Streitthemen wie Religion, Politik, Familie und der Umgang mit dem Leben nach dem Tod. Mit ihrer mittlerweile dritten Platte “The Agent Intellect” haben sich Protomartyr deutlich weiterentwickelt und wirken kompakter und stringenter, und das ohne ihre emotionale, melancholische und zwingende Art und Tiefgang zu verlieren.

So beginnt das Album mit dem grandiosen “The Devil In His Youth” auch eher eingängig als sperrig, obwohl es um niemand anderen als den personifizierten Teufel himself geht. Der von dem Gitarren-Geschrammel geprägte Noise-Rock mit vielen Punk Einflüssen wirkt herrlich unkonstruiert und in sich sehr stimmig. Joe Caseys emotionale, an Ian Curtis erinnernde, Stimme legt den Grundstein für die Stimmung jedes Songs. Auch wenn die stark genuschelten und im Klangwirrwarr untergehenden Lyrics teilweise kaum zu verstehen sind, weiß man stets in welcher Gemütslage man sich gerade befindet. Selten bilden sich im Kopf so viele Bilder zu Songs wie auf “The Agent Intellect”.

So wartet man vergeblich auf eine schwache Lücke im Konzept und wird stattdessen an die besten Zeiten von Joy Divison und The National erinnert. Selten konnte man seit “Boxer” und “Alligator” solche von Emotionen und wahren Textzeilen durchspickten Songs hören wie beispielsweise “Pontiac 87″. Zum Ende des Songs würde man am liebsten auf das Geländer seines Balkon springen und allen verklemmten Menschen zusammen mit Joe Casey die Phrase “There’s no use being sad about it / What’s the point of crying about it” in den Kopf schreien – Matt Berninger würde sich sicher anschließen!

Während “Pontiac 87″ von einem Papstbesuch in Pontiac vor fast 30 Jahren bei dem Joe Casey selbst anwesend war handelt, spielt das anschließende “Uncle Mother’s” metaphorisch mit der dreckigen und von Exzessen geprägten Gesellschaft. Anfangs klingt es als ginge es um den eigenen Trip und man sollte die Kinder deshalb besser im Auto lassen. Doch zum Ende plädiert Casey selbst zum Nichteintreten (“You’re welcome to enter / If I was you I would not“) und fragt: “Are your children still in the car?” Kinder mitnehmen, nicht empfehlenswert. Kinder davon zurückhalten und selbst den dreckigen Lifestyle leben, auch nicht empfehlenswert für die Kinder. Bleibt laut Protomartyr also bloß die komplette Boykottierung der betrunkenen und benebelten Gesellschaft!

Musikalisch herausstechend ist die Ballade “Ellen” gegen Ende des Longplayers, die von Joe Caseys Mutter handelt. Langsam beginnend mit treibendem Schlagzeug nimmt sich der Song alle Zeit die er braucht ohne dabei auszuarten und feiert nach einigen Sekunden Stille ein Reprise. Dann aber ganz plötzlich losgelöst und freier, ein weiteres Beispiel für die klasse Gesangsarbeit von Frontmann Casey. Abseits davon machen Protomartyr musikalisch aber nichts was es noch nie gegeben hat. Eben grundsolider Post-Punk Noise-Rock der ebensogut aus den 80er Jahren stammen könnte.

Protomartyr haben viel zu sagen und überzeugen auch in ihrer musikalischen Umsetzung! “The Agent Intellect” ist ein Album das einen auf vielen Ebenen und auf ganz unterschiedliche Weisen berührt, und das obwohl man zu Detroit und der Stimmung dort als Europäer keinen sonderlichen Bezug hat. Würde es sich hier stattdessen um eine ostdeutsche Gruppe handeln, die sich über den Verfall ihrer Strukturen und Heimat beklagt, könnte man die Gefühlswelten der vier Amerikaner möglicherweise deutlich besser nachvollziehen. So bleibt im Endeffekt allerdings “nur” ein Noise-Rock Album mit viel Herz und musikalischer Brillianz, das für den außeramerikanischen Raum nur schwer fassbar und zu bewundern ist. The Smiths und Joy Divison haben halt Manchester, Interpol New York und Protomartyr eben “nur” Detroit – zum berühmt werden nicht die beste Grundvoraussetzung, um sich über das korrupte Weltgeschehen auszulassen allerdings ideal!


Label: 
Hardly Art / Cargo
VÖ: 
09.10.2015
Herkunft: 
Detroit, Michigan (USA)