Peter Doherty - Hamburg Demonstrations

Rezensiert von Till Otte

Pete Doherty nennt sich nun Peter Doherty, hat einen erfolgreichen Aufenthalt in einer Entzugsklinik in Thailand hinter sich und erst letztes Jahr eine Reuniontour mit den Libertines mitsamt neuem solidem Album ("Anthems For Doomed Youth") hinter sich. Die Zeichen stehen also gut, dass sich derjenige, der jahrelang mit wackligen Knien ohne herunterzufallen an der Klippe stehen konnte, nun endlich wieder vom Abgrund entfernt. Das neue Solo-Album "Hamburg Demonstrations" ist der Beweis.

Er wolle nicht wie Kolly Kibber enden, ein Gangster aus einem Graham Greene Roman, der in ebenjenem stirbt, singt er im wunderbaren gleichnamigen Albumopener und es ist in der Tat ein größtenteils sanfteres, manchmal lebensbejahenderes Album als man von Doherty erwarten könnte.

An der einen Stelle erwartet den Hörer wunderbarer Backgroundgesang von Boy, später singt er selbst "The Whole World Is Our Playground". Natürlich gibt es aber auch immer noch viel Melodramatik. Wenn Doherty beispielsweise eine runtergestrippte neue Version von seinem Song "Flags From The Old Regime", den er einst für Amy Winehouse geschrieben hat, präsentiert. Kitschig ist das jedoch nicht, sondern authentisch und bewegend.

"Only love can heal the sickness of celebrity" heißt es im Song "Birdcage" und wenn jemand darüber Lieder singen kann, dann Peter Doherty. Er und seine Musik existieren und funktionieren in einer einzigartigen Symbiose, die einen in den Bann zieht und nicht wieder loslässt.

Von bittersüßen Balladen wie seiner Amy Winehouse-Hommage bis zum Wahn(sinn) von "Oily Boker", der nach einem friedlichen Intro mit Mundharmonika im Gepäck eine starke Steigerung liefert und epische Tragik entfaltet, mitsamt Hintergrundgeschrei und Reimen wie "Micky Maus" auf "Geradeaus", nur um danach wieder friedlich die Mundharmonika erklingen zu lassen: Peter Doherty liefert von Song zu Song fantastische Musik. Alles mag leicht betrunken und beschwipst klingen, was jedoch bei Dohertys Gesang nur passend ist – zumal niemand betrunken schöner klingt als er. Ein weiteres Highlight ist es außerdem, den Briten verspielt deutsche Sätze in seine Lieder einstreuen zu hören.

Eine Zeile, die ganz besonders hängenbleibt, gibt es in dem Song "Hell To Pay At The Gates Of Heaven". Dort heißt es "Come on boys, choose your weapons / J-45 or an AK-47?", also die Wahl zwischen einer Akustik-Gitarre und einer Waffe. Der Song mag vor allem von den Anschlägen in Paris handeln, hat aber auch davon losgelöst eine große Kraft. Musik oder Gewalt?

Peter Dohertys Können und seine Musik sind vielleicht gewaltiger als die Gewalt selbst und er ist anscheinend wieder weit davon entfernt den Kampf zu verlieren.


Label: 
BMG Rights Management
VÖ: 
2. Dezember 2016
Herkunft: 
London, England