Perfume Genius - No Shape

Rezensiert von Till Otte

Perfume Genius, bürgerlich Mike Hadreas, hat nun ein besseres Leben. Waren die ersten Alben noch von Sehnsucht, Furcht, Angst und Selbstzerstörung geprägt, ist das Dunkle, Verzweifelte der ersten beiden Alben, das Wütende des dritten Albums auf dem vierten dem Triumphalen gewichen. Triumphale Musik kommt oft hymnenartig daher und klingt ähnlich. Erst wird leise darüber gesungen, was hinter einem liegt, bevor ein lauter D-Akkord einschreitet und eine instrumentale Welle des Dur auf einen loslässt. Selten gelingt es für dieses Gefühl eine neue Sprache zu finden und in diesem Gefühl experimentell zu variieren. Perfume Genius schafft genau das.

Das altbekannte Schema lässt Hadreas schon nach dem ersten Song "Otherside" hinter sich. Er bedient es hier zwar, aber bietet inhatlicht schon etwas Neues wenn er davon singt das "The Otherside" einen in den Schlaf schaukelt. Die erste Singleauskopplung und der zweite Track des Albums knüpft musikalisch genau dort an und liefert wohl den poppigsten Song des Albums. Inhaltlich nichts Neues, geht es doch um eine Beziehung, die andere als falsch bezeichnen. Eine mutmachende Hymne für alle Paare und Menschen, die anders sind: "Take my hand, take my everything / If we only got a moment / Give it to me now". Genau wie David Bowie damals mit "Heroes" beschränkt sich Hadreas textlich auf einen singulären Moment und erzielt genau deswegen eine ewige Wirkung. Perfume Genius scheut sich nicht vor Kitsch, denn er hat erkannt, dass in Kitsch auch Wahrheit liegen kann. "Heroes" klingt bis heute schließlich so gut, weil der Sound so speziell ist und es nie etwas gab, was diesen besondren Klang hätte überholen können. Das könnte auch mit "Slip Away" gelungen sein. Die Zeit wird es zeigen.

Thematisch knüpft er mit dem nächsten Song "Just Like Love" dort an und präsentiert eine sphärisch liebevolle Synthieballade über einen queeren Teenager, der gemobbt wird und dem er Mut machen will. Selten klang Perfume Genius so hoffnungsverheißend.

Musikalisch werden auf "No Shape" weirde hypnotisierende Rhythm-and-Blues Momente ("Go Ahead"), Spoken Words Stücke ("Choir"), beinahe poppiges Jodeln ("Wreath") und bezaubernde Balladen ("Valley", "Every Night") miteinander kombiniert. Alles klingt anders, jeder Song grenzt sich klar vom anderen ab und doch klingt alles stimmig und ergibt ein musikalisches Mosaik.

Je länger das Album läuft, desto düsterere Puzzlestücke tauchen auf. "I hear the sound of a million drums / With no beat / Violins with no melody / I'm sick with it" heißt es auf "Valley" in der Bridge. Ein Song über den Rückfall in den Drogenkonsum, den er bei einer Frau erlebte, die er im Entzug kennengelernt hat. "Die 4 You" widmet sich dem Fetisch des Sauerstoffsverlusts beim Sex, als Metapher der völligen Hingabe seines Lebens zu der Person, die man liebt. "I can't dream / Something keeps me / Locked and bodied" spricht Hadreas verzerrte Stimme in "Choir" aus dem Off. Hadreas, der unter der Morbus Crohn Krankheit leidet, thematisiert oft seine Gefangenschaft im eigenen befallenen Körper.

All das nimmt dem triumphalen Gefühl des Albums jedoch nichts, sondern gibt ihm erst die Berechtigung. "And every harm is / Lovingly washed away" singt er mit einem Chor gegen Ende auf "Braid" sanft, einfühlsam und angekommen. Das Album endet mit einem Liebeslied an seinen Partner "Alan". Es ist jedoch nicht der simple Erfolg, nun gesünder zu sein wie Hadreas es nun ist, nein es ist seine Ungläubigkeit das Alan und er es zusammen soweit geschafft haben, von der er hier singt. "Did you notice / We sleep through the night / Did you notice babe / Everything is alright" & "Never thought / I'd sing outside" sind Zeilen die ungemein berühren. Es endet mit den Worten "I'm here / How weird".

Perfume Genius schafft es, auf seinem vierten Album zu experimentieren, zu berühren, zu philosophieren und zu verarbeiten. Er schafft es, spannend, esotorisch, manchmal engelsgleich, verletzlich, wütend, entschlossen, erleichtert und aufmunternd zu klingen. "No Shape" ist wahrscheinlich nicht nur sein bisher bestes Werk, nicht nur das perfekte Mut machende und verstehende Album für Menschen der LGBTQ+ Community sondern auch in sich schlicht und einfach großartig.


Label: 
Matador Records
VÖ: 
05.05.17
Herkunft: 
Seattle, USA