Odd Couple - Flügge

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

Odd Couple, war das nicht so eine US-amerikanische Fernsehserie? Ja, stimmt. Seit ein paar Jahren machen aber auch das Duo Tammo Dehn und Jascha Kreft unter diesem Namen Musik. Die beiden Ostfriesen kennen sich schon seit dem Kindesalter und spielen beinahe schon genauso lange Musik. 2010 wurde ihnen dann aber die heimatliche Provinz zu klein und sie zogen nach Berlin, wo sie gemeinsam eine WG im Prenzlauer Berg gründeten. Eine kleine Analogie gibt es also doch zur gleichnamigen TV-Serie. Ganz so wie sich die beiden Musiker das Leben in einer Großstadt vorgestellt haben, verläuft es aber nicht. Kreft und Dehn fühlen sich Fehl am Platz, als Außenseiter und gründen die Band Odd Couple. 2014 folgt ihr Debütalbum "It's A Pressure To Meet You" – eine Berlinplatte im Garage-Sound.

Inzwischen haben sich Dehn und Kreft in Berlin eingelebt und ihr zweites Album "Flügge" veröffentlicht. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger lässt sich "Flügge" aber nicht so leicht in eine der Genreschubladen stecken. In ihren 14 neuen Songs, die sowohl deutsche als auch englische Texte haben, mischen Odd Couple Rock'n'Roll mit Blues und Krautrock. Bei so einem Mix ist es erstaunlich, dass "Flügge" nur innerhalb weniger Wochen eingespielt und auf sämtliches Sampling und digitale Nachbearbeitung verzichtet wurde. Aber wieso eigentlich, wo man doch heutzutage so viele Möglichkeiten dazu hat? Odd Couple haben den Anspruch, einen modernen Sound bei analoger Technik zu kreieren. Einen Anspruch, dem sie mit "Flügge" gerecht werden.

Auf "Flügge" scheppert und kracht es. Die Songs sind voller Energie und das ab dem ersten Gitarrenakkord vom Opener "Haste Strom Haste Licht". Songs wie "Go Sees", "Gehirnkasten" und "Gone Solid" lassen den Hörer durch ihren Groove, den präsenten Gitarrenriffs und dem rotzigen Gesang nicht mehr so leicht los. "Orbit Traveller" und "Serve" kommen dagegen etwas träumerischer daher.

Inhaltlich richten Odd Couple auf "Flügge" ihren Blick nach innen. Sie sind zwar in Berlin angekommen, fühlen sich aber immer noch fern des wilden Lebens mit Hang-Outs und Drogen. Es geht um die eigene Selbstfindung, darum sich selbst in jeder Tat, in jedem Lebensentwurf zu reflektieren. Dabei sind Odd Couple immer auf der Suche nach den Widersprüchlichkeiten – und da ergeben sich bei immer wechselnden Lebensentwürfen so einige. Der Titeltrack ist dafür ein Paradebeispiel. "Flügge" beschreibt einen Trip nach Kalifornien, der vermeintlich zur Erleuchtung über das Leben geführt hat. "Es war schön, [...] ich glaub, ich hab's verstanden". Letztlich stellt sich heraus, dass man genauso schlau wie vorher ist. Man will ein Leben in der Natur, Strom und Internet wären aber auch ganz nett. Am Ende vom Song "Flügge" folgt ein beinahe besinnlicher Aufruf zur Veränderung: "Du weißt genau, dass es so nicht weiter geht. Du weißt genau, dass du jetzt was ändern musst".

"Flügge" ist ein herrlich erfrischendes, gesellschaftskritisches Album. Eigenwillig, ungekämmt, einfach authentisch - nicht zuletzt durch die analoge Technik, die die Distanz zwischen Musiker und Hörer nimmt. Auch nach mehrmaligem Hören wird dieses Album durch den Genremix nicht langweilig. Ein "flügges" Album!


Label: 
Cargo Records
VÖ: 
04.11.2016
Herkunft: 
Berlin, Deutschland